ArchitekturführungChemnitz ist Sachsens Paris

Jugendstil in Chemnitz? Das ist kaum zu glauben – und deshalb umso schöner. Der Kaßberg ist eines der am besten erhaltenen Jugendstilquartiere zwischen Prag und Brüssel. von 

Der Stadtteil Kaßberg in Chemnitz ist berühmt für seine Jugendstil-Bauten.

Der Stadtteil Kaßberg in Chemnitz ist berühmt für seine Jugendstil-Bauten.  |  © Sebastian Blottner

Steinerne Blumengirlanden umranken die Hauseingänge, bunte Glasfenster leuchten in der Sonne, schwere Portale prahlen mit Schnitzereien. Putten und Relieffiguren grüßen von den Simsen – hat das Navi versagt? Doch nein, auf dem Ortseingangsschild stand deutlich zu lesen: Chemnitz . Stadt der Moderne. Und es las sich als Euphemismus für Plattenbauten und Kriegsbrachen. Vorschnell offensichtlich.

Im innerstädtischen Ortsteil auf dem Chemnitzer Kaßberg jedenfalls steht das architektonische Erbe einer einst reichen Industriestadt: Zwischen Prag und Brüssel gibt es wenige so große und gut erhaltene Jugendstilquartiere. Der vom Krieg wenig in Mitleidenschaft gezogene Kaßberg darf als architekturgeschichtliches Flächendenkmal gelten.

Während der Flaneur die unerwartete Pracht zwischen Pleißbach, Kappelbach und Schlossteich bestaunt, macht ihm Martina Wutzler die ersten prunkvollen Gründerzeitbauten allerdings schon wieder madig. Die Architektin hat sich auf Architekturführungen durch Chemnitz spezialisiert .

Schönheitsempfinden ist epochenabhängig

Sie stoppt vor einer reich dekorierten Gründerzeitfassade an der protzig gestalteten Kreuzung von West- und Barbarossastraße , dem höchsten Punkt des Kaßbergs: "Weil wir heute das moderne, reduzierte Bauen gewöhnt sind, finden wir so eine aufwändig verzierte Fassade sofort schön", sagt sie und deutet auf die überbordenden Verzierungen. "Wenn man sich allerdings einmal zehn Minuten Zeit nimmt, das genau zu analysieren, sieht man, wie unausgereift das Stilbewusstsein in diesem Fall noch war."

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Um sich zu erklären, begutachtet Wutzler jedes Geschoss einzeln: Im ersten verschönern "noch erträgliche"Rundbögen die Fenster, deren Schlusssteine allerdings schon an den Sims zwischen erster und zweiter Etage anstoßen. In der Fensterfront darüber finden sich auf einmal Dreiecksgiebel, darüber plötzlich eine Mischung aus geradem Fensterdach und Rundbogenverzierung.

Architektur ist ein 3D-Lehrbuch

"Die dritte Etage ist ganz schrecklich, die vierte dann schon wieder anders und die Fenstergewände sind auch nicht so hübsch", sagt Martina Wutzler. Die Erklärung für das Fassadenpuzzle zeigt sich am Baujahr, das ganz oben angegeben ist: "1897, da wussten sie einfach noch nicht so richtig, wo’s lang gehen soll."

Fassade am Kaßberg

Fassade am Kaßberg  |  © Sebastian Blottner

Der Kaßberg ist ein überdimensionales Lehrbuch über den Beginn der klassischen Moderne. Der Jugendstil war deren Wiege, eine Kunstströmung, die sämtliche Bereiche der angewandten und bildenden Kunst, die Architektur, Malerei, Mode und Tanz erfasste. Wo der Jugendstil herkam und wo es anschließend hingehen sollte, wird auf dem Kaßberg anschaulich – und lässt sich auf rund zwei Quadratkilometern ersehen und erlaufen.

Angefangen bei dem riesigen denkmalgeschützten wilhelminischen Gefängnisbau, von dem aus einst DDR-Bürger in den Westen abgeschoben wurden, über die umgenutzte Industriearchitektur der Gründerzeit bis hin zu klassizistischen Villen, in Stein gegossenen neogotischen Historismen oder schon klar vom Bauhaus geprägten Wohngebäuden auf der Bergkuppe.

Leserkommentare
  1. Aktion war in vielen ostdeutschen Städten nach der Wiedervereinigung die Investion zwecks Restauration von Gebäuden bis hin zum Weltkulturerbe.

    Dresdener Innenstadtwohngebäude haben mich bereits mehr als positiv angesprochen, die Region um Görlitz und Leipzig auch.

    Chemnitz ist die Aufarbeitung der alten Häuser super gelungen.

    Könnte auch ein Ziel für Schulausflüge sein um zu zeigen wie es einmal war.

  2. Was würde wohl Goethe dazu sagen!?

    Dem Kaßberger darf man dieses Zitat ja wohl nicht übel nehmen, der Stadtteil ist wirklich imposant und so unerwartet, für jemanden, der Chemnitz nicht kennt.

    Aber den Artikel so zu überschreiben, wo es doch in Sachsen mindestens 2 Städte gibt, die den Vergleich eher verdient hätten....ick wees ja nich.

  3. Kaum zu glauben wie gering die historischen Kenntnisse inzwischen sind: das Königreich Sachsen war bis zum 1. Weltkrieg das mit Abstand industrialisierteste Land in Dtl., die meisten Millionäre pro Kopf der Bevölkerung wohnten in Markneukirchen (da wird jetzt wieder gerätselt, wo das liegt)

  4. ... zum Chemnitzer Jugendstil gibt es hier http://www.deutsches-arch... zu sehen!

  5. ... bin ich dann doch noch gestolpert. Eigentlich wollte ich mich gerade über den Artikel freuen, und dann das:

    "Die Herausforderung, die Chemnitzer an gute und damit teurere Weine zu gewöhnen, nimmt sie gern an", die badische Weinprinzessin.
    Soso, man muss also die Chemnitzer an den guten Wein erst "gewöhnen", ja? Aber ganz behutsam, da die ja schließlich nur das Ost-Gesöff gewohnt sind und noch nicht gelernt haben, viel Geld für Hochklassiges auszugeben. Darin besteht offenbar die "Herausforderung".
    Und wenn der Kaßberg sich dann vollends zum Stadtteil für "Besserverdienende" entwickelt hat, inklusive teurer Hipster-Weinstuben, dann ist das Städte-Ideal erreicht!

    Ja, Herr Blottner?

    Für mich ist das eine unnötige Abwertung der Stadt und ihrer Bewohner (wie übrigens auch das "Unerwartete", siehe Kommentar #3). Überflüssig, denn Chemnitz muss sich nicht den Verhältnissen in Paris (oder Hamburg) anpassen, um für seine Einwohner attraktiv zu sein...

  6. daß durch die derzeitige Ausformung der Dämmung von Immobilien Stuck und Zierrat an vielen Häusern akut bedroht oder schon unwiderbringlich verloren sind. Leider war es Z-O bisher wohl nicht möglich sich dieses, meiner Meinung nach kulturell mehr als brisanten Themas, anzunehmen.

    Ein kleiner Tip noch für Frau Wagner. Es freut mich das Sie Gefallen an der Gegend gefunden haben. Aber auch zu Wein gibt es verschiedene Ansichten. Und diese gestylten und verschnittenen "Weine" mit ständig gleichbleibenden Geschmack und ständig gleichbleibender Qualität sind, nicht nur nach meiner Auffassung, einfach bloß tot, auch zum Kochen nicht zu gebrauchen und Putzessig gibts sowieso günstiger. Da ist einfach kein Niveau und keine Seele drin.

    Nun möchte ich Ihnen nicht ein solches Angebot in Ihrem Hause unterstellen, jedoch wird dieser Fehler von auswärtigen "Weinkennern" in Sachsen oft begangen.

    Sollten Sie Ihren Wein bei Herr Schliwa beziehen richten Sie ihm doch bitte einen schönen Gruß aus, Sonnenblumen können zwar auch "aussehen", aber das Verbringen der Samen in die Erde schreibt sich immer noch aussäen (vom Wortstamm Saat her).

    Ich und etliche Bekannte sind übrigens etwas erdverbundener in der Weinwahl, als brombeer-weich-halbfruchtig mit windigen Abgang, und wählen Weine eher nach Lage, Boden, Reife und Wetter. Wohl wissend das Geschmack und Qualität auch mal schwanken können.

    Dafür wählt man wohl aber auch Wein und keine Instant-Faßbrause.

  7. Als ehemaliger Erich-Mühsam-Straßen-Chemnitzer bin ich verwundert, dass ein schönes Haus in der Straße zum Star eines Zeit-Artikels wird. Vor ein paar Jahren wurde mir eine Wohnung dort hinterhergeworfen. Die Mieten dürften nicht sonderlich gestiegen sein.

    Der künstliche Kaßberg-Hype ist ein Armutszeugnis für Karl-Marx-Stadt. Wenn das Touristenatracktion Nummer 1 ist, spricht das nur dafür, dass ein Besuch der Stadt (außer zum "Shopping") nicht lohnt.

  8. die reichste deutsche Stadt. Eine florierende Industriestadt eben. Zu DDR-Zeiten lag hier die Industrieproduktion pro Kopf sehr hoch. Zu meiner Lehrzeit hatte ich auch viele Mitlehrlinge, die in Thüringen oder Mecklenburg keine Lehrstelle bekamen.
    Leider führte in Chemnitz relativer Wohlstand zum sozialistischen Städtebau um den Kapitalismus auch da zu überwinden.
    Ich habe mal gelesen, es gab einen Streit darum, ob eine ringförmige oder kreuzungsbetonte Bebauung realisiert werden soll, der nie richtig entschieden wurde. So sieht es auch aus in Chemnitz.
    Ich habe miterlebt:
    -Abriss der alten Innenstadt-da steht u.a. heute die Stadthalle (bekannt durch "Sternstunden der Volksmusik" in der ARD)
    -Entstehen der riesigen Plattenbausiedlungen für über 100Tsd. Bewohner
    -Zerschlagung des alten, großen Straßenbahnnetzes und Ersatz durch Busse
    -autogerechter Ausbau der Innenstadt
    Schöner ist Chemnitz dadurch nicht geworden-im Gegenteil.
    Dass der Kassberg verschont wurde, liegt auch am fehlenden Geld für Abriss und Neubebauung im großen Maßstab nach sozialistischer Manier.
    Ehrfurcht vor alter Bausubstanz wars wohl eher nicht. Man gehe mal ans westliche Ende der Weststraße-da ist nichts mehr mit Jugendstilbauten.
    Und nach der Wende wurde dann das Stadtzentrum mit Investorenarchitektur vollgepflastert. An anderen Stellen geht der Abriss der alten Substanz weiter.
    Hoffentlich wird Chemnitz durch seine Museen und alten Viertel bekannter, damit erhaltenswertes doch noch eine Chance hat.

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  • Schlagworte Bauhaus | Chemnitz | Brüssel | Prag | Paris | Sachsen
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