Steinerne Blumengirlanden umranken die Hauseingänge, bunte Glasfenster leuchten in der Sonne, schwere Portale prahlen mit Schnitzereien. Putten und Relieffiguren grüßen von den Simsen – hat das Navi versagt? Doch nein, auf dem Ortseingangsschild stand deutlich zu lesen: Chemnitz . Stadt der Moderne. Und es las sich als Euphemismus für Plattenbauten und Kriegsbrachen. Vorschnell offensichtlich.

Im innerstädtischen Ortsteil auf dem Chemnitzer Kaßberg jedenfalls steht das architektonische Erbe einer einst reichen Industriestadt: Zwischen Prag und Brüssel gibt es wenige so große und gut erhaltene Jugendstilquartiere. Der vom Krieg wenig in Mitleidenschaft gezogene Kaßberg darf als architekturgeschichtliches Flächendenkmal gelten.

Während der Flaneur die unerwartete Pracht zwischen Pleißbach, Kappelbach und Schlossteich bestaunt, macht ihm Martina Wutzler die ersten prunkvollen Gründerzeitbauten allerdings schon wieder madig. Die Architektin hat sich auf Architekturführungen durch Chemnitz spezialisiert .

Schönheitsempfinden ist epochenabhängig

Sie stoppt vor einer reich dekorierten Gründerzeitfassade an der protzig gestalteten Kreuzung von West- und Barbarossastraße , dem höchsten Punkt des Kaßbergs: "Weil wir heute das moderne, reduzierte Bauen gewöhnt sind, finden wir so eine aufwändig verzierte Fassade sofort schön", sagt sie und deutet auf die überbordenden Verzierungen. "Wenn man sich allerdings einmal zehn Minuten Zeit nimmt, das genau zu analysieren, sieht man, wie unausgereift das Stilbewusstsein in diesem Fall noch war."

Um sich zu erklären, begutachtet Wutzler jedes Geschoss einzeln: Im ersten verschönern "noch erträgliche"Rundbögen die Fenster, deren Schlusssteine allerdings schon an den Sims zwischen erster und zweiter Etage anstoßen. In der Fensterfront darüber finden sich auf einmal Dreiecksgiebel, darüber plötzlich eine Mischung aus geradem Fensterdach und Rundbogenverzierung.

Architektur ist ein 3D-Lehrbuch

"Die dritte Etage ist ganz schrecklich, die vierte dann schon wieder anders und die Fenstergewände sind auch nicht so hübsch", sagt Martina Wutzler. Die Erklärung für das Fassadenpuzzle zeigt sich am Baujahr, das ganz oben angegeben ist: "1897, da wussten sie einfach noch nicht so richtig, wo’s lang gehen soll."

Der Kaßberg ist ein überdimensionales Lehrbuch über den Beginn der klassischen Moderne. Der Jugendstil war deren Wiege, eine Kunstströmung, die sämtliche Bereiche der angewandten und bildenden Kunst, die Architektur, Malerei, Mode und Tanz erfasste. Wo der Jugendstil herkam und wo es anschließend hingehen sollte, wird auf dem Kaßberg anschaulich – und lässt sich auf rund zwei Quadratkilometern ersehen und erlaufen.

Angefangen bei dem riesigen denkmalgeschützten wilhelminischen Gefängnisbau, von dem aus einst DDR-Bürger in den Westen abgeschoben wurden, über die umgenutzte Industriearchitektur der Gründerzeit bis hin zu klassizistischen Villen, in Stein gegossenen neogotischen Historismen oder schon klar vom Bauhaus geprägten Wohngebäuden auf der Bergkuppe.