HotelfachschuleStudieren in der Schweiz, Prestige in China

Immer mehr Chinesen studieren an Hotelfachschulen in der Schweiz. In China steht ihnen damit die Zukunft offen, doch in der Schweiz sieht man ihre Qualitäten anders. von Mirja Hammer

Yan Fei studiert in der Schweiz. Er will Hotelmanager werden.

Yan Fei studiert in der Schweiz. Er will Hotelmanager werden.  |  © Teven

"Ich will besser werden als mein Vater", sagt der schlaksige, hoch gewachsene Chinese, während er Gläser poliert. "Für mich ist mein Vater der erfolgreichste Geschäftsmann und ich wäre stolz, wenn ich noch besser würde, als er ist." Als ein vornehmes Paar das Restaurant betritt, legt Yan Fei Glas und Lappen ab, streicht seine Schürze glatt und eilt mit einer Menükarte zu ihnen. Kurz darauf serviert er das Essen, den Schweizer Dialekt imitierend: "En guada mitanand." Das Paar amüsiert sich über ihn.

Ein paar Brocken Deutsch kann Yan, der im Rahmen seines Hotelmanagementstudiums ein Praktikum im Davoser Vier-Sterne-Hotel Grischa absolviert. Der Rest läuft auf Englisch. Kaum dass die Teller leer sind, räumt er sie wieder ab, drei Minuten später ist kassiert. Dazwischen poliert er Gläser, ohne sein perfektes Servicelächeln oder einen der Gästewünsche zu vergessen.

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In der Tür zur Küche steht Edward Hung, ein Mann in den Fünfzigern mit Nickelbrille und fliehendem Haar. Der Serviceleiter des Chinarestaurants Golden Dragon im Hotel Grischa kam vor 30 Jahren aus China, um von der Schweizer Gastfreundschaft zu lernen. Seither hat er sich bis zum Restaurantleiter hochgearbeitet. Mit seinem Praktikanten Yan Fei von der Hotelschule in Passugg ist er zufrieden. Er habe schon ganz andere chinesische Studenten und Hotelschüler bei sich gehabt, erzählt er. Solche, die aus gutem Hause kamen, noch nie in ihrem Leben einen Besen in der Hand hatten und sich strikt weigern, vermeintlich niedere Arbeit zu verrichten.

Doch Yan Fei weiß, was er zu tun hat.

Zuwachs aus Asien im Tourismus

Davos
Davos in der Schweiz

Davos in der Schweiz  |  © Schweiz Tourismus

Ursula Gehbauer, Leiterin der Hotelfachschule in Passugg, bekommt immer mehr Anrufe von chinesischen Eltern, die ihr Kind in die Schweiz schicken wollen. Passugg ist ein Dorf nahe Chur im Kanton Graubünden. Die Hotelfachschule Swiss School of Tourism and Hospitality (SSTH) liegt im ehemaligen Kurhaus, das seinen 220-Betten-Betrieb Ende der 1970er einstellte. Rund 100 Studenten, davon 30 aus Asien, nehmen hier jährlich ihr Studium auf, um von der berühmten Schweizer Gastfreundschaft zu lernen.

Doch nicht nur Studenten aus Asien kommen, auch immer mehr Touristen: Allein in diesem Jahr rechnet Schweiz Tourismus mit einem Besucherzuwachs aus Ostasien von rund 20 Prozent. Im Schnitt geben Asiaten dabei 350 Franken aus – pro Tag. Die Deutschen geben nur 150 Franken täglich aus.

"Chinesen sind sehr markenaffin. Wer es sich leisten kann, geht in die Schweiz und kommt mit möglichst vielen, teuren Geschenken zurück", sagt Gehbauer. Yan Fei sagt: "Meine Mutter liebt es, ihren Freunden zu erzählen, dass ihr Sohn im reichsten Land der Welt studiert." Wenn er zurückkommt, möchte sie ein Hotel eröffnen. "Mal schauen", meint er.

Hoffnung als Last für die Elite-Kinder

70.000 Franken, rund 60.000 Euro, muss eine Familie für das Studium in Passugg zusammenlegen. Ursula Gehbauer, die Leiterin der Hotelfachschule, sagt: "Die Studenten finden nur in Passugg eine Fokussierung auf den internationalen und den nationalen Hotelmarkt. An anderen Schulen gibt’s entweder oder. Unsere Studenten wollen beides. Sie wollen das Schweizer Hotelfach in Praxis und Theorie lernen, um es dann auf ihre Heimatländer anzuwenden."

Von der Rückkehr der Elite-Kinder versprechen sich die Eltern einen gesellschaftlichen Aufstieg. China hat viel nachzuholen und es sind die Kinder, die das für ihre Familien erledigen sollen. Es muss eine schwere Bürde sein für eine Generation, die keine Geschwister hat. "Ja, auf uns lastet viel Druck", sagt der 23-jährige Yan dazu knapp.

Internationales Studium gerne, aber kein Schweizer Essen

Das Essen auf dem Gaskocher qualmt. Die zierliche Yi Jiaying springt vom Bett auf und stellt ihn ab. Sie müssen höllisch aufpassen, dass der Rauchmelder an der Decke ihres Personalzimmers in einem Seitentrakt des Hotels Grischa nicht Alarm schlägt. Yan und seine Freundin Yi mögen das Schweizer Essen nicht und kochen deshalb in ihren zwölf Quadratmetern auf dem Fußboden. So lange es keinen Ärger gibt, sei das in Ordnung, sagt Yan.

Yi schöpft Reis und Gemüse auf zwei Teller, Messer und Schneidebrett schiebt sie unters Bett. Yan hat seine Freundin schon in China kennen gelernt. Auch ihre Eltern schickten die 21-Jährige aus ihrer Zwei-Millionen-Heimatstadt Jilin im Nordosten Chinas auf die Hotelfachschule in Passugg, um den Bachelor in International Hospitality Management zu machen. Im eher überschaubaren Davos-Platz macht sie zusammen mit Yan, der bereits den Master macht, nun ihr erstes Praktikum. Das Hotel Grischa ist schon okay, findet Yi Jiaying. Eigentlich wollte sie ja ins Savoy, aber die nehmen keine Chinesen.

Leserkommentare
  1. aber dennoch interessant zu erfahren wäre ob die Bezeichnung einer Hotelfachausbildung als "Studium" politisch gewollt oder lediglich Folge der Gleichmachpropaganda ist?

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • Gerry10
    • 25. September 2012 19:04 Uhr

    ...zwischen Hotelfachausbildung und Hotelfachstudium.
    Sie vergleichen hier Äpfel mit Orangen.

    • Gerry10
    • 25. September 2012 19:04 Uhr

    ...zwischen Hotelfachausbildung und Hotelfachstudium.
    Sie vergleichen hier Äpfel mit Orangen.

    Antwort auf "Irrelevant"
    • omnibus
    • 25. September 2012 19:31 Uhr

    "Einmal kam einer zu mir und wollte wissen, was es bedeutet, eine These zu diskutieren. Es lag ihm vollkommen fern, die Aussage einer Autorität zu hinterfragen"

    - das ist der Grund, warum viele europäische Hochschulen nur wenige Asiaten aufnehmen. Sie erwarten eigenständiges Denken von ihren Studenten.

  2. Also in Sachen Gastfreundschaft könnten eher die Schweizer noch von den Chinesen lernen. Wir sprechen hier von weit auseinander liegenden Leveln.

    Was Chinesen aber gerne noch lernen dürfen ist, wie man Servicepersonal behandelt. Wurde im Artikel auch kurz erwähnt. Für viele Chinesen sind Dienstleister jeglicher Art, die "für" einen arbeiten nicht sonderlich viel wert.

    Also bitte als nächsten Studiengang "Wie man sich nicht wie der Kaiser von China aufführt" einführen. Pflichtfach für jeden Chinesen und gern auch für den einen oder anderen Europäer, der von seinen Eltern mehr Geld als Manieren mitbekommen hat. ;)

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  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte China | Schweiz | Dialekt | Essen | Franken | Hotel
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