Leserartikel

WestbankAuf Trekkingtour durchs Heilige Land

Leser Matthias Kerschbaum wanderte durch die Westbank und fühlte sich wie ein Promi: Für seine Reisegruppe wurden Straßen gesperrt, im Schwimmbad gab es Bodyguards.

Gegen drei Uhr morgens weckte uns abrupt ein lautes Stimmengewirr. Wir blinzelten aufgeschreckt in die Taschenlampen uniformierter Polizisten. Mitten in der Nacht wollten sie unseren Schlafplatz in der Nähe des griechisch-orthodoxen Klosters Mar Saba räumen. Erst der Anruf unseres Reiseführers bei den Behörden von Ramallah beendete den Vorfall. Am nächsten Morgen entschuldigten sich die Polizisten in Bethlehem offiziell bei uns. Es hätte sich um ein Missverständnis gehandelt.

Leserartikel auf ZEIT ONLINE

ZEIT ONLINE präsentiert regelmäßig ausgewählte Leserartikel, die unsere eigenen Inhalte um zusätzliche Meinungen, Erfahrungsberichte und Sichtweisen bereichern. Vor der Veröffentlichung nehmen wir mit den Autoren Kontakt auf und sprechen über den Text, anschließend wird der Leserartikel von uns redigiert und bebildert. Auch bei Leserartikeln, die unter Pseudonym veröffentlicht wurden, kennt die Redaktion Namen und Anschrift des Autors. Alle weiteren Informationen finden Sie in unseren Leserartikel-FAQ.

Leserartikel schreiben

Welches Thema brennt Ihnen schon seit Längerem auf der Seele? Was freut, ärgert oder verwundert Sie? Welches Buch, welche Musik oder welchen Film würden Sie gerne einmal auf ZEIT ONLINE rezensieren? ZEIT ONLINE freut sich auf Ihren Leserartikel. In unseren Leserartikel-FAQ finden Sie alle wichtigen Hinweise, wie Sie beim Verfassen Ihres eigenen Artikels für ZEIT ONLINE vorgehen sollten.

Zur Artikeleingabe

Der ZEIT-ONLINE-Wald

Als symbolisches Dankeschön pflanzen wir für jeden Leserartikel, den wir veröffentlichen, einen Baum. Dabei arbeiten wir mit iplantatree.org zusammen. Zum Start des neuen Leserartikel-Projekts haben wir schon 1000 Bäume in Berlin Friedrichshagen gepflanzt und hoffen, dass daraus im Lauf der Jahre ein ganzer ZEIT-ONLINE-Wald wird. Mehr Informationen finden Sie in unseren Leserartikel-FAQ.

Dieser Vorfall kurz vor Ende unserer geführten Tour durch die Westbank war die einzige unangenehme Situation, die unsere Reisegruppe aus Süddeutschland unterwegs erlebte. Die Gruppe bestand aus 16 Frauen und Männern, die Jüngste von uns war 18, die Älteste 40. In zehn Tagen legten wir über 100 Kilometer zu Fuß durchs Heilige Land zurück. Trekking sei in Palästina im Kommen, sagte unser Reiseführer. Doch auch er mache so eine lange Tour zum ersten Mal. Wir fühlten uns wie Pioniere. Erst nach sechs Tagen trafen wir in Jericho zum ersten Mal auf andere Touristen.

Anzeige

Wo auch immer wir hinkamen, hießen uns die Menschen willkommen. Die herzlichen Empfänge in Fasayil oder Yanoun sind mir besonders in Erinnerung geblieben. Die Bürgermeister der beiden Orte begrüßten und bewirteten uns persönlich, so sehr freuten sie sich über unser Kommen.

Während der Tour wurde es fast zur Gewohnheit, dass uns Dorfbewohner zu sich nach Hause einluden. So lernten wir zum Beispiel einen palästinensischen Taxifahrer kennen, der jedes Jahr für drei Monate im Ruhrpott arbeitet. Den Rest des Jahres verbringt er in seinem Dorf in der Nähe von Duma. Er rief uns von der Straße aus zu sich ins Haus, bot uns Tee an und erzählte uns stolz von seinem ältesten Sohn, der in Deutschland studiert. Zum Abschied brachte er uns bis ans Ende des Dorfes und entschuldigte sich: "Ich schäme mich, dass ich nicht besser vorbereitet war."

In Bathan sperrte die palästinensische Polizei mehrmals die Straße, damit wir eine befahrene Strecke sicher überqueren konnten. Als einer aus unserer Gruppe fragte, ob es in der Oase eine Bademöglichkeit gebe, sperrten sie kurzerhand für eineinhalb Stunden ein öffentliches Schwimmbad für uns. Jeder Widerspruch war zwecklos. Während wir badeten, durften sich nur ausgewählte Polizisten im Schwimmbereich aufhalten – wohl als Bodyguards. Warum sie das taten, ist schwer einzuschätzen. Meines Erachtens wollten sie uns zeigen, dass sie sich um uns kümmern und dass sie für uns da sind.

Schwimmen unter einer solchen Beobachtung war gewöhnungsbedürftig und ich muss das sicherlich nicht wiederholen. Eine Reise in die Westbank würde ich allerdings jederzeit wieder unternehmen – alleine wegen der außergewöhnlichen Gastfreundschaft der Menschen.

 
Leserkommentare
    • eras
    • 03.10.2012 um 21:37 Uhr

    Ein netter Artikel - gerade weil die Politik außen vor bleibt und es nur um die Menschen geht. Was Sie schildern, ist für mich, seit ich vor einigen Jahren in den Nahen Osten gezogen bin, alltägliche Realität. Die Herzlichkeit und Gastfreundschaft der Menschen sowohl auf palästinensischer wie israelischer Seite ist wirklich beeindruckend. Zu Beginn meines Aufenthalts waren die Einladungen so zahlreich, dass man - immer noch in der deutschen Mentalität gefangen - es schon fast als Sozialstress empfand. Selbst der Kellner im Café um die Ecke war davon überzeugt, dass ich unbedingt das Essen seiner Mutter probieren müsse...

    Ich habe mich oft gefragt, wie die Situation in Deutschland aussehen würde, wenn wir gegenüber Zuwanderern ähnlich offen und herzlich agieren würden. Wahrscheinlich würde es dann weit weniger Bedarf für Integrationsdebatten und Sarrazin-Kopftuchmädchen-Bücher geben. Weil man ja miteinander statt übereinander reden könnte. Viele Missverständnisse und Fehlwahrnehmungen wären wohl gar nicht erst entstanden.

    11 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Als Hinweis auf die Unterschiede könnte man im Text suchen...ach ja, hier "Erst nach sechs Tagen trafen wir in Jericho zum ersten Mal auf andere Touristen."

    Wenn Sie in Deutschland 6 Tage laufen müssten um einen Migranten zu finden, wären der soziale Umgang und der Aufwand für das Miteinander vielleicht auch ein bißchen anders (siehe Schwimmbad sperren...)

    Als Hinweis auf die Unterschiede könnte man im Text suchen...ach ja, hier "Erst nach sechs Tagen trafen wir in Jericho zum ersten Mal auf andere Touristen."

    Wenn Sie in Deutschland 6 Tage laufen müssten um einen Migranten zu finden, wären der soziale Umgang und der Aufwand für das Miteinander vielleicht auch ein bißchen anders (siehe Schwimmbad sperren...)

    • inecht
    • 04.10.2012 um 6:38 Uhr

    Und was ist den agierenden Konfliktpartner noch "heilig" ???

    2 Leserempfehlungen
  1. Eine Treckingtour mit 10km pro Tag? Ist das nicht eher eine Sitzblockade? So viel lauf' ich ja pro Tag (Wahnsitz - Bhf und zurück) Wie kann man das ernsthaft Trecking nennen?

    3 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • eras
    • 04.10.2012 um 11:06 Uhr

    @Kommentator 3
    "Eine Treckingtour mit 10km pro Tag? Ist das nicht eher eine Sitzblockade? ... Wie kann man das ernsthaft Trecking nennen?"

    Nun, zunächst einmal handelt es sich ja um eine Tour in einer Wüstenumgebung. In der Negev wird es selbst um diese Jahreszeit gerne mal um die 40 Grad warm - im Schatten. Noch dazu handelt es sich so ziemlich genau um das Gegenteil von Flachland. Das spielt aber eigentlich keine Rolle, denn der Artikel beschreibt ja keine Reisegruppe, die aus ambitionierten, kilometerfressenden Hobbysportlern besteht. Es ging offensichtlich darum, die Landschaft und die Menschen kennenzulernen.

    @Kommentator 5:
    "Da sollte man etwas Begriffspflege betreiben und nicht bei der allgemeinen Verwässerung mitmachen."

    Vielen Dank für die Erinnerung an die deutsche Begriffspedanterie und Unentspanntheit (die ich überhaupt nicht vermisse). Wer hat eigentlich die Definition von "Trecking" aufgestellt? Darf ich es auch Trecking nennen, wenn ich nicht halb erfriere und ohne Jack Wolfskin-Jacke auskomme...?

    Der Autor hat sich offensichtlich von der Entspanntheit der Menschen hier anstecken lassen und deshalb nicht vorher im Regelbuch nachgeschlagen, ob seine Tätigkeit alle Bedingungen für die Verleihung des Begriffes "Trecking" erfüllt. Gut für ihn.

    So, und ich trecke jetzt mal zum Supermarkt. Auch wenn diese Tätigkeit so gar nicht die Grundbedingungen erfüllt und ich deshalb wohl als Verwässerer angeklagt werde...

    Eras treckt - zieht mal los zum Supermarkt.

    Im Rheinland, statt "Wir ziehen ein wenig um die Häuser" sagt man "Mer trecke jet öm de Hüser".

    Ein Treck, zieht weiter, recht langsam.

    Würde man statt Trecking-Touristen "Ziehende Wanderer" sagen, hätte das gleich mehr Gelassenheit.

    • eras
    • 04.10.2012 um 11:06 Uhr

    @Kommentator 3
    "Eine Treckingtour mit 10km pro Tag? Ist das nicht eher eine Sitzblockade? ... Wie kann man das ernsthaft Trecking nennen?"

    Nun, zunächst einmal handelt es sich ja um eine Tour in einer Wüstenumgebung. In der Negev wird es selbst um diese Jahreszeit gerne mal um die 40 Grad warm - im Schatten. Noch dazu handelt es sich so ziemlich genau um das Gegenteil von Flachland. Das spielt aber eigentlich keine Rolle, denn der Artikel beschreibt ja keine Reisegruppe, die aus ambitionierten, kilometerfressenden Hobbysportlern besteht. Es ging offensichtlich darum, die Landschaft und die Menschen kennenzulernen.

    @Kommentator 5:
    "Da sollte man etwas Begriffspflege betreiben und nicht bei der allgemeinen Verwässerung mitmachen."

    Vielen Dank für die Erinnerung an die deutsche Begriffspedanterie und Unentspanntheit (die ich überhaupt nicht vermisse). Wer hat eigentlich die Definition von "Trecking" aufgestellt? Darf ich es auch Trecking nennen, wenn ich nicht halb erfriere und ohne Jack Wolfskin-Jacke auskomme...?

    Der Autor hat sich offensichtlich von der Entspanntheit der Menschen hier anstecken lassen und deshalb nicht vorher im Regelbuch nachgeschlagen, ob seine Tätigkeit alle Bedingungen für die Verleihung des Begriffes "Trecking" erfüllt. Gut für ihn.

    So, und ich trecke jetzt mal zum Supermarkt. Auch wenn diese Tätigkeit so gar nicht die Grundbedingungen erfüllt und ich deshalb wohl als Verwässerer angeklagt werde...

    Eras treckt - zieht mal los zum Supermarkt.

    Im Rheinland, statt "Wir ziehen ein wenig um die Häuser" sagt man "Mer trecke jet öm de Hüser".

    Ein Treck, zieht weiter, recht langsam.

    Würde man statt Trecking-Touristen "Ziehende Wanderer" sagen, hätte das gleich mehr Gelassenheit.

  2. Als Hinweis auf die Unterschiede könnte man im Text suchen...ach ja, hier "Erst nach sechs Tagen trafen wir in Jericho zum ersten Mal auf andere Touristen."

    Wenn Sie in Deutschland 6 Tage laufen müssten um einen Migranten zu finden, wären der soziale Umgang und der Aufwand für das Miteinander vielleicht auch ein bißchen anders (siehe Schwimmbad sperren...)

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    ... nicht Migranten. Kleiner aber feiner Unterschied. Israel ist voll von Migranten, prozentual sehr wahrscheinlich mehr als in D. Und in vielen Gebieten D. können Sie auch 6 Tage oder sogar mehr verbringen ohne einen Migranten zu treffen. Wenn man keine Ahnung hat ....

    Anyway, Gastfreundschaft ist etwas was "wir Deutschen" wirklich von unseren Migranten aus dem Nahen Osten lernen könnten. Die kann man aber auch hier erfahren wenn man mit diesen offen umgeht. In meinem Bekanntenkreis macht das auch unter den Deutschen schule. Find ich gut.
    Ein Grund warum ich Denke dass die Zuwanderung aus diesen Ländern langfristig eine positive Wirkung aud D. haben wird.

    nicht Touristen.

    Darauf habe ich mich bezogen.

    ... nicht Migranten. Kleiner aber feiner Unterschied. Israel ist voll von Migranten, prozentual sehr wahrscheinlich mehr als in D. Und in vielen Gebieten D. können Sie auch 6 Tage oder sogar mehr verbringen ohne einen Migranten zu treffen. Wenn man keine Ahnung hat ....

    Anyway, Gastfreundschaft ist etwas was "wir Deutschen" wirklich von unseren Migranten aus dem Nahen Osten lernen könnten. Die kann man aber auch hier erfahren wenn man mit diesen offen umgeht. In meinem Bekanntenkreis macht das auch unter den Deutschen schule. Find ich gut.
    Ein Grund warum ich Denke dass die Zuwanderung aus diesen Ländern langfristig eine positive Wirkung aud D. haben wird.

    nicht Touristen.

    Darauf habe ich mich bezogen.

  3. Die Gastfreundschaft durfte ich auch schon erleben, umso mehr schmerzt der gegenwärtige Zustand der Region.

    Doch eins würde mich nun doch interessieren: Geführte Wandergruppe oder Trekking?
    Das ist schließlich ein himmelweiter Unterschied.
    Trekking meint das vorwiegend weglose, ausschließlich selbstversorgte Unterwegssein.
    Wandern dagegen das Begehen von Etappen mit Bewirtung an den Stationen, wenn es denn mehrtägig wird.
    Nur durch die Mitnahme von Zelt und Isomatte wird Wandern nicht zum Trekking.

    Da sollte man etwas Begriffspflege betreiben und nicht bei der allgemeinen Verwässerung mitmachen.

    Eine Leserempfehlung
  4. ... nicht Migranten. Kleiner aber feiner Unterschied. Israel ist voll von Migranten, prozentual sehr wahrscheinlich mehr als in D. Und in vielen Gebieten D. können Sie auch 6 Tage oder sogar mehr verbringen ohne einen Migranten zu treffen. Wenn man keine Ahnung hat ....

    Anyway, Gastfreundschaft ist etwas was "wir Deutschen" wirklich von unseren Migranten aus dem Nahen Osten lernen könnten. Die kann man aber auch hier erfahren wenn man mit diesen offen umgeht. In meinem Bekanntenkreis macht das auch unter den Deutschen schule. Find ich gut.
    Ein Grund warum ich Denke dass die Zuwanderung aus diesen Ländern langfristig eine positive Wirkung aud D. haben wird.

    2 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    "Öhm, die Rede ist von Touristen nicht Migranten. Kleiner aber feiner Unterschied. Israel ist voll von Migranten, prozentual sehr wahrscheinlich mehr als in D."

    Keine Ahnung, was Ihr Adressat sich so vorgestellt hat.

    "Öhm, die Rede ist von Touristen nicht Migranten. Kleiner aber feiner Unterschied. Israel ist voll von Migranten, prozentual sehr wahrscheinlich mehr als in D."

    Keine Ahnung, was Ihr Adressat sich so vorgestellt hat.

  5. Ob man in Deutschland wohl große Freude damit auslösen würde, wenn man Schwimmbäder und Straßen sperrt, damit "Besucher von außerhalb" da gehen und schwimmen können?

    Wahrscheinlich dort auch nicht.....

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

Service