USAKalifornien unter und über Wasser

Monterey hat das größte Wasserschutzgebiet der USA. Vom Boot aus kann man Wale beobachten, und dem Leben unter Wasser kommt man im Aquarium nah. Von Ulf Lippitz von Ulf Lippitz

Ein Buckelwal in der Monterey Bay

Ein Buckelwal in der Monterey Bay  |  © Gina Thomas, Princess Monterey Whale Watching

Roger ist guter Dinge. Ja, die Bucht vor Monterey sei zwar bewölkt an diesem Augustmorgen um neun Uhr, aber einen Wal werden wir wohl zu Gesicht bekommen. Wäre doch gelacht. Die letzten Tage habe man Blau- und Buckelwale gesichtet, spektakulär sei das gewesen. Roger ist Naturalist, ein älterer Herr mit wettergegerbter Haut, verspiegelter Sonnenbrille und festem Händedruck. Jeden Morgen und jeden Nachmittag hilft er Touristen an Bord der Princess Monterey . Die Prinzessin ist ein weißes Motorschiff für 130 Personen und gehört zur Flotte der Princess Whale Watching Company . Seit 30 Jahren bringt das Unternehmen Wale und Menschen im Nordostpazifik näher, und seit jeher vom Pier des Fisherman’s Wharf – einer rustikalen Flaniermeile mit Souvenirgeschäften, Fischlokalen und Fastfood-Buden.

Drei Stunden soll die Tour dauern. Softdrinks und Cookies gibt es an Bord, natürlich gegen einen Obulus, und populärwissenschaftliche Fakten über einen knatternden Lautsprecher. Roger erklärt noch an Land, warum die Monterey Bay ein Paradies für Meerestiere ist. Rund 200 Kilometer südlich von San Francisco fällt der Meeresboden steil ab, bis zu 3.600 Meter tief.

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Im sogenannten Monterey Canyon gibt es sehr kaltes, aber auch nährstoffreiches Wasser. Und das zieht unzählige Arten an – Robben, Algen, Quallen, Haie und eben Wale. So erhaltenswert ist diese Vielfalt, dass sie seit 1992 Naturschutzgebiet ist: das Maritime National Sanctuary . Im Gegensatz zu anderen Regionen der Welt kann man im größten Wasserschutzgebiet der USA das ganze Jahr über Meeresgiganten beobachten. Schweinswale und Delphine leben in der Bucht, Grau-, Buckel- und Blauwale ziehen je nach Saison durch.

Steinbecks Konservenfabriken an der Cannery Row

Und von März bis November ist Buckelwal-Saison. An diesem Morgen stehen Familien aus Belgien , Deutschland und Frankreich an der Reling, in Jacken eingepackt, denn der Wind frischt trotz Sommer empfindlich auf. Die Väter übertreffen sich bereits bei der Ausfahrt, um die Seelöwen auf der Hafenmole zu fotografieren. Je näher wir an die alten Fischerdocks kommen, umso erbärmlicher stinkt es. Monterey war einmal ein Zentrum der fischfangenden Industrie, den alten Konservenfabriken an der Cannery Row hat John Steinbeck einen gleichnamigen Roman gewidmet. Heute erinnert nur der Geruch daran – für die Robben wohl so etwas wie für manche Damen ein Patschuli-Parfüm. Die Tiere rekeln sich jedenfalls genüsslich auf den nahe liegenden Felsen.

Finnwal Long Beach
Auch Finnwale sind vor der kalifornischen Küste zu sehen, wie hier vor Long Beach.

Auch Finnwale sind vor der kalifornischen Küste zu sehen, wie hier vor Long Beach.  |  © Frederic J. Brown/AFP/Getty Images

Eine aufgekratzte Schulklasse beklatscht am Heck jeden vorüberziehenden Meerespelikan. Vor ein paar Jahren waren die braun-weißen Wasservögel selten geworden, heute hat sich ihr Bestand dank eines Schutzprogramms erholt. Morgens sehe man mehr Tiere, brummt Roger über den Lautsprecher, und es sei für Wal-Touren sicherer. Dann seien die Wellen noch nicht so hoch, manchmal müsse man die späteren Touren wegen zu starken Seegangs absagen.

Euphorie in Tüten

Ist das Ironie? Die Prinzessin schaukelt ordentlich über das graublaue Wasser. Crew-Mitglieder patrouillieren unermüdlich auf Deck, damit niemand freihändig am Geländer steht. " Folks, one hand at the railing ", ermahnt Roger immer wieder, Leute, eine Hand an die Reling. Die ersten Touristen können das nach 45 Minuten nicht mehr hören. Sie liegen auf den Sitzreihen im Unterdeck, glasgeschützt vor Wind und Wasser, die Hand vor die Augen, die Erleichterungstüte in Reichweite. Die Euphorie der Schulklasse klingt bereits erheblich verhaltener. Zwei Asiaten schauen angestrengt auf den Boden.

Eine knappe Stunde sind wir hinausgefahren, da wird Rogers Stimme plötzlich lauter: Auf neun Uhr – Blasen! Und wo sich die Blasen kräuseln, da ist ein Buckelwal nicht weit. Tatsächlich, ein paar Sekunden später erhebt sich ein dunkles Etwas aus dem Wasser, es spritzt eine Fontäne in die Luft, die Kinder schreien nun wieder, auch die Erwachsenen hält es nicht länger. Alle rennen auf eine Seite des Schiffs, sodass sich die Prinzessin leicht seitwärts neigt. Gebannt schauen alle auf den Strudel, dann wieder der herausragende Leib eines Buckelwals, dann noch einer. "Eine Mutter mit Kalb", ruft Roger.

Leserkommentare
  1. Ich kann dem Autor nur zustimmen. Wir haben einen ganzen Tag im Aquarium verbracht und es war wunderschön!

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  • Schlagworte USA | Wasser | Kalifornien | Alberto Giacometti | Blauwal | Buckelwal
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