TunesienKairouan wurde noch nicht wachgeküsst

Tunesien hat die Tourismusflaute überwunden, doch nicht alle Orte profitieren vom Aufschwung. In Kairouan müssen Tagestouristen nirgendwo Schlange stehen.

Medina in Kairouan

Medina in Kairouan

Die Schiebetür des Minibusses öffnet sich. Karim springt auf den heißen, staubigen Boden vor der hohen Mauer, die die Altstadt von Kairouan in Tunesien umgibt. "Wir sind da!", ruft er in das Innere des Busses. Nur neun Personen haben sich für die Führung angemeldet, eine französischen Gruppe. "Früher, vor der Revolution, habe ich Gruppen von bis zu 30 Personen auf solche Ausflüge begleitet", sagt Karim, "heute bin ich schon über neun Teilnehmer froh".

Karim arbeitet für eine lokale Reiseagentur in Mahdia, einem kleinen Badeort, der rund 120 Kilometer entfernt von Kairouan liegt. Die Tour nach Kairouan ist seit Jahren fester Bestandteil des Programms, doch immer weniger Gäste entscheiden sich für den Trip ins Landesinnere. Aurélie gehört zu den wenigen Neugierigen. Die junge Studentin aus Marseille freut sich über die Teilnehmerzahl: "In kleinen Gruppen gewinnen solche Ausflüge doch eine Qualität, wie es sie sonst nur bei Studienreisen gibt."

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Nach den Massenprotesten in Tunesien im Frühjahr 2011, die nicht nur den Sturz des Ben-Ali-Regimes, sondern auch eine angespannte Sicherheits- und Wirtschaftslage zur Folge hatten, mieden vor allem europäische Touristen das Ferienziel am Mittelmeer. Unmittelbar nach der "Jasmin-Revolution" kam der tunesische Tourismus-Sektor mit Verlusten von bis zu 85 Prozent fast zum Erliegen.

Aufschwung – aber nicht überall

Mittlerweile hat sich die Branche erholt, die Buchungszahlen liegen nur noch knapp unter dem Niveau der Saison 2010 – und sie steigen weiter: Allein im Mai 2012 wurde die Ankunft von knapp 500.000 Touristen verzeichnet. Die meisten Besucher kommen aus Libyen – wie es schon in den 1990er Jahren der Fall war – und Frankreich; an dritter Stelle stehen algerische Touristen. Deutsche Tunesien-Reisende stellen die viertgrößte Gruppe dar.

"Es geht wieder aufwärts mit dem tunesischen Tourismus", sagt Mohamad Kerrou, Soziologe und Tourismus-Experte an der Universität Tunis. Denn anders als etwa in Ägypten sei die Revolution in Tunesien weitgehend friedlich verlaufen: "Die positive Berichterstattung in den westlichen Massenmedien lockt wieder Touristen ins Land." Doch der Aufschwung kommt noch nicht überall an: Vor Touren ins Landesinnere schrecken viele Touristen seit der Revolution zurück. Anlass zu Sorge bei Fahrten ins tunesische Binnenland besteht jedoch nicht, wie auch das Auswärtige Amt bestätigt.

Kairouan gehört zum UNESCO-Weltkulturerbe

Anders als Badeorte wie Sousse oder Mahdia hat Kairouan zudem kaum Übernachtungsgäste, die Stadt lebt vom Tagestourismus. Reisegruppen wie jene, die Karim heute durch Kairouan führt, verbringen maximal einen Tag in der 130.000-Einwohner-Stadt, die seit 1988 zum UNESCO-Weltkulturerbe gehört. Oft bleibt sogar nur ein halber Tag, um die Sehenswürdigkeiten der Altstadt im Eiltempo zu besichtigen.

Die Touristen sind die einzigen, die es in der Altstadt von Kairouan eilig haben: Innerhalb der rund vier Kilometer langen Stadtmauer geht es gemächlich zu. Nur wenige Autos schieben sich durch die engen Straßen, vorbei an Händlern, die ihre Waren auf Karren hinter sich herziehen.

Die Altstadt von Kairouan sei ein "Extrakt aus Tausendundeiner Nacht, durchdringendes und berauschendes Aroma, gleichwohl erleuchtend", schrieb Paul Klee 1914 begeistert. Auch heute heben sich leuchtend weiße Mauern vor einem strahlend hellblauen Himmel ab – jenes Hellblau, in dem auch die kunstvoll geschwungenen Gitter vor den Fenstern der Stadthäuser gestrichen sind. 

Am Rande des blau-weißen Labyrinths aus Gassen erhebt sich die Große Moschee von Kairouan, von den Einwohnern auch Sidi-Oqba-Moschee genannt. Die bekannteste Sehenswürdigkeit der im Jahre 670 gegründeten Stadt ist neben Mekka, Medina und Jerusalem eines der wichtigsten Pilgerziele der islamischen Welt.

Die kleine Reisegruppe um Karim verschwindet hinter den dicken Mauern des Eingangs, um den Innenhof der Moschee zu besichtigen – der Zugang zu den Gebetsträumen bleibt Touristen verwehrt. Der weitläufige, mit Marmor ausgelegte Hof ist an drei Seiten von langen Bogengängen umgeben, in deren Schatten einige Gläubige sitzen und im Koran lesen.

Karim zeigt der Gruppe eine Stelle im Hof, von der aus ein Blick in das Innere der Moschee möglich ist. Über unzähligen roten Gebetsteppichen erheben sich über 400 Säulen – Überreste römischer und byzantinischer Stätten in Tunesien, die im achten Jahrhundert als Baumaterial für die Moschee verwendet wurden.

Druck tut dem Geschäft nicht gut

Von der Moschee geht es in den Souk. Ins Blau-Weiß der schmalen Straßen mischen sich hier bunte Farben, die Gassen sind überdacht. Von duftenden Gewürzen über moderne Kleidung bis hin zu Teppichen: Hier gibt es alles.

Die Händler bieten der potenziellen Kundschaft ihre Waren in mehreren Sprachen an, lassen jedoch schnell von der Gruppe ab. "Unter Zeitdruck kann man keine guten Geschäfte machen", sagt Hatem, ein Teppichhändler.

Kairouan: Anreise

Tunisair fliegt fünf Mal wöchentlich von Frankfurt den Flughafen Tunis Carthage an, weitere Direktflüge gehen von den Flughäfen Hamburg, Berlin-Schönefeld, Berlin-Brandenburg, München und Düsseldorf nach Tunis. Die 153 Kilometer lange Strecke von Tunis nach Kairouan kann mit dem Mietwagen, einem Taxi oder mit organisierten Touren zurückgelegt werden. Vom Badeort Sousse sind es 57 Kilometer bis nach Kairouan, von Mahdia nach Kairouan 119 Kilometer. Zwischen Hammamet und Kairouan liegen 107 Kilometer (Anreise über den Flughafen Monastir). In den Badeorten bieten Hotels und lokale Reiseagenturen Touren nach Kairouan an.
Unterkunft: Das Hotel La Kasbah (fünf Sterne) bietet in der Neustadt Zimmer im maurischen Stil ab 48 Euro an. Private Unterkünfte in Kairouan können über die Seite http://www.tunisie-annonce.com gefunden werden. Im 57 Kilometer entfernten Sousse stehen über 70 Hotels in allen Preiskategorien zur Verfügung.

Aktivitäten

Die Besichtigung der Großen Moschee (Sidi Oqba-Moschee) sollte bei keinem Kairouan-Besuch fehlen. Geöffnet von Samstag bis Donnerstag, 8 bis 14 Uhr sowie Freitag von 8 bis 12 Uhr.
Im Museé du Tapis, dem staatlichen Teppich-Museum, können auch Teppiche mit Echtheitszertifikat erworben werden. Avenue Ali Zaoaoui, Öffnungszeiten Montag bis Donnerstag 8.30 bis 13 Uhr sowie 15 bis 17.30 Uhr, Freitag und Samstag 8.30 bis 13 Uhr.
Die mit aufwendigen Fayencen verzierte Grabstätte von Sidi Sahab, einem der Gefährten des Propheten Mohammed, liegt in der Neustadt und ist als Pilgerziel berühmt. Avenue El-Moez ibn Badis, geöffnet von Montag bis Freitag, 8 bis 18 Uhr.

Weitere Informationen

Tunesisches Fremdenverkehrsamt, Bockenheimer Anlage 2, 60322 Frankfurt am Main, Telefon 069-2970640, Internet: www.tunesien.info
Weitere nützliche Informationen bietet unter anderem auch die Seite www.tunesien-auf-einen-blick.de.

Kairouan ist berühmt für seine handgeknüpften Teppiche, die hier Zarbia genannt werden. Die luxuriöseste Variante, ein Zarbia aus Seide, kann bis zu 500.000 Knoten pro Quadratmeter haben. Doch die Geschäfte gehen nicht nur aufgrund des Zeitmangels der Tagestouristen schlecht, klagt Hatem: "Mit den Billigpreisen aus dem asiatischen Raum können wir nicht mehr mithalten."

Neue Kampagne für alte Schätze

Auf die noch immer angespannte wirtschaftliche Lage im Binnenland reagierte das tunesische Tourismusministerium mit der Kampagne "Tunesien neu erleben". Ziel ist es, neben bekannten Touristenzentren an der Küste wie Sousse oder Monastir auch die Standorte wie Kairouan für längere Aufenthalte interessant zu machen. So sollen die Übernachtungszahlen in den wirtschaftlich schwächeren Regionen erhöht werden. Deutliche Erfolge der neuen Kampagne sind zwar noch nicht zu verzeichnen, aber Karim ist hoffnungsvoll: "Die Politik hat endlich erkannt, dass es so nicht weitergeht." Noch ist Kairouan nur eine Durchgangsstation auf Tunesiens touristischer Landkarte.

 
Leser-Kommentare
  1. ...die gleichen Dinge erstehen, die man auch in Sousse erstehen könnte, oder Teppiche zweifelhaften Geschmacks kaufen, und sich mit dem deutschen Zoll herumschlagen ?
    Oder ein Moschee besichtigen, wo man ihn den Hof hineinkommt, aber nicht in die Gebetshalle ?

    Davon abgesehen hat speziell Mahdia aber hervorragende Strände und freundlichen Leute zu bieten, und einen Abstecher nach el Djem, oder ins nagelneugebaute Bardo-Museum, wäre auch etwas, nicht nur für die Touristen, sondern auch für eine Reportage bei zeit.de.

    Die besten Empfehlung für ein Reiseland wäre allerdings, nachzuhaken, ob man bei Ein-oder Ausreise immer noch so lange an den Schaltern im Flughafen steht, wie vor der Revolution.

  2. 2. [...]

    Entfernt, da unsachlich. Die Redaktion/ls

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    Entfernt. Fragen zur Moderation richten Sie gerne an community@zeit.de. Danke, die Redaktion/ls

    Die Redaktion titelt mit verfänglichem Anklang. Ich weise in angemessener Form darauf hin. Das soll unsachlich sein? Na, ich weiß nicht.

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  3. 3. [...]

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    Antwort auf "[...]"
  4. ... hat lediglich darauf hingewiesen, daß die Überschrift sehr nahe am Beginn von Schestaks Lied ist, das mit "Deutschland erwache" anfängt. Das ist auch mir sehr säuerlich aufgestoßen und hat mich vom Lesen dieses Artikels abgehalten.
    Deswegen einen Kommentar als "unsachlich" zu löschen, entbehrt nicht einer gewissen Pikanterie.

  5. Die Redaktion titelt mit verfänglichem Anklang. Ich weise in angemessener Form darauf hin. Das soll unsachlich sein? Na, ich weiß nicht.

    Antwort auf "[...]"
  6. Redaktion

    Sehr geehrte Leser,

    danke für den Hinweis. Wir haben die Überschrift geändert.

    Viele Grüße aus der Redaktion.

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