Tansania Kalte Füße auf dem Kilimandscharo

Der Schauspieler und Autor Andrew McCarthy erfüllt sich vor seiner Hochzeit einen Traum: den höchsten Berg Afrikas besteigen. Dies ist ein Auszug aus seinem neuen Buch. von Andrew McCarthy

Der Kilimandscharo im Dezember 2009

Der Kilimandscharo im Dezember 2009  |  © REUTERS/Katrina Manson

Mein Rucksack lehnt an der Tür. Morgen geht es los. Meine Verlobte D. steht mit mir in der Küche. Jetzt, wo sie meinen Rucksack gesehen hat, ist sie plötzlich ängstlicher als noch vor fünf Minuten. "Du bist immer unterwegs", bricht es aus ihr heraus. "Du hast gar keine Zeit für Liebe." Wir kommen gerade von einem romantischen Abendessen zurück, haben den ganzen Nachmittag miteinander verbracht. Trotzdem fließen die Tränen.

Wir werden bald heiraten. Noch immer spüre ich einen leisen Zweifel. Manchmal kann ich ihn auf die Umstände schieben, auf zu viel Arbeit. Aber im Grunde zweifle ich daran, dass ich stark genug für diese Ehe bin. Vielleicht liegt es an meiner gescheiterten ersten Ehe, vielleicht an meiner zu engen Bindung an meine Mutter. Vielleicht an meiner Vergangenheit als sensibler Hollywoodschauspieler, vielleicht daran, dass ich nicht weiß, wie man bei einem Auto das Öl wechselt. Letztlich ist der Grund auch egal – ich muss dieses Gefühl überwinden.

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Natürlich löst man keine Probleme, indem man auf einen Berg steigt. Aber man braucht dafür unbestritten eine gewisse Stärke, sowohl körperlich als auch mental. Vor meinem Hochzeitstag brauche ich dringend einen solchen Beweis meiner Leistungsfähigkeit und meines Durchhaltevermögens. Schon klar, der Kilimandscharo ist nicht der Mount Everest. Aber mit 5.895 Metern immerhin der höchste Berg Afrikas.

D. und ich zanken eine Weile und am Ende verspreche ich ihr, dass ich nicht vom Berg stürzen und sterben werde. "Du solltest das trotzdem nicht machen, Schatz", sagt sie. "Nicht mit deinem Knie. Du humpelst schon seit einem halben Jahr. Was, wenn es auf halbem Weg den Geist aufgibt? Wie willst du bei unserer Hochzeit tanzen? Du wirst auf unserer Hochzeit tanzen!"

Andrew McCarthy
Andrew McCarthy

Der amerikanische Schauspieler Andrew McCarthy, geboren 1962, schreibt neben seiner Film- und Fernsehkarriere Reisereportagen. Seine Artikel erscheinen unter anderem in The New York Times, The Atlantic und National Geographic Adventure. Im September 2012 erschienen seine Erinnerungen The Longest Way Home im Verlag Free Press. McCarthy lebt in New York.

"Es ist nur der Kilimandscharo, nicht der K2", sage ich. "Es wird schon gut gehen." Dabei weiß ich das gar nicht. Ich habe mir vergangenen Winter beim Skifahren das Knie verletzt. Ich hätte einfach zu einem Orthopäden gehen und die Operation hinter mich bringen sollen. Stattdessen ging ich zu einem Ostheopaten, der monatelang das Richtige zu tun schien, aber dann doch eingestand: "Es sieht aus, als wäre Ihr Meniskus gerissen."

Vorbereitung in Tansania

"Kopfschmerzen sind normal. Kotzen ist normal. Wer Pech hat, bekommt ein Lungenödem. In der Lunge sammelt sich Flüssigkeit, und wenn man nicht innerhalb von 20 Minuten weit genug absteigt, kann das tödlich sein." Der Mann, der uns das erklärt, sitzt unter einem Afrikanischen Tulpenbaum vor einem Hotel in Arusha, Tansania. Er heißt Zadock Mosha und wird mich und die vier anderen auf den Berg bringen – und hoffentlich wieder herunter. Er ist 33 Jahre alt, wuchs im Schatten des "weißen Berges" auf und hat ihn bereits 161 Mal erklommen.

Nun hält er mit abschätzigem Blick ein Gerät hoch, das den Puls und die Sauerstoffsättigung im Blut misst. "Die Sauerstoffsättigung soll bei über 90 liegen, der Puls darunter", sagt er und wirft mir das Gerät zu. Mein Sauerstoffwert ist 95, der Puls 64. Ich versuche möglichst lässig auszusehen, als ich Zadock die Werte nenne und gebe das Gerät an den jüngsten in unserer Gruppe weiter: Tim, ein weichlicher, redseliger Student, dem ein reicher Onkel die Reise spendiert hat. Als nächstes sind Roberto und Bob dran, Vater und Sohn aus Puerto Rico. Zuletzt Hank, ein Immobilienmakler und Triathlet, der einen Sauerstoffwert von 99 vorweisen kann.

Zadock zeigt uns die Route auf einer Karte. Ich sehe die rote Linie, aber empfinde nichts dabei. Dabei fasziniert mich der Kilimandscharo schon seit meiner Kindheit. Mein ältester Bruder brachte Hemingways Schnee auf dem Kilimandscharo aus der Schule mit nach Hause. Auf dem Umschlag war ein Bild des schneebedeckten, konischen Bergs zu sehen.

"Wo ist das?", fragte ich meinen Bruder.
"In Afrika", antwortete er.
"Da will ich hin", sagte ich.

Ich weiß nicht, warum ich das sagte und ich kann mich nicht mehr erinnern, was mein Bruder antwortete, aber der Wunsch hat mich nicht mehr losgelassen. Diese Besteigung ist eine Verabredung, die ich als Zehnjähriger mit mir selbst ausgemacht habe.

Leserkommentare
  1. Schöner Beitrag um runterzukommen. Ich war selber schon mal am Kilima. und es war im zusammenspiel mit den Tieren aus der Serengety, einfach mit das beste, was man so erleben kann, auf diesen Planeten(meine subjektivität). Leider war das nur eine Flugsafarie, nun würde ich eher mit eine Woche Zeitnehmen, um auch den Gipfel zu ersteigen, er soll ja wirklich leicht zu erwandern sein.

    • Laoyafo
    • 13. Oktober 2012 0:24 Uhr

    besonders, wenn sie schlimm ausgingen, trocken zu kommentieren: "Nu, was kriechen sie auch dahin??"

  2. Die Besteigung des Kilimandscharo steht auch noch auf meiner Liste. Inspiriert hat mich der Beitrag einer Freundin von mir, die die Erlebnisse ihrer Besteigung des Berges hier niedergeschrieben und einige sehr schöne Bilder dazu geschossen hat:
    http://www.myheimat.de/augsburg/natur/besteigung-des-kilimandscharo-5895...

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  • Schlagworte Berg | Hochzeit | Schnee | Kilimandscharo | Puerto Rico | Tansania
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