Byron BayEin Aussteiger-Beach wird gentrifiziert

Byron Bay beheimatet seit den Siebzigern Utopisten, Hippies und andere Weltverbesserer. Nun hadert das Surferdorf mit der wachsenden Kommerzialisierung. von Christoph Behrends

Byron Beach

Am Hauptstrand in Byron Bay: Treffpunkt der Lebenskünstler  |  © Christoph Behrends

Der Geruch von Räucherstäbchen zieht aus dem Inneren des Schmuckladens, vor der Tür hängen handgemachte Accessoires aus Holz, Muscheln und Metall. Aus der Ferne sind die Geräusche einer Trommelgruppe zu hören. Etwas weiter, auf dem Parkplatz am Strand, fahren Skateboarder in der untergehenden Sonne zwischen Campingbussen um die Wette. Surfer tragen ihre Bretter ins Meer, um die letzten Wellen des Tages mitzunehmen und Backpacker machen es sich auf den Klippen gemütlich, um zu lesen und die Seele baumeln zu lassen.

Byron Bay am östlichsten Zipfel Australiens gilt seit Anfang der siebziger Jahre als Mekka der Alternativkultur. Nach einem großen Musikfestival im nahegelegenen Nimbin entschieden sich viele Besucher, auf der idyllischen Landzunge zu bleiben und ihre Vision einer anderen, besseren Welt dort zu verwirklichen. Doch das Aussteiger-Paradies ist nur die eine Seite von Byron Bay. Inzwischen zieht die Region mehr als 1,4 Millionen Besucher pro Jahr an, Tendenz steigend. An den Sommerwochenenden zieht sich ein kilometerlanger Stau vom Highway in den 5.000-Einwohner-Ort. Die Parkplätze werden knapp, lange Schlangen bilden sich vor den Eisdielen, Restaurants und Cafés; die Pubs platzen abends aus allen Nähten. Mit der zunehmenden Kommerzialisierung hat sich auch das Stadtbild geändert: Fastfood-, Surfbedarf- und Bekleidungsketten haben Filialen eröffnet. Gut Betuchte können die Symbole eines lässigen Lebensstils erwerben, den es in seiner Ursprünglichkeit gar nicht mehr zu geben scheint.

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Dass "Byron" seinen ursprünglichen Charme dennoch nicht eingebüßt hat liegt in erster Linie an seinen Bewohnern. "Wir haben viele sehr engagierte Leute hier", sagt Paul Spooner, der das örtliche Gemeindezentrum leitet. "Allein in unserem Haus arbeiten bis zu 200 Ehrenamtliche in ganz unterschiedlichen Bereichen, von der Theatertechnik bis zum Verteilen von Essen an Obdachlose. Und wenn die Leute hier einmal keine Organisation finden, die ihrem Bedarf gerecht wird, gründen sie einfach selber eine."

Markt in Byron Beach

Einmal im Monat ist Markttag - das Veranstaltungshighlight der Region  |  © Christoph Behrends

Die große Bereitschaft der Bewohner, sich für gemeinnützige Zwecke zu engagieren, hat im Norden des Bundesstaats New South Wales eine lange Tradition. Die Hippies gründeten in den sonnenverwöhnten, verträumten Orten wie Nimbin, Mullumbimby und Byron Bay Kommunen, Organisationen und entwickelten alternative Modelle des Zusammenlebens.

Auch heute gibt es nirgendwo sonst in Australien jenseits der Großstädte so viele wohltätige Organisationen wie hier. Vom Clean and Green Awareness Team , das regelmäßig Müll sammelt und Dünen rekultiviert über den freien Radiosender Bay FM bis zum Byron Bay Institute , einem Think Tank, der zu Fragen sozialer Gerechtigkeit und Klimawandel arbeitet. Ortsansässige retten verletzte Koalas, setzen sich für den Erhalt des Regenwalds in Ecuador ein und veranstalten Kino- und Konzertabende.

Anreise

Internationaler Flug nach Brisbane oder Sydney.

Von dort Weiterreise per Greyhoundbus oder CountryLink bzw. von Sydney auch per Inlandsflug nach Ballina Byron oder Gold Coast.

Fahrtzeiten mit Mietwagen: von Brisbane 2, von Sydney 9 Stunden.

Unterkunft

In Byron Beach gibt es zahlreiche Backpackerhostels, Ferienwohnungen, B&Bs und Campingplätze. Einen guten Überblick bietet z.B. http://www.byron-bay.com.

Cafés, Restaurants und Take Aways

Das etwas versteckt gelegene The Conscious Café bietet vegane Speisen und Getränke aus fairem Handel, ebenso wie das Fundies Wholefood Cafe.

Im Balcony Restaurant kann man den Trubel im Stadtzentrum aus sicherer Distanz verfolgen. Auswahl an Fisch- und Fleischgerichten und Tapas, Weinen und Cocktails.

Die Gourmetburger von Beloporto in der Feros Arcade sind bei Locals wie Touristen beliebt (keine Webseite).

 "Etwas zurückzugeben ist hier eine verbreitete Einstellung, dadurch entsteht ein starkes Gefühl von Zusammenhalt. Die Leute, die sich engagieren, lernen dann wieder andere Aktive kennen und so fördert sich das Ganze selbst", erklärt Spooner, der seit zehn Jahren in Byron lebt.

Das Lebensgefühl der Hippie-Bewegung spürt man auch im kulturellen Bereich. Man trifft sich zum sonntäglichen Musikbrunch vor der malerischen Kulisse des Tweed Valley im Sphinx Rock Café oder mischt sich unter die 40.000 Literaturinteressierten des jährlichen Byron Bay Writers-Festivals . Cafés und Restaurants mit fair gehandeltem Kaffee und vegetarischen Speisen sind hier nicht die Ausnahme, sondern die Regel.

Der Tallow Beach bei Byron Bay

Der Tallow Beach bei Byron Bay  |  © Christoph Behrends

Auf den Siebziger-Spirit trifft heute ein ambitionierter Pragmatismus – und macht Byron Bay zu einem der interessantesten Flecken Australiens. Auf dem monatlich stattfindenden Markt treffen Wahrsager mit Handy am Ohr auf Modeschöpfer aus der Goa-Szene; vegan lebende PR-Leute auf esoterisch angehauchte IT-Spezialisten; kinderwagenschiebende Personalberater buchen Selbstfindungskurse und krawattentragende Solarzellenvertreter werben nüchtern um neue Kunden. Bei der anschließenden, spontan entstehenden Trommelsession wird gemeinsam getanzt, unter freiem Himmel natürlich.

Doch die Angst, dass diese Stimmung nicht anhält, treibt viele Bewohner Byron Bays um. Denn auch am östlichsten Zipfel Australiens ist ein Wandel unverkennbar. "Byron leidet unter demselben Schicksal wie viele andere Regionen an der Küste. Die Immobilienpreise sind innerhalb weniger Jahre stark gestiegen, sodass das Leben hier für Leute mit niedrigem Einkommen, also vor allem Künstler und Kreative, immer unerschwinglicher geworden ist", beschreibt Spooner den wirtschaftlichen Druck auf die Region. "Es gibt aber trotzdem ein starkes Kommen und Gehen, und der Druck nimmt langsam ab – ich hoffe, dass es so weitergeht."

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Leserkommentare
    • AFiene
    • 30. Oktober 2012 11:52 Uhr

    Nicht wenige haben den Boom aber rechtzeitig erkannt und vermieten ihre kleine Holzhuette am Strand zu recht stolzen Preisen oder sind durch Grundstueckverkauf ueber Nacht reich geworden...
    Ruhige Straende und wunderschoene Gegenden gibt es auch immer noch in der nahen Umgebung von Byron, da muss man nicht einmal Insider" sein wie die obigen Kommentatoren. Ueberhaupt haben mich beim Reisen schon immer die Leute verwundert, die immer betonen mussten, dass sie schon in Byron/Kho Samui/Patagonien waren, als es noch nicht vom Massentourismus gefunden wurde. Warum diese Selbstdarstellung? Ist eh meist gelogen...

  1. Meine Idee hinter dem Vergleich war nicht so gemeint. Es ging mir eher darum einem außenstehenden zu verdeutlichen, wie krass es in byron ist.

    Zu den Preisen:
    Vermutlich war ich zu einer anderen Saison dort als sie.
    Gucken sie bspw. mal in der arts factory (die mir ziemlich gut gefiel), da kostet ein Bett in nem 4 Dorm am 2. Februar 2013 42 aud. Ich schildere ihnen nur meine Erfahrungen und Erlebnisse und zu dem Zeitpunkt an dem ich dort war, waren die Preise wie man sie auch online findet.

    Einige Backpacker benehmen sich aber leider auch wie die Säue, speziell die Leute mit Caravan. Die fahren ab und zurück bleibt Dreck.

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  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Accessoire | Australien | Modeschöpfer | Region | Ecuador | Wales
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