Auch ganz normale Wanderer schwindeln sich in der Sächsischen Schweiz über gesicherte Stiegen und Leitern fast senkrechte Sandsteinwände hinauf, die aus dem Wald ragen. Von links und rechts hört man meist Stimmen von Kletterern auf nahen Türmen und isolierten Felsnadeln. Sie sind seilgesichert – manchmal auch nicht – aber ohne die typische Kollektion von Hilfsmitteln aus Stahl, Holz und Reepschnüren um den Bauch, wie sie beim klassischen Felsklettern üblich ist. Nicht mal Bergschuhe haben sie an, sondern flache, biegsame Ballerinaschuhe. Oder gar keine Schuhe. Es sind Freikletterer.

Sieht man Kletterer, die sich in einer schieren Wand wie dem Half Dome im kalifornischen Yosemite Nationalpark zwar mit Sicherung, aber ohne künstliche Hilfsmittel bewegen, denkt man vielleicht, Nordamerika sei die Wiege des Freeclimbing. Schließlich ist dieser Sport auch aus den USA nach Westeuropa gekommen, wo man ihn in der Bundesrepublik zuerst an den Felsen der Fränkischen Schweiz und dann am Gardasee und bei Arco ausprobiert hat.

Klettern nach sächsischem Vorbild

Die USA sind aber mitnichten die Wiege des Freikletterns: In den Sandsteinmassiven der Sächsischen Schweiz wurde allerdings schon vor 150 Jahren auf diese Art und Weise – ohne künstliche Hilfsmittel – geklettert. Sächsische Kletterer brachten den Stil in den 1930ern nach Nordamerika.

Völlig isoliert ragt der Falkenstein vor dem Schrammstein-Massiv bei Bad Schandau an der Elbe aus dem umgebenden Wald. Wir sind im Nationalpark Sächsische Schweiz, der mit dem angrenzenden tschechischen Nationalpark Böhmische Schweiz ein großes Schutzgebiet bildet. Die Elbe und ihre Nebenflüsse haben in fleißiger, Jahrtausende währender Arbeit ein gewaltiges Sandsteinpaket in große und kleine Plateaus, Türme, Kämme und Spitzen zerlegt, manche schlank wie Minarette.

Dieser Weg wird kein leichter sein

Der Falkenstein ist ein Miniplateau mit senkrechten bis überhängenden Wänden. Einen leichten Weg auf den Falkenstein gibt es nicht, nur Kletterführen unterschiedlichen Schwierigkeitsgrades. Davon aber genug, sie füllen ein ganzes Buch. Was diesen Kletterfelsen so besonders macht, ist seine Geschichte: Mit der Erstbesteigung durch fünf Turner aus Schandau begann hier die Geschichte des sächsischen Felskletterns. Und ein bedeutender Teil der Geschichte des Kletterwesens überhaupt, der schnurgerade zum heutigen Freeclimbing geführt hat.

© Michael Müller Verlag

Die fünf Turner bestiegen am 6. März 1864 den Falkenstein ohne Hilfsmittel, ihr Seil verwendeten sie nur zur Sicherung, nicht um sich daran festzuhalten – eine Entscheidung, die heute noch die Kletterregeln im Sandsteingebirge der Sächsischen Schweiz kennzeichnet und die – über den Umweg der USA – in die Regeln des Freeclimbing aufgenommen wurde. Sie schlugen keine Tritte in den Fels und trieben keine Metallbolzen hinein, suchten einen einfachen Weg und erreichten das Unerreichbare. Zuvor hatte man den Felsen für "unersteigbar" gehalten.

Ihr Beispiel ließ das Klettern im Elbsandsteingebirge regelrecht aufflammen – aber erst 1892 wurde eine zweite Kletterführe auf den Falkenstein gelegt. Heute hat der "Turnerweg" den Schwierigkeitsgrad III, damit ist der Falkenstein für heutige Verhältnisse gerade mal "schwierig". Der Falkenstein hat aber auch Routen bis XIIa (XI+ nach der Skala der Union Internationale des Associations d’Alpinisme ), etwa die 1999 erst erstiegene Route "Balancier"; der genannte Schwierigkeitsgrad ist jedoch international umstritten.

Sachsen als Klein-Yosemite

Die Entwicklung des Freeclimbing hat sich längst von der Sächsischen Schweiz gelöst. Freikletterer, die im Big Wall Free Solo als Cracks gelten, durchklettern Wände wie jene des Half Dome im Yosemite Nationalpark ohne Hilfsmittel und sogar ungesichert in nur einer Stunde und 22 Minuten – wie Alex Honnold . Die Erstbesteiger brauchten 1957 dazu fünf Tage.

Da steht man denn als Wanderer unter einem Felsturm der Sächsischen Schweiz und denkt sich "unbesteigbar" und irgendein schlaksiger Kletterer klemmt und schiebt sich da spaltennah einfach rauf, als ob’s eine Stiege wäre.

In diesem Sandsteingebirge trifft man sie an jeder Ecke, die Freikletterer. Und man denkt: Warum probier ich’s nicht selbst?

Ja, warum nicht?

Erschienen im Michael Müller Verlag