Historische TourKoreas rebellisches Herz

Im südkoreanischen Gwangju erhoben sich die Menschen 1980 gegen die Militärdiktatur. Heute erkunden Besucher die Stadt auf den Spuren des Aufstands. Von Björn Rosen von Björn Rosen

Kim Do-won

Kim Do-won  |  © Björn Rosen

Wie die meisten Leute in Gwangju, so ist auch Kim Do-won stolz auf die Geschichte seiner Stadt. Wenn er davon erzählt, kann man den 57-Jährigen kaum stoppen – obwohl er immer wieder mit seinem Englisch ringt. Kim war dabei, als hier 1980 der bedeutendste Aufstand gegen die jahrzehntelang andauernde Militärdiktatur in Südkorea stattfand. Die ganze Stadt mit ihren damals rund einer halben Million Einwohnern erhob sich, es war Gwangjus größte Stunde und zugleich der Beginn einer Tragödie. "Ich studierte zu dieser Zeit Soziologie, mit meinen Kommilitonen bin ich oft von der Uni ins Zentrum marschiert, habe Slogans skandiert und Partisanenlieder aus der japanischen Kolonialzeit gesungen", erzählt Kim. "Doch unser Protest wurde blutig niedergeschlagen, mehr als 200 Menschen starben."

Kim Do-won, der ein langärmeliges Shirt und ein Basecap trägt, zeigt den Nationalfriedhof in Gwangju. Mehr als fünf Hektar groß ist die Anlage, die an die Opfer von 1980 erinnert – und an all die anderen Menschen, die einst in der südkoreanischen Demokratiebewegung kämpften. Was in Gwangju geschah, wird oft mit den Ereignissen neun Jahre später auf dem Platz des himmlischen Friedens in Peking verglichen. Und so ist der Friedhof ein landesweit bekannter, mit viel Pathos aufgeladener Gedenkort, aber auch ein Platz der stillen, persönlichen Erinnerung.

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In seinem Zentrum befindet sich ein Monument aus zwei 40 Meter hohen Säulen mit einem überdimensionierten Beton-Ei in der Mitte – Symbol für die Wiedergeburt allen Lebens. Zu Füßen dieses gewaltigen Denkmals steht eine Plastik, die wütende Männer auf einem Truck zeigt, sie halten Megaphone und Gewehre in Händen und strecken ihre geballten Fäuste in den Himmel. Dahinter beginnen die Gräber, an denen Kim und ich nun entlang spazieren: kleine Grashügel, so wie es Tradition ist in Korea, mit einer schmalen Stele und einem Porträtbild der Toten in Schwarz-Weiß.

"Ich schulde den Toten etwas"

Wer die Fotos betrachtet, blickt in viele junge Gesichter, sieht Gymnasiasten in Schuluniform, Studenten mit großer, runder Brille oder Doktorhut, Männer mit siebziger Jahre-Tolle oder penibel zurechtgemacht im Anzug; sieht ein Mädchen mit zwei Zöpfen und eine Frau im Hochzeitskleid. "Ich zeige Ihnen all das, weil ich den Toten hier etwas schuldig bin", sagt Kim Do-won plötzlich. "Sie sind auch für meine Freiheit gestorben." Er macht eine Pause, bevor er weiter spricht. "Als die Situation eskalierte, habe ich nicht mitgekämpft. Manchmal denke ich, dass ich feige war."

Bis vor Kurzem war Kim Manager einer Sprachschule. Nun ist er einer von mehreren Freiwilligen, die ausländische Besucher kostenlos durch die Stadt führen – im Auftrag der " May 18 Memorial Foundation ", benannt nach dem Tag, an dem der Aufstand 1980 begann. Gwangju liegt im Südwesten der koreanischen Halbinsel, es ist die sechstgrößte Stadt Südkoreas und eine weitgehend gesichtslose, moderne Metropole. Im Vergleich zum Großraum Seoul mit seinen 25 Millionen Einwohnern – neben der Hauptstadt gehören zwei angrenzende Großstädte dazu –, wirkt Gwangju geradezu winzig. Heute leben 1,4 Millionen Menschen hier – also rund drei Mal mehr als 1980. Aber schon damals war die Stadt ein wichtiges regionales Zentrum und bekannt als Brutstätte der Demokratiebewegung.

Die Buslinie trägt das Datum des Aufstands

Das Andenken daran pflegt Gwangju heute an vielen Stellen. Wer sich auf die Spuren des Aufstands von 1980 begeben will, startet am besten in der Touristeninformation. Dort bekommt man nicht nur ein informatives, englischsprachiges Geschichtsbuch, sondern auch eine Karte, auf der 26 historisch wichtige Punkte verzeichnet sind, zusammen ergeben diese den "5-18-Pfad". 518 ist auch die Nummer der Buslinie, die zum Nationalfriedhof fährt. Der liegt etwas außerhalb, im Nordosten der Stadt. Zahlenspielereien dieser Art sind beliebt: So fährt Linie 1187 zu Gwangjus sehenswertem Hausberg, dem 1187 Meter hohen Mudeung.

Der 5-18-Pfad erstreckt sich über verschiedene Stadtteile, ihn vollständig abzulaufen wäre mühselig und nicht sehr reizvoll. Zu den wichtigeren Stopps gehören die Chonnam Universität, deren Studenten damals besonders stark revoltierten, und der mehrspurige Kreisverkehr im Stadtzentrum, der mittlerweile unter dem Namen "Demokratie Rondell" firmiert. Um den Springbrunnen in seiner Mitte versammelten sich im Frühjahr 1980 regelmäßig Zehntausende Demonstranten.

Leserkommentare
  1. Danke für den tollen Artikel!

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