Nächster Halt Alkoholverbot?Regeln für Alkoholkonsum in Zügen uneinheitlich

Einige Verkehrsbetriebe befördern keine Betrunkenen, andere schenken an Fahrgäste aus. Vier Szenarien zeigen, wie unterschiedlich der Alkoholkonsum in Zügen geregelt ist. von 

Der Hauptbahnhof in Nürnberg

Der Hauptbahnhof in Nürnberg  |  © Daniel Karmann dpa/lby

Der Nürnberger Hauptbahnhof wurde trocken gelegt: Weil sich Reisende von angetrunkenen Jugendlichen in der Bahnhofshalle gestört fühlten, ist der Alkoholkonsum dort seit Mitte Oktober zu bestimmten Uhrzeiten verboten. Aus Sicht der Deutschen Bahn ist die Maßnahme wirksam, das Klima im Bahnhof wieder besser. Auch einige regional agierende Beförderer untersagen den Konsum von Alkohol in ihren Zügen. Ein generelles Gesetz wird es in absehbarer Zeit wohl dennoch nicht geben. Wie unterschiedlich der Umgang mit angetrunkenen Fahrgästen und Alkoholkonsum in Zügen und am Gleis gehandhabt wird, zeigen diese vier Szenarien.

Alkoholkonsumverbot im Bahnhof

Seit Mitte Oktober ist es im Nürnberger Hauptbahnhof verboten, Alkohol zu trinken – zumindest in den Nächten auf Samstag und Sonntag sowie vor Feiertagen in der Zeit von 20 bis 6 Uhr. Passagiere hatten sich zu oft von Gruppen angetrunkener Jugendlicher belästigt gefühlt oder waren bedroht worden, auch kam es zu Schlägereien. Hat das Alkoholkonsumverbot bereits etwas bewirkt?

Claudia Gremer, Bahnhofsmanagerin des Nürnberger Hauptbahnhofs, DB Station&Service AG:

"Die Stimmung hat sich merklich abgekühlt. Vor dem Alkoholkonsumverbot kamen am Wochenende bis zu 500 junge Menschen in den Bahnhof, um für den Diskotheken-Besuch vorzuglühen. Nun treffen sie sich anderswo, oder kommen nur noch in kleinen Gruppen. Nach den ersten vier Wochen des Verbots können wir feststellen: Pöbeleien und Vandalismusschäden haben merklich abgenommen. Konkrete Zahlen können wir aber noch nicht nennen.

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Obwohl es richtig war, unser Hausrecht zu ändern, halten wir ein generelles Alkoholkonsumverbot für überzogen. Es ist ein Unterschied, ob eine Gruppe, die gar nicht verreisen möchte, die Bahnhofshalle stundenlang zur Bar macht, oder ob jemand noch einen letzten Schluck aus der Flasche Feierabendbier trinkt, bevor er zum Zug geht. Für Reisende, die an einer Gruppe vorbeikommen, die Alkohol trinkt und die sich davon gestört fühlen, bleibt immer noch die Möglichkeit, die Kollegen der DB-Sicherheit oder der Bundespolizei anzusprechen oder am Informationsschalter auf das Problem hinzuweisen."

© ZEIT ONLINE

Weitere Ergebnisse unserer Umfrage zum Themafinden Sie hier.

Alkoholkonsumverbot in der S-Bahn

Am Wochenende sieht man in der Berliner S- und U-Bahn oft größere Gruppen von Partygängern, die mit Bier- und Wodkaflaschen unterwegs zu Bars und Clubs sind. Auch wenn sich die Mehrheit friedlich verhält, kommt es doch immer wieder zu Pöbeleien oder Handgreiflichkeiten. Muss man betrunkene Mitreisende still ertragen?

Hans-Werner Franz, Geschäftsführer desVerkehrsverbundes Berlin-Brandenburg (VBB):

"Das ist eines der Themen des Netzwerks für Fahrgastsicherheit, das Mitte 2011 auf Initiative des VBB gegründet wurde. Vertreter der beiden Länder Berlin und Brandenburg , der Kommunen, der Verkehrsbetriebe, der beiden Innenministerien, der Landes- und der Bundespolizei treffen sich zweimal im Jahr, um solche Probleme gemeinsam anzugehen.

In einer von uns mit der TU Berlin durchgeführten Studie gaben 48 Prozent der befragten Fahrgäste an, dass sie sich von Alkohol trinkenden Personen belästigt fühlen. Handelt es sich um alkoholisierte Gruppen, steigt das Gefühl der Verunsicherung noch. Ein nicht unerheblicher Teil der Straftaten im öffentlichen Personennahverkehr von Berlin und Brandenburg wird unter Alkoholeinfluss verübt. Eine genaue Statistik dazu gibt es leider nicht.

Man kann aber davon ausgehen, dass die Polizei rund 2.000 Mal im Jahr wegen einer Straftat im Berliner Nahverkehr zu Hilfe gerufen wird – also etwa 40 Mal pro Woche. Da verwundert es nicht, dass 56 Prozent der befragten Fahrgäste sich ein Alkoholverbot wünschen – dass es im Prinzip in Berlin und Brandenburg schon gibt. In den VBB-Beförderungsbedingungen steht: Wer stark alkoholisiert ist, hat kein Recht darauf, befördert zu werden. Wir haben sogar noch einen zweiten Passus: Offene Getränke sind nicht erlaubt, also auch kein Bier und kein Schnaps.

In den U-Bahnen gibt es entsprechende Aufkleber mit einer durchgestrichenen Flasche. Das Verbot lässt sich aber nur schwer durchsetzen: Wir haben zu wenig Personal und auch keine eindeutige Regelung im Sinne eines gesetzlichen Alkoholkonsumverbots. Fahrgäste können natürlich auf die Verbotsschilder hinweisen, doch selbst, wenn die Feiernden daraufhin aussteigen: Erfahrungsgemäß steigen sie einfach in die nächste U-Bahn wieder ein.

Die Situation erinnert mich an das Rauchverbot. Seit das gesetzlich verankert ist, ist die soziale Kontrolle viel größer. Mit einem generellen Alkoholkonsumverbot auf gesetzlicher Grundlage würde sich das sicher ähnlich verhalten."

Leserkommentare
  1. Ich finde es schade, dass in diesem Land scheinbar nur noch über die Dinge geredet werden kann, indem man in Ver- oder Geboten endet. Wichtig ist, dass überhaupt eine Diskussion entsteht, um das öffentliche Bewusstsein zu wecken. Sofort wieder in Generalverbote auszuschweifen, halte ich für den falschen Weg. Sie führen auf eine gewisse Weise die Diskussionen ad absurdum und lassen sie in Vergessenheit geraten.

  2. Ich fahre täglich mit dem Zug. Wie oft mir Betrunkene über den Weg gelaufen sind kann ich an einer Hand abzählen, auf offener Straße begegnen sie mir häufiger. Statt dessen sehe ich häufig Männer die sich ein 'Feierabendbierchen' gönnen, in aller Stille und Höflichkeit. Will man die jetzt zwingen im Bordrestaurant das Mehrfache dafür zu bezahlen? Sucht die Bahn etwa nach neuen Einnahmen? Braucht der Manager vielleicht noch ne Million extra im Jahr?

    Laut Umfrage sind 2/3 noch nie belästigt worden und das gleiche Ergebnis kann man auf jeden X-beliebigen Platz übertragen.

    P.S.: Fußballspiele sind kein Argument, sie sind selten und die Fußballfans steigen schon besoffen in den Zug.

    • webwiz
    • 26. November 2012 12:12 Uhr

    von Männern ausgeführt wird, dann werden demnächst nur noch Frauen und Kindern der Zutritt zu Bahnhöfen gestattet? Wenn man diese irrwitzige Schlussfolgerung 'Alkohol führt zu kriminellen Handlungen' einfach so stehen lässt, dann gibt es demnächst weitere krude Entscheidungen. Wenn ich beim Warten auf einen Zug gerne ein Bier trinken möchte, dann bin ich in den Augen dieser Weltverbesserer ein potentieller Pöbler und Gewalttyp, oder wie soll man das verstehen?
    Nein, hier ist die Lösung einfach. Die Sicherheit auf Bahnhöfen kann nur durch Sicherheitspersonal etabliert werden, die Streife laufen und aktiv pöbelnden Mitmenschen des Bahnhofs verweisen, oder bei Beschwerden reagieren. Das kostet Geld und Personalressourcen, ist aber unumgänglich. Schließlich sind wir hier nicht bei 'Minority Report', wo zukünftige Verbrechen bestraft werden. Wenn ich jetzt ein Bier trinke, heißt das nicht, daß ich in zehn Minuten jemanden anpöble oder gewalttätig werde. So ein Unfug!

    • Laoyafo
    • 26. November 2012 13:33 Uhr

    ist in großen Städten anscheinend immer mehr zum Problem geworden. Wenn man vor dem Alkoholverbot in der Nacht von Sonnabend auf Sonntag im Hamburger Westen unterwegs war, bestand das Publikum in den Bahnen praktisch nur aus jungen Menschen mit Flaschen und Dosen in der Hand. Nun stehen sie in Gruppen an Straßenecken und geben sich die Kante, bevor sie einsteigen. Wenn sie volljährig sind und niemanden direkt angehen -- was soll man schon machen? Nicht fahren oder sich eine ruhige Ecke suchen und sich amüsieren. Manchmal ist es ja auch lustig.
    Ich glaube, in dieser Debatte outen auch viele Schreiber ihre verschieden hohen Toleranzschwellen.

  3. Ich bin eher für ein generelles Kaffee und Teeverbot z.b
    Pfefferminztee, Salbeitee etc.
    In Übermass genossen kann dies zu rauschähnlichen Zuständen führen und schadet der Gesundheit und der Volkswirtschaft.

  4. Wir entwickeln uns im Sinne der Wirtschaftlichkeit immer mehr zur Diktatur der ordentlichen und fleißigen.
    Wenn unser Hausmeister, aktueller Branchenmindestlohn so um die 8,70 Euro, am Wochenende beim Spiel seines Lieblingsvereins mal einen draufmacht, dann kann er sich den Rausch im Stadion einfach nicht leisten.
    Also wird mit den Kumpels vorgeglüht, im Stadion dann noch zwei Bier, bei siegreichem Verlauf noch zwei von der Tanke.
    Straftaten: Vermutlich wurde irgendwo hingepinkelt.
    Die Woche danach macht er bei uns wieder einen guten Job für einen Hungerlohn.
    Ach ja, seine Kumpels und er haben auf dem Hin- und Heimweg laut gegröhlt, anfallender Müll wurde teils nicht sachgerecht entsorgt, vielleicht kommt es in deren Umfeld sogar zu Sachbeschädigungen oder Körperverletzungen.
    Die BWLer rechnen nun den Schaden aus, die Ordentlichen und Guten schreien nach Verboten, die öffentliche Hand bekommt die Situation mit dem aktuellen Personalschlüssel der Ordnungskräfte nicht in den Griff, es darf ja alles nichts mehr kosten.
    Und in ein paar Jahren bekomme ich dann meine Flasche Bier im Supermarkt immer gleich mit einer braunen Papptüte.
    Die Welt wird immer schöner.

  5. Ein Verbot ist ledigich eine kosmetische Maßnahme. Der in der S-Bahn konsumierte Alkohol wirkt doch erst nach der Fahrt. Während der Fahrt müssen die anderen Fahrgäste mit den Kosequenzen des vorher konsumierten Alkohols leben. Konsequenterweise müsste man die Beförderung von Betrunken unterbinden. Das ist allerdings auch keine Lösung, da diese sonst auf Fahrrad und PKW umsteigen würden.
    Also entschließt man sich für Kosmetik und verbietet den Konsum und offenen Transport in der Bahn.

    Die rechtl. Grundlagen in Form der AGB sind doch bereits vorhanden.In den AGB aller Verkehrsbetriebe findet sich ein Absatz der zu rücksichtsvollen Verhalten verpflichtet. Der gilt nicht nur für Alkohol, sondern für übermäßige Störungen jeglicher Art. Es ist nur (meistens) niemand da, der sich um die Einhaltung bemüht. Da wird ungeniert in den "Ruhewägen" telefoniert, Kinder rennen ständig schreiend durch die Gänge und ab und an singt auch mal eine Gruppe Fussballfans.

    In S- und U-Bahnen sehe ich das Problem nicht, da der dortige Konsum erst später Wirkung zeigt und in Regionalbahnen und Fernzügen kommt doch sowieso ständig (alle 20 Minuten) ein Bahnmitarbeiter vorbei. Würde sich da jemand mal durchringen was zu sagen, wäre alles gut. Das klappt vor den Clubs und Kneipen doch auch. Die wenigsten sind Uneinsichtig und die, die es nicht sind können immernoch aus dem Zug geworfen werden.

    Aber nein, wir schlucken es lieber runter und meckern im Nachhinein

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