Wussten Sie, dass...Von Amrum in den Orient und zurück

Auf Amrum steht das Geburtshaus von Hark Olufs. Zu seiner Zeit war er der reichste Mann der Insel – nach einem Leben als osmanischer Sklave und Oberbefehlshaber. von Dieter Katz

Vielen gilt Amrum als die schönste Nordseeinsel, weil sie auf engstem Raum ein ungewöhnlich vielfältiges Landschaftsbild bietet. Doch Amrum hat noch viel mehr zu bieten als schön gelegene Inseldörfer, eine herrliche Dünenlandschaft und einen endlos breiten Sandstrand. Die kleine Nordseeinsel kann auf eine bemerkenswerte Geschichte zurückblicken, die teils kuriose Persönlichkeiten hervorgebracht hat, zum Beispiel den Matrosen Hark Olufs (1708 bis 1754). Der Mann, der der Reichste der Insel werden sollte, war als Jugendlicher ins osmanische Reich versklavt worden.

Der damals 15-jährige Hark Olufs aus Süddorf fuhr im Jahr 1724 als Matrose auf der Hoffung , einem Schiff seines Vaters. Die Seefahrt war schon immer ein gefährliches Unterfangen, besonders weil zu dieser Zeit osmanische Seeräuber in den heimischen Gewässern ihr Unwesen trieben. So kam es, dass die Hoffung im Ärmelkanal von ebenjenen Piraten gekapert wurde und der junge Hark zusammen mit zwei seiner Cousins in Gefangenschaft geriet.

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Die geforderte hohe Summe für die Freilassung der Matrosen konnten die Familien nicht aufbringen, und weil das Schiff unter Hamburger Flagge fuhr, lehnte es auch das dänische Königreich – zu dem Amrum gehörte – ab, der Familie einen Kredit aus der sogenannten Sklavenkasse zur Freilassung der Söhne zu gewähren.

Verkauft auf dem Sklavenmarkt

Selbstverständlich hatte Hamburg ebenfalls eine Sklavenkasse – doch die Hamburger hätten gewiss abgelehnt, weil das Schiff nun einmal aus Amrum kam. Hark und sein besorgter Vater, Kapitän Oluf Jenssen, wurden somit zum Opfer eines typischen Behörden-Teufelskreises, den es natürlich auch schon im 18. Jahrhundert gab. Also wurde Hark Olufs wie auch seine beiden Vetter auf dem Sklavenmarkt in Algier zum Gegenwert von 1.000 Lübischen Mark verkauft. Über das vermutlich traurige Schicksal von Hark Olufs Cousins ist nichts weiter bekannt; Hark jedoch wurde nach zweimaligem Weiterverkauf Diener des Beys (Herrscher) Assin der heute algerischen Stadt Constantine.

Dieter Katz
Dieter Katz

Dieter Katz, geboren 1964, studierte Wirtschaftswissenschaften, Erziehungswissenschaften und Ethik. Der promovierte Pädagoge und begeisterte Fotograf hat jeden Sommer seines Lebens an den deutschen Küsten verbracht – erst familiär erzwungen, dann aus Leidenschaft. Er veröffentlichte einige Schulbücher und mehrere Reiseführer über die deutsche Ost- und Nordseeküste.

Dank seiner Tüchtigkeit und Sprachbegabung – Hark lernte sehr schnell Arabisch und Französisch – gelang ihm eine bemerkenswerte Karriere. Schon nach dreieinhalb Jahren wurde Hark Olufs Schatzmeister seines Herrschers und hatte als solcher zahlreiche Vergünstigungen. So gehörten zum Beispiel der Besitz von Kamelen, Schafen, Ländereien und die Arbeitskraft von zwei Schreibern zu seinen neuen Vorrechten. Nach weiteren vier Jahren stieg er zu einem Kommandeur in der 500 Mann starken berittenen Leibgarde des Beys auf und war in einige Scharmützel mit benachbarten Fürsten verwickelt.

Spion und Überläufer?

Bei einem Gefecht, in dem viele seiner Männer qualvoll starben, geriet Hark Oluf in Gefangenschaft, konnte aber auf spektakuläre Weise fliehen. Bey Assin machte ihn daraufhin zum Oberbefehlshaber des gesamten Reiterheeres. Es wird vermutet, dass eine solche Karriere nicht möglich war, ohne dass der tüchtige Amrumer zum Islam übertrat – was Hark Olufs später aber immer bestritt.

Im Jahr 1735 war das Heer von Algier an der Eroberung der verfeindeten Stadt Tunis beteiligt. Hark Olufs sollte das feindliche Lager ausspionieren, wurde aber entdeckt und bot sich daraufhin zum Schein dem Bey von Tunis als Überläufer an, worauf dieser einging. Es gelang dem gewieften Hark Olufs erneut zu fliehen und mit seinem Reiterheer das ausspionierte feindliche Lager überraschend anzugreifen und die Schlacht zu gewinnen.

Zum Dank für diese Großtat wurde Hark Olufs von seinem mit 95 Jahren hochbetagten Patron Bey Assin die Freiheit geschenkt. Wohl auch, weil Hark nicht wusste, was die Zukunft unter einem neuen und ihm vielleicht weniger günstig gesinnten Herrscher bringen würde, kehrte er nach über zwölf Jahren mit einem stattlichen Vermögen an Gold und Geld, Kleidern und sogar einigen Möbeln im Jahr 1736 als jetzt reichster Mann der Insel zurück. Er konnte auf Amrum sogar noch seinen glücklichen Vater in die Arme schließen.

Um Gerüchten entgegenzutreten, er sei zum Islam übergelaufen, ließ sich Hark Olufs ein Jahr nach seiner Rückkehr mit 28 Jahren konfirmieren – in osmanischen Kleidern. Er heiratete und wurde Vater von fünf Kindern. Er lebte von seinem beachtlichen Vermögen und versah in seinem Heimatort Süddorf das angesehene Amt des Strandvogtes.

1747 veröffentlichte Hark Olufs seine Autobiografie unter dem Kurztitel Sonderbare Avanturen . Der vollständige Titel seiner Autobiografie lautet im Original: "Harck Olufs / aus der Insul Amron im Stifte Ripen / in Jütland, gebürtig, / sonderbare / Avanturen, / so sich mit ihm insonderheit zu / Constantine und an andern Orten in / Africa zugetragen. / Ihrer Merkwürdigkeit wegen in Däni-/ scher Sprache zum Drucke befördert, / itzo aber / ins Deutsche übersetzet. / Flensburg , / im Verlag Johann Christoph Kortens, / 1751".

Geburtshaus steht in Süddorf

Olafs berichtet darin recht ungeniert von seinen Heldengeschichten, unter anderem auch darüber, dass er angeblich als Ungläubiger in seiner Funktion als Befehlshaber der Leibgarde des Beys an der Wallfahrt nach Mekka teilnahm und dass er einige Zeit als eine Art Scharfrichter des Beys auch für die Exekution Straffälliger zuständig gewesen sei. 1754 verstarb "der große Kriegesheld", wie er auf seinem Grabstein genannt wird, mit 46 Jahren unerwartet in seinem Geburtshaus.

Hark Olufs Geburtshaus steht noch heute in seinem Heimatort Süddorf auf Amrum. Sein mit Turban und Säbel verzierter Grabstein erzählt gemäß der Inseltradition als sogenannter "sprechender Grabstein" in Kurzform seine Lebensgeschichte und ist auf dem (neu gestalteten) Friedhof der St.-Clemens-Kirche von Nebel zu besichtigen. Zudem gibt es eine sehr interessante Ausstellung zum Leben des legendären Seefahrers im 1. Stock des Naturzentrums in Norddorf.

Erschienen im Michael Müller Verlag

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Leserkommentare
  1. dankeschön.

  2. ist ein sehr spannendes Schicksal, wie dieser Artikel und der Jugendroman "Heimkehr in die Fremde" von A.Kordasch anschaulich verdeutlichen!
    Herzlichen Dank!

  3. ...eine Woche Amrum mit Fahrrad im Oktober.

    Wunderschöne Landschaft, kleine Dörfer, alte Häuser und nicht zu vergessen die guten Konditoreien!

    Ein Erlebnis ist auch der "Sandsturm" am Strand, wenn der Sand wie Bodennebel über den Strand weht.

    Unbedingt auch die Aussicht vom Leuchtturm geniessen!

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  • Serie Sehenswert - Wissenswert
  • Schlagworte Autobiografie | Islam | Orient | Schiff | Wallfahrt | Flensburg
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