BangladeschDort, wo immer Tea Time ist

In Bangladesch werden pro Jahr 60.000 Tonnen Tee produziert. In Srimangal können Touristen die Teeplantagen besuchen – und den berühmten Fünf-Schichten-Tee kosten. von 

Vergangenheit und Hoffnung auf die Zukunft liegen in Srimangal ziemlich nah beisammen. So nah, dass sie in einen einzigen Schluck Tee passen. Vorausgesetzt Romash Ram Gour schenkt dem Reisenden das Heißgetränk ein. Oder besser gesagt, schichtet es ihm.

Der hagere 46-Jährige mit dem ernsten Blick ist in Srimangal , einem Städtchen im Nordosten von Bangladesch und einem der Zentren der dortigen Teeindustrie, eine lokale Berühmtheit. Ram Gour gießt verschiedene Sorten Tee in mehreren Lagen so aufeinander, dass sie sich auch beim Trinken nicht vermischen.

Anzeige

Five Layer Tea nennt er seine Kreation. Und weil Tee das Nationalgetränk in Bangladesch ist, hat der Teekünstler aus Srimangal große Pläne für die Zukunft. Die Geschichte seines Five Layer Tea hat dabei durchaus Krimipotenzial. Und wer über die Plantagen in Srimangal wandert, wo er gewonnen wird, erlebt eine immergrüne Landschaft und Arbeitsbedingungen wie zur Zeit der englischen Kolonialherrschaft.

Srimangal ist Wochenendziel der Hauptstädter

Srimangal liegt nahe der indischen Grenze; es hat gerade einmal zwei größere Straßen, eine Kreuzung, einen Marktplatz und eine annehmbare Herberge. Der passende Name: Tea Town Hotel. Von der Hauptstadt Dhaka braucht der Zug fünf Stunden, für 200 Kilometer Fahrt. Bangladesch ist doppelt so groß wie Bayern – und hat mehr als 140 Millionen Einwohner.

Zu einer Tour durch die Teeplantagen von Srimangal laden Emran, Arif, Hasan, Rooz und Abdul ein: Sie sind Studenten aus Dhaka , die ihr Wochenende in der Gegend verbringen – so wie viele der Hauptstädter, die es sich leisten können. Das Innere ihres dunkelgrünen Range Rover ist reduziert auf das Unverzichtbare: Sitze, Gangschaltung, Lenkrad. Da auch ein Radio fehlt, schmettern die Studenten Bangla-Popsongs a capella. Die Fünf erfüllen so gar nicht das Klischee, das von den Bewohnern eines der ärmsten Länder der Welt häufig in westlichen Medien auftaucht. Ihren Handys, ihrer Kleidung und ihrem Marijuana-Konsum nach zu urteilen, könnten sie auch an einer europäischen oder amerikanischen Universität Wirtschaft studieren.

163 Teeproduzenten, 60.000 Tonnen Tee im Jahr

Schon ein paar Minuten außerhalb der Stadt bedecken rechts und links der Straße hüfthohe Teesträucher die Hügel wie ein dunkelgrüner Teppich. Ihre Blätter sind fest wie Visitenkarten. Zwischen den Büschen stechen alle paar Meter schlanke Laubbäume in den Himmel, die den Pflanzen im Sommer Schatten spenden. Das ist auch nötig, denn Srimangal ist eines der am tiefsten gelegenen Teeanbaugebiete der Welt – und eines der heißesten. Im Sommer zeigt das Thermometer bis zu 40 Grad. Tee bevorzugt naturgemäß eher höhere und kühlere Lagen.

In der Gegend um Srimangal bauen mehrere Dutzend Unternehmen die knorrigen Büsche auf etlichen Quadratkilometern an. Insgesamt zählt Bangladesch 163 Teeproduzenten, die sich 54.000 Hektar Plantagen teilen. Die Jahresproduktion von 60.000 Tonnen wird fast ausschließlich im Land selbst vertrunken. Eine Tasse Tee beim Straßenverkäufer kostet oftmals nur einen Eurocent.

Neben den Eindrücken der Plantagen, die von kleinen Seen und Flüssen durchzogen sind, lernt der Gast auf der Jeeptour viel über die Hoffnungen der privilegierten Jugend Bangladeschs. Denn trotz Reisen nach Indien und Thailand , trotz Facebook und Smartphone, träumen alle Fünf davon, einmal im Westen zu arbeiten.

Schicke Schichten

"Eure Länder sind weniger korrupt", sagen sie. "Wer bei euch etwas leistet, bringt es zu etwas." "Hier sind wir alle von Politikern und Beamten abhängig, die einen grauenhaften Job machen."

Die Tour endet schließlich in der Nilkantha Tea Cabin , der angesagtesten Teekneipe von Srimangal und dem Ort, wo Romash Ram Gour seinen Five Layer Tea serviert. Wie der Range Rover setzt auch die Teacabin auf minimalistischen Charme: ein Dach, getragen von ein paar Betonpfeilern, darunter und auf dem staubigen Vorplatz Gartentische mit roten und blauen Plastikstühlen. Gebrüht wird den ganzen Tag in einem Ziegelverschlag an der Seite des Gebäudes – in der Cabin ist immer Tea Time.

Ram Gour arbeitete die meiste Zeit seines Lebens als mobiler Teeverkäufer auf den Plantagen. Erfolgreich war er wegen der vielen Sorten, die er anbot: grünen Tee, Tee mit Ingwer, Tee mit Zimt oder Milch und Zucker. Denn für gewöhnlich servieren die Teemänner in Bangladesch das Heißgetränk nur mit Milch und Zucker.

Eines Tages auf dem Feld kam ihm die Idee, fünf Teesorten in einem Glas zu servieren. Ohne dass sie sich vermischen. Ein Kinderspiel? Ganz und gar nicht. Ganze zwei Jahre brühte, mischte und schichtete Ram Gour, bis es klappte.

Der Erfolg seines Five Layer Tea war so groß, dass er nacheinander zwei Teehäuser in Srimangal eröffnete. Eines Tages stand ein Engländer bei ihm in der Brühküche – und bot ihm 10.000 Dollar für sein Teerezept. Ram Gour jedenfalls überlegte keine Sekunde – er lehnte ab. "Wegen meines Rezepts war ich eine Berühmtheit in der Stadt. Wenn jeder Tee schichten kann, bin ich es nicht mehr", sagt er.

Tee zu Geld

Ram Gour hatte das Rezept nur seinen drei Söhnen verraten. Die Bewohner von Srimangal erzählen jedoch, dass einer der Servierer durch das Fenster in die Küche kiebitzte und das Teegeheimnis für 200 Dollar auf dem Markt verkauft habe.

Das Ergebnis: Angeblich gibt es jetzt einen Pub im englischen Bristol , der den Five Layer Tea serviert. Sicher aber ist, dass in Srimangal mittlerweile zahlreiche Teeköche den Lagentee anbieten – in bis zu zehn Schichten. Nach einem Tag Teetest ist aber klar: Die Konkurrenz hat schlecht kopiert. Nur bei Ram Gour bleibt die Heißgetränk-Skulptur beim Trinken intakt.

Was ist nun sein Geheimnis? Romash Ram Gour grinst. "Es hat etwas mit der Konsistenz des Tees zu tun und seinem Zuckergehalt." Mehr will er nicht verraten. Gerade meldet er ein Patent auf seinen Lagentee an und will dann im ganzen Land expandieren. "Mein Ziel ist, in Bangladesch so etwas wie Starbucks für Tee zu werden", flüstert er zum Abschied.

Anreise

Mit dem Flugzeug bis nach Dhaka, danach weiter mit dem Zug oder Bus. Die Fahrt dauert rund fünf Stunden. Der Zug fährt dreimal täglich vom Bahnhof Kamlapur. Das Ticket kostet rund drei Euro.

Unterkunft

Neben zwei anderen eher dubiosen Absteigen ist direkt in der Stadt das Tea Town Hotel die beste Adresse. Hier muss aber man für den Preis von rund 2,50 Euro pro Nacht Abstriche machen.

Am besten und dazu noch romantisch übernachtet man ein paar Kilometer außerhalb von Srimangal in der Nishorgo Eco Lodge. Der Betreiber Shamsul Hoque bietet dort für rund 10 Euro pro Nacht inklusive Frühstück und Abendessen eigene Bambushütten oder Hotelzimmer an (Kontakt: 0088-0171504120).

Wer erfahren will, wie der Tee geerntet wird, der bei Ram Gour in den Gläsern landet, muss bei Mister Shamsul klopfen. Er betreibt einige Kilometer außerhalb von Srimangal eine der neun in ganz Bangladesch verteilten Nishorgo Ecolodges . Die Herbergen unterstützen mit ihrem Gewinn Naturschutz- und Bildungsprojekte und bieten biologisch angebaute Lebensmittel an. Sein Lächeln hat Shamsul zwischen seinen Mundwinkeln wie eine Hängematte aufgespannt.

Niedriglöhne auf den Teeplantagen

Der Öko-Hotelier kann sich noch gut an den Streik der Teepflückerinnen vor zwei Jahren erinnern. Damals verdienten sie umgerechnet nur knapp 30 Eurocent am Tag. Nach dem Streik bekamen sie immerhin knapp 50 Cent, erzählt er. Selbst Rikschafahrer verdienen rund einen Dollar täglich.

Abgesehen vom Einkommen hat sich seit der Zeit der Engländer, die den Teeanbau samt den Arbeiterinnen 1854 aus Indien mitbrachten, nicht viel geändert. Die Pflückerinnen, wohl mehrere Tausend, sind alle Nachfahren der ersten Generation der Teearbeiter. Und so führen die Pfade durch die Hügel auch zurück in die Vergangenheit. Mit einer Ausnahme: Englische Teeunternehmen gibt es heute keine mehr.

Damals wie heute kommen die Frauen um sechs Uhr früh zum Vorarbeiter, der sie für den Tag einteilt. Um acht ist Arbeitsbeginn und um vier Uhr am Nachmittag Schluss. Auf den hüftbreiten Wegen, die durch die Plantagen führen, sind die Arbeiterinnen in ihren roten, gelben und blauen Tüchern überall zu sehen. Gezielt rupfen sie die jungen Triebe von den Zweigen. Bis zu 20 Kilogramm werden ihre Körbe schwer, die sie kilometerweit zu den Sammelpunkten tragen – im Sommer, bei 40 Grad und extrem hoher Luftfeuchtigkeit ein Knochenjob.

Im Herbst dagegen, wenn die letzten Triebe in den Körben landen, ist es angenehm kühl in den Plantagen. Bei seinen Streifzügen durch die grüne Hügellandschaft kann der Wanderer sich dann in aller Ruhe fragen, ob er eben so wie Romash Ram Gour die 10.000 Dollar ausgeschlagen hätte.

Zur Startseite
 
Leserkommentare
    • scoty
    • 11. Dezember 2012 11:21 Uhr

    Five Layer Tea Sorte kann Hunderte von Millionen wert sein und die Engländer wollten den Bauern mit 10.000 Dollar abspeisen.

    Kein Wunder das die erwähnten Studenten auf alles was " Grün " ist stehen.

    Ich persönlich würde gerne diese Teesorte probieren wollen.

  1. ... sollte sich wirklich mal informieren - und wird danach schauen müssen, wie er sein Gewissen wieder beruhigt.

    Denn bis auf die Nationalität der Plantagen-Besitzer hat sich seit der Kolonialzeit wenig geändert. Die Bettel-Löhne sind dabei nur die Spitze des Eisbergs. Teegarten-Arbeiter in Bangladesh werden zumeist in übelster Lohnknechtschaft gehalten, dürfen häufig nicht einmal die geschlossenen Communities in den Teegärten verlassen und leben in allen Alltagsdingen (einschließlich Pseudo-Schulbildung) in absoluter Abhängigkeit von ihrem Feudalherren.

    Man lese: "Die Pflückerinnen, wohl mehrere Tausend, sind alle Nachfahren der ersten Generation der Teearbeiter." ... was leider keinesfalls dem Idyll der Gärten und einer bewahrenswerten Familientradition geschuldet ist, sondern der Tatsache, dass die Mobilität von Teegarten-Arbeitern mit einer an Sklavenhaltung grenzenden Anmaßung systematisch eingeschränkt wird.

    Ich habe hier im Forum schon einige Sprüche einstecken dürfen, weil ich es grundsätzlich nicht für "böse" halte, wenn Bangladesh denn Wettbewerbsvorteil der billigen Arbeitskraft nutzt und internationale Unternehmen dort produzieren, um ihre Lohnkosten niedrig zu halten. Alles eine Frage, mit welchen Sozial- und Gesunheits-/Sicherheits-Standards das passiert.

    Aber bei den Teegärten hört der Spaß auf.

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

  • Artikel Auf mehreren Seiten lesen
  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Bangladesch | Rover | Starbucks | Indien | Thailand | Bayern
Service