GesundheitVom Krankenzimmer an den Strand

Ob Augenlasern, Zahnbehandlung oder Präventionsurlaub – das Geschäft mit Medizinreisen boomt. Darauf stellen sich auch immer mehr Krankenkassen ein. Von Benjamin Reuter von 

Viele Krankenkassen ermöglichen ihren Mitgliedern Medizinreisen.

Viele Krankenkassen ermöglichen ihren Mitgliedern Medizinreisen.  |  © Oli Scarff/AFP/Getty Images

Sich in einem Krankenhaus mit deutschem Standard behandeln lassen und gleichzeitig an einem der längsten Sandstrände Portugals Urlaub machen? Was klingt, wie der Ausgangspunkt für eine Arztserie im Vorabendprogramm, existiert tatsächlich. Zumindest, wenn man den Worten der Techniker Krankenkasse (TK) glaubt.

Erst Ende Oktober hat die Hamburger Kasse eine Kooperation mit der Universitätsklinik im portugiesischen Coimbra vereinbart. Die Stadt mit ihrer berühmten mittelalterlichen Bibliothek liegt gerade einmal 30 Kilometer von der Atlantikküste entfernt. Neben Galão zum Frühstück gibt es in Coimbra deutschsprachige Ärzte und Personal und laut der TK eine mit Deutschland "vergleichbare" Versorgungsqualität.

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Angst vor Kurpfuschern müssen die Versicherten aus dem kühlen Norden bei der Behandlung in Strandnähe also nicht haben. Auch die Bürokratie hält sich Grenzen: Die Kosten rechnet das Krankenhaus direkt mit der Kasse ab.

Portugal hofft auf deutsche Medizintouristen

Mit der Zusammenarbeit reagiert die TK, die mehr als hundert ähnliche Kooperationen in ganz Europa unterhält , auf die Nachfrage ihrer Kunden: Laut einer internen Untersuchung planen rund ein Drittel der TK-Versicherten, sich im Ausland behandeln zu lassen. Die Verantwortlichen in Coimbra derweil hoffen, die Stadt bei den Deutschen als "herausragende Destination für den Gesundheits- und Medizintourismus" zu etablieren.

Dass der Gang ins Ausland in Sachen Gesundheit einen breiteren Trend spiegelt, zeigt auch eine Untersuchung der Internationalen Hochschule Bad Honnef (IUBH) vom Mai 2012. Demnach kann sich sogar jeder zweite Deutsche eine Auslandsbehandlung vorstellen. Vor allem bei Kuren und Reha-Maßnahmen ist die Bereitschaft hoch. Aber auch Zahnbehandlungen und das Lasern von Augen sind laut Befragung für viele eine Reise ins Ausland wert.

Steigender Umsatz

Deutsche Patienten können sich laut Gesetz schon seit 2004 überall im Ausland behandeln lassen. Die Krankenkasse erstattet dann den für Deutschland üblichen Betrag für die jeweilige Maßnahme zurück – vorausgesetzt, die Kasse hat der Gesundheitsreise vorher zugestimmt.

Helmut Wachowiak, Professor für Tourismusmanagement an der IUBH und Leiter der Studie, sieht den Medizintourismus deshalb als "echten Faktor" auf dem Reisemarkt. Eine Nische sei er längst nicht mehr. Zu dieser Feststellung passen auch die Zahlen der Unternehmensberatung McKinsey : Bis 2020 könnte der Umsatz mit Reisenden in Sachen Gesundheit europaweit auf 30 Milliarden wachsen .

Auf den Trend zur Medizinreise reagieren nun verstärkt auch die Krankenkassen. So bieten neben der TK unter anderem die DAK , die KKH und die Barmer ihren Kunden Kooperationen mit europäischen Krankenhäusern und Ärzten. Die AOK hat spezielle Behandlungsverträge mit mehr als 60 Krankenhäusern in der gesamten EU, darunter auch mit Hospitälern auf Mallorca.

Auf Osteuropa spezialisierte Anbieter

Die AOK in Brandenburg hält für ihre Versicherten noch einen weiteren Service bereit: Seit 2005 können sich Patienten bei ausgesuchten polnischen Ärzten einen Zahnersatz einpassen lassen. Die AOK schießt zur Behandlung, wie bei deutschen Ärzten auch, Geld dazu. Die Eigenbeteiligung der Patienten fällt wegen der niedrigeren Kosten im Nachbarland aber deutlich geringer aus. Einige Hundert Patienten pro Jahr nutzen laut der AOK das Angebot.

In Polen, aber auch in anderen osteuropäischen Ländern wie Ungarn und Tschechien , haben sich mittlerweile Dutzende Reiseanbieter auf deutschsprachige Kunden spezialisiert und bieten Pauschalpakete an. Wo ein neues Gebiss in Deutschland mit einem vierstelligen Betrag zu Buche schlägt, kostet es in Osteuropa häufig nur ein paar Hundert Euro – inklusive Anfahrt, Übernachtung und Verpflegung. Das Durchschnittsalter für die medizinischen Butterfahrten liegt wenig überraschend bei über 60 Jahren.

Ein jüngeres Publikum zieht Studien zufolge die Türkei und vor allem Istanbul an. Die Stadt hat sich längst als Reiseziel für Schönheits-OPs und Augenlasik etabliert.

Leserkommentare
  1. Hallo , Das Geschäft "Neue Zähne" im Ausland floriert. Erschwerte innenpolitische Bedingungungen, krankende Standesvertretungen und teure Arbeitnehmer machen es den Zahnärzten in Deutschland nicht einfach Ihre Qualitätsware an den Mann oder die Frau zu bringen. So lassen sich mittlerweile bis zu 70 Prozent der Kosten bei der Herstellung von Zahnersatz (z.B. Ungarn) für den Patienten sparen. Vom diesen billigen Transfer an Zahnersatz(Zahnkrone, Zahnbrücke, Prothese)und Gesundheitsleistungen profitieren nicht nur die Verbraucher sondern auch die Krankenkassen.

    Aber nicht immer ist der Preisvergleich die bessere Wahl in der Medizin oder Zahnmedizin. Aufwendige Schönheitsoperationen oder Implantat-prothetische Rehabilitationen mit Zahnersatz […] bedürfen einer hohen Nachsorge und nicht immer kann ein komplikationsloser Verlauf einer Implantation garantiert werden.

    Auch bei aufwendigen Nachbesserungen können nicht mal ebenso mehrere hundert Kilometer zurückgelegt werden. Zudem trifft der betroffene Patient bei eventuellen Problemen mit seinem Zahnersatz auf keinen deutschen Gerichtsstand. Doch eigentlich ist es so wie immer - der Patient sollte sich von einem zahnarzt-Arzt seines Vertrauens behandeln lasse. Ein besserer Preis und ein paar Tage Sonnenliegen am Billigstrand können dieses mit garantierter Sicherheit nicht ersetzen.

    MFG Dr.Seidel, Frank
    .

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