JugendreisenNachwuchsmodels zelten nicht

Laufsteg-Training ja, Isomatte nein: Der Trend bei Jugendreisen sind Talent-Camps nach US-Vorbild, bei denen die Jugendlichen sich ein bisschen wie Stars fühlen dürfen. von Mareike Nieberding

Jugendreise Ruf Your Camp

Wanda Badwal fotografiert eine Teilnehmerin.  |  © Mareike Nieberding

Der erste Gang über den Laufsteg ist der schwierigste. Keines der Mädchen will anfangen – auch wenn der Laufsteg nur imaginär ist. Madeleine bekommt einen Schubs von hinten, macht ein paar Schritte. Die 12-Jährige Jackie lehnt an der Wand und beobachtet das ältere Mädchen, die Arme vor ihrem pinkfarbenen Spitzenkleid verschränkt. Auch ihre Rastazöpfe sind rosa. "I just met you and this is crazy. So here’s my number. Just call me, maybe", singt Carly Rae Jepsen aus der Stereoanlage. Jetzt ist Jackie dran. Aufrecht und ziemlich selbstbewusst geht sie durch den Partyraum des Berliner Jugendhotels. Sie schaut nach links und rechts, um zu sehen, wie die anderen auf ihren Auftritt reagieren. Modelcoach Wanda Badwal motiviert: "Zeig uns, wie wunderschön du bist! Super!"

Fünfzehn Mädchen zwischen zwölf und 17 Jahren hören heute auf Badwals Ansagen. Für 379 Euro nehmen sie am Your Camp des Jugendreiseanbieters Ruf teil. Mit 125 weiteren Jugendlichen sind sie für fünf Tage in Berlin , um mit den Trainern aus Detlef D! Soosts Tanzschule Choreografien einzustudieren. Wer will, kann zusätzlich mit Profis des TV-Senders Viva moderieren lernen, oder mit Badwal, die im Jahr 2008 in Heidi Klums Castingshow Germany’s Next Topmodel Vierte wurde, posieren üben. Die Reise wird mit dem Claim "Deine Chance zum Star" beworben.

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Produktmanager Bendix Lüdtke, 32, beschreibt das Your Camp als "spielerisches Trainingslager". Er hat die Reise für Ruf entwickelt. Dabei lag die Orientierung an popkulturellen Phänomenen scheinbar auf der Hand: "Die Jugendlichen stehen auf Videoclipdancing und Hip-Hop-Musik. Sie sind in dieser Kultur beheimatet und da wollen wir sie auch nicht wegholen. Vielleicht sind einige sogar sehr talentiert und träumen von einem Leben auf der Bühne. Modeln passt da natürlich gut rein." Das Angebot profitiere natürlich auch von der Popularität von Fernsehshows wie Germany’s Next Topmodel oder Popstars . "Aber die inhaltliche Ausgestaltung ist doch eine ganz andere. Es geht nicht um die Beurteilung der Leistungen, sondern darum, gemeinsam in einer Gruppe Gleichaltriger Spaß zu haben und etwas zu lernen." So stelle sich das Unternehmen jede Saison aufs Neue die Frage: Wofür kann man junge Menschen begeistern?

Denn ebenso schnell wie Formate in den Medien auftauchen und wieder verschwinden, ändern sich auch die Interessen der jugendlichen Reisenden. Roland Conrady, Professor am Fachbereich für Touristik und Verkehrswesen der Fachhochschule Worms , dazu: "Das Verhalten der Jugendlichen ist eher volatil und weniger festgefügt. Sie springen von einem Trend zum nächsten." Für Jugendreiseanbieter sei es eine Herausforderung, diese extreme Dynamik im Markt abzubilden – flexibles Agieren sei gefragt. "Da braucht man ein Schnellboot und keinen Tanker."

Und nicht nur die reisenden Kinder, sondern auch die zahlenden Eltern müssen überzeugt werden. "Die Jugendlichen wollen maximale Freiheit, wollen sich ausprobieren, und das am liebsten noch ohne Begleitung. Die Eltern wollen ein Maximum an Sicherheit", sagt der Ruf-Manager Lüdtke. Verschiedene Qualitätssiegel helfen bei der Orientierung: Für das "Sicher Gut"-Siegel des BundesForums Kinder- und Jugendreisen stehen Auswahl, Ausbildung und Führung der Reiseleiter im Fokus; das Reisenetz, der Deutsche Fachverband für Jugendreisen , prüft die Konzeption und Durchführung der Angebote; die Zertifizierung "Ok für Kids" vom Tüv Nord und dem Deutschen Kinderschutzbund bescheinigt die Berücksichtigung der Kinderrechte und die Sicherheit. Außerdem arbeitet das Bundeswirtschaftsministerium zusammen mit dem Deutschen Jugendherbergswerk im Zuge der Initiative "Zukunftsprojekt Kinder- und Jugendtourismus Deutschland" momentan an der Erstellung eines mehrsprachigen Infoportals, um die Angebote der Jugendreiseunternehmen vergleichbar zu machen – und um das wirtschaftliche Entwicklungspotenzial des Kinder- und Jugendreisemarkts in Deutschland besser zu nutzen.

Leserkommentare
  1. Eltern zahlen eben auch gern den einen oder anderen Euro mehr, wenn der Urlaub der Kinder der "Berufsorientierung" dient und nicht nur "sinnlos" verplemperte Zeit ist. Ich glaube auch nicht, dass der Drang in solche Kurse nur von den Jugendlichen ausgeht,da träumen auch Mütter und Väter vom leicht verdienten Geld und von Chancen, die sie selbst nicht hatten, weil ihre Eltern eben nicht so locker und cool waren und auf einer soliden Ausbildung bestanden. Wer von den Jugendlichen am Ende glücklicher oder erfolgreicher in seinem Erwachsenenleben sein wird, das entscheidet sich ganz bestimmt nicht in all den Kursen und Workshops, die den jungen Menschen übergestülpt werden.

  2. 10. [...]

    Entfernt, da unsachlich. Die Redaktion/ls

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    Antwort auf "Eigentor"
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    Bitte denken Sie doch in Zukunft einfach nochmal nach, bevor Sie in die Tasten hacken, dann erübrigt sich eine solche Diskussion. Beitrag #4 war keine Nörgelei, sondern ziemlich sauber formulierte Kritik am Zeitgeist.

    Zum Thema Reisen vs. Selbstdarsteller-Shows fallen mir eigentlich nur noch ein paar Zeilen aus dem Schlussteil David McCulloughs berühmter "You're not special"-Abschlussrede ein: "the fulfilled life is a consequence, a gratifying byproduct. It’s what happens when you’re thinking about more important things. Climb the mountain not to plant your flag, but to embrace the challenge, enjoy the air and behold the view. Climb it so you can see the world, not so the world can see you"

  3. Bitte denken Sie doch in Zukunft einfach nochmal nach, bevor Sie in die Tasten hacken, dann erübrigt sich eine solche Diskussion. Beitrag #4 war keine Nörgelei, sondern ziemlich sauber formulierte Kritik am Zeitgeist.

    Zum Thema Reisen vs. Selbstdarsteller-Shows fallen mir eigentlich nur noch ein paar Zeilen aus dem Schlussteil David McCulloughs berühmter "You're not special"-Abschlussrede ein: "the fulfilled life is a consequence, a gratifying byproduct. It’s what happens when you’re thinking about more important things. Climb the mountain not to plant your flag, but to embrace the challenge, enjoy the air and behold the view. Climb it so you can see the world, not so the world can see you"

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    Ich seh du hast an der Volkshochschule einen Englischkurs besuchen duerfen. Sehr schoen!

  4. 12. Tommy

    Ich seh du hast an der Volkshochschule einen Englischkurs besuchen duerfen. Sehr schoen!

    Antwort auf "You're not special"
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    Meine Volkshochschule nannte sich High School und war leider nicht freiwillig, buddy. ;)

  5. Meine Volkshochschule nannte sich High School und war leider nicht freiwillig, buddy. ;)

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    ...back in Brooklyn.

  6. ...back in Brooklyn.

  7. Oder genauer gesagt, interessante These.
    Bei Germanys next Topmodel haben doch sogar die angehenden "TopModels" inkl. Heidi Klum mal im "Outback" gezeltet.

    Trotzdem: Die Nachfrage ist ja anscheinend da. Und viele Veranstalter haben das wohl erkannt und machen ihre Kohle - ungeachtet dem "Wohl" der Teilnehmer.

  8. waren alle normal und nur wenige Superstars - ist das heute umgekehrt? Es müßte mittlerweile so viele freilaufende Superstars, Superstars-Zweite und Superstars-Teilnehmer geben, dass man nicht umfallen kann ohne auf Einen zu fallen.

    Auch die Bedeutung des Begriffes Urlaub hat sich anscheinend gewandelt, früher war das Erholung, heute heißt das einfach nur Woanders auf den Putz hauen.

    Was für Urlaub werden die Kinder der Superstars machen?
    ' schätze wird wieder Camping werden mit neuem Label a la
    Retro-Roofless-Experience

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