KanadaDie Landschaft am Rande der Gleise

Vor 100 Jahren porträtierten kanadische Maler die Natur an der Pacific Railway Line. Was inspiriert Künstler heute entlang der Strecke zwischen Vancouver und Calgary? von 

Der Rocky Mountaineer auf dem Weg in die Rockies

Der Rocky Mountaineer auf dem Weg in die Rockies  |  © Pia Volk

Eine Art lila Wolke wabert über die große weiße Wand in der Western Front Gallery in Vancouver . Man kann hindurchlaufen, dann wird man Teil dieser Landschaft. Die Wolke wechselt die Farbe und geht in digitale Flüsse über. Die Ausstellung heißt IRL , diese Abkürzung steht für in real life – aber eigentlich müsste dem Titel ein Fragezeichen hinzugefügt werden. Denn es geht nicht um die Inhalte des echten, wahren Lebens, sondern um die Frage, ob es dieses echte Leben noch gibt.

Die Western Front Gallery ist ein kleines Zentrum, verwaltet von Künstlern für Künstler. 18 solcher Zentren gibt es in Vancouver, sie haben sich zu einer Initiative zusammengeschlossen und beschäftigen sich mit den zeitgenössischen Fragen der Kunst. Das haben auch damals die Künstler der Group of Seven getan, die Ende des 19. Jahrhunderts auf den Gleisen der Pacific Railway Line durch Kanada fuhren und ihr Land malten. Sie malten echte Landschaften, majestätische Berge, Flüsse, die sich in Schluchten eingruben – und Züge, jede Menge Züge. Heute fährt der Luxuszug Rocky Mountaineer auf den Gleisen der Pacific Railway Line, die sich auf den Transport von Fracht konzentriert hat. Welche Landschaften inspirieren die Künstler entlang der Strecke heutzutage?

Anzeige

Die Reise beginnt in Vancouver . Die ersten Gleise erreichten Vancouver 1886, ein Jahr später kamen auch regelmäßig Züge. Damals war Vancouver ein verschlafenes Nest mit 5.000 Einwohnern, erst durch die Zuganbindung wuchs es rapide an. Um 1900 lebten hier 100.000 Menschen, heute sind es 600.000. In der naturnahen Metropole am Pazifik bläst einem ständig der Wind um die Nase und in der kleinen Meerenge vor der Halbinsel Stanley Park kann man den Seehunden beim Spielen zuschauen. Das richtige Leben, so will man sagen, das spürt man hier.

Landschaften des On- und Offline-Lebens

Aber die Sinnlichkeit will Sarah Todd, die Kuratorin der Ausstellung IRL , dem Leben auch gar nicht absprechen, nur die Grenzziehung und die Bewertung hält sie für unangemessen. Die grafischen Wolken- und Flusslandschaften stammen von dem kanadischen Künstlerkollektiv Wallpapers . Sarah Todd hat sie ausgewählt, weil sie die Grenze zwischen Offline- und Online-Leben verschwinden lassen. "Es gibt nur nicht eine Welt hier und eine Welt im Computer", sagt sie, "beides fügt sich in dem Benutzer oder Betrachter zu seiner Welt zusammen."

Im Zug sitzt dann auch kaum einer, der nicht sein Smartphone zückt, ein Bild von der Landschaft knipst und sofort per Mail oder Instant Message weiterschickt. Alles passiert in Echtzeit. Nur, das Zeit eine sehr relative Größe ist. Die Zugreise dauert drei Tage. Drei Tage im Zug, denkt man sich als Deutscher, da legt man Tausende von Kilometern zurück. Doch allein für die 350 Kilometer von Vancouver nach Kamloops braucht der Zug elf Stunden. Das liegt vor allem daran, dass es nur ein Gleis gibt und Güterzüge immer Vorfahrt haben. Güterzüge in Kanada sind lang. Man sollte sich nicht die Mühe machen, die Anzahl der Waggons zu zählen, es sei denn, man sucht einen Weg, möglichst schnell und sicher einzuschlafen.

Das Gefühl der Landschaft

Von Vancouver aus folgt der Zug dem Lauf des Fraser River in Richtung Norden, durchquert die Bergkette an der Küste, in die Gletscher tiefe Schluchten gefressen haben, bis sich eine Ebene öffnet, die weit und öd erscheint: eine grau-beige Einsamkeit mit einem unendlich blauen Himmel. Kamloops liegt in einer Halbwüste, im Regenschatten der Rocky Mountains . Über dem Kamloops See, der sich 29 Kilometer entlang der Zugstrecke zieht, scheint die Sonne gleißend. Weißkopfseeadler zirkeln über dem Wasser. Es fehlt nur das "Willkommen in der Prärie"-Schild.

So schön und inspirierend die Landschaft ist: Über die Arbeitsbedingungen der Bahnmitarbeiter kann man das offenbar nicht unbedingt sagen. Am Rande der Strecke stehen vereinzelt Menschen mit selbstgemalten Schildern, wie auch schon am Bahnhof von Vancouver. " Locked Out " steht darauf, rund 100 Arbeiter des Zuges wurden ausgesperrt, weil es Streit um die Bezahlung von Überstunden und die Unterbringung des Personals gab. Besonders kreativ sind die Ausgesperrten bei ihren Schildern nicht – kreativ waren nur die Betreiber, die die Besucher möglichst weiträumig um die Protestierenden herumführten und diese ins Lächerliche zogen: "Schau mal, ein echter Wilder", sagte ein Zugbegleiter.

In dem kleinen Café The Art We Are auf der Victoria Street in Kamloops zeigen Bilder wiederum Naturidyll mit Seeadlern und Wolkenlandschaften. Christina Grono, Betreiberin des Cafés, will über die Ausstellung Geld sammeln, um die Chemotherapie einer krebskranken Frau finanziell zu unterstützen. Der Raum ist übervoll mit Menschen, einige stehen sogar vor der Tür und warten darauf, hineinzukommen. Die Tische, an denen normalerweise Gäste sitzen, sind zu Ablageflächen umfunktioniert, es gibt Schmuck, Gutscheine und Healing-Sessions. Vor dem Schaufenster spielt drinnen eine Zwei-Frauen-Kombo. Neben ihnen an der Wand zeigen Gemälde Harrison Ford in Luke Skywalker-Manier oder die Nahaufnahme von Clint Eastwoods zusammengekniffenen Augen, um die Falten eine Art dicken Rahmen legen. Man kann sich gut vorstellen, wie diese beiden durch Kamloops schreiten, in ihrer Westernmanier, in dieser Stadt, die verloren wirkt in der Weite der Landschaft.

Schreiben Sie den ersten Kommentar!

    Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

    • Artikel Auf einer Seite lesen
    • Quelle ZEIT ONLINE
    • Schlagworte Kanada | Harrison Ford | Western | Vancouver | Calgary | Alpen
    Service