MadagaskarPiratennest im Paradies

Versteckte Buchten, schöne Frauen, gutes Essen: Madagaskar war bei Piraten beliebt. Berühmte Seeräuber kamen hierher. Eine Spurensuche nach 300 Jahren. Von F. Badenschier von 

Der Strand von Sainte Marie, vor dem Libertalia-Hotel

Der Strand von Sainte Marie, vor dem Libertalia-Hotel  |  © Franziska Badenschier

"Wir lagen vor Madagaskar und hatten die Pest an Bord. In den Kesseln, da faulte das Wasser. Und täglich ging einer über Bord." Dieses Lied fällt vielen zu Madagaskar ein: Das haben doch die Piraten gesungen, heißt es dann oft. Dabei hat das Lied nichts mit Seeräubern zu tun, denn: Es ist ein Matrosenlied! Nichtsdestotrotz: Auf Madagaskar gab es tatsächlich Piraten, vor etwas mehr als 300 Jahren.

"Zwischen 1680 und 1700 war Madagaskar ein richtiges Piratennest, und Sainte Marie, eine kleine Insel vor der Ostküste, war das Zentrum", sagt Nirina Rafanomezantsoa vom Piratenmuseum in der madagassischen Hauptstadt Antananarivo. Die Ostküste Madagaskars sei eben günstig gewesen für anlandende Piraten, erzählt sie: Hier gab es viele kleine Buchten, um sich gut zu verstecken. Der Regenwald lieferte Holz, um die Schiffe zu reparieren. Und es gab genug Früchte und Fisch, um alle Piraten satt zu bekommen.

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Vor allem aber gab es viel Beute, damals, als es nicht mehr lukrativ war, in der Karibik Schiffe zu kapern. Rafanomezantsoa sagt: "Viele europäische Schiffe passierten die Straße von Mosambik, die zwischen Madagaskar und dem afrikanischen Festland verläuft. Die Schiffe brachten Waffen, Gold und Silber aus der Karibik nach Indien und China; und auf der Weiterfahrt von Asien nach Europa hatten sie Elfenbein, Porzellan, Seide, Baumwolle, Tee und Gewürze." Manchmal seien auch muslimische Pilgerreisende vorbeigeschippert: "Die waren auf dem Weg nach Mekka. Da waren reiche Leute dabei, Prinzen zum Beispiel mitsamt ihren Juwelen."

Pirat wird König

Steht man auf Sainte Marie nahe dem größten Dorf am Strand, dann muss man nach rechts schauen, hinauf auf einen Hügel. Da oben soll einer der berühmtesten Piraten begraben sein: William Kidd. Erst war er Kaufmann, dann Piratenjäger, schließlich selbst Pirat. Ein madagassischer Junge kommt angelaufen und fordert den Besuch auf, ihm zu folgen. Der Junge läuft den Hügel hinauf. Oben angekommen, sagt er: "Das ist der Piraten-Friedhof von Sainte Marie – und hier ist das Grab von William Kidd!" Er zeigt auf einen dunkelgrauen, verwitterten Grabstein. Die Inschrift ist nicht mehr zu entziffern.

"William Kidd liegt nicht in Madagaskar begraben", sagt Rafanomezantsoa vom Piratenmuseum. "Der Pirat wurde 1701 in London gehängt." Immerhin: William Kidd war tatsächlich mindestens einmal auf Madagaskar, so wie schätzungsweise 1.500 andere Piraten. Einer von ihnen wurde sogar König: Thomas Tew. Der britische Pirat landete 1693 in Madagaskar, nahm Proviant und Wasser an Bord, reiste weiter zum Roten Meer, dann nach New York und kam ein Jahr später zurück auf die viertgrößte Insel der Welt. Tew war bekannt dafür, britische und niederländische Schiffe der Companie des Indes anzugreifen. Diese überquerten den Indischen Ozean und waren voll beladen mit Luxusgütern aus dem Osten. Tom Tew wurde reich. Doch ihm fehlte etwas: eine Frau.

Königin liebt Piraten

"Als Tom Tew von der madagassischen Prinzessin Antavaratra Rahena empfangen wurde, verliebte er sich in sie. Bald heirateten die beiden", sagt die Frau vom Piratenmuseum. Das Königspaar lebte fortan an der Ostküste der madagassischen Hauptinsel, zwischen den beiden Städtchen Foulpointe und Fénérive-Est, vis-à-vis der vorgelagerten Insel Sainte Marie. Tew und Rahena bekamen einen Sohn: Ratsimilaho. Doch viel Zeit blieb der königlich-seeräuberischen Familie nicht: Thomas Tew starb 1695 im Roten Meer, als er zusammen mit dem Piraten Henry Every zwei Schiffe aus Indien entern wollte.

"1701 ging ein Pirat namens Thomas White auf Sainte Marie an Land. Auch er hatte eine Liebesgeschichte mit der Königin Rahena und behandelte Ratsimilaho wie seinen eigenen Sohn", erzählt die Piraten-Expertin Rafanomezantsoa. Die Madagassen gehen davon aus, dass es sich bei Thomas White und Thomas Tew um dieselbe Person handelt, auch wenn die – zugegeben lückenhafte und zum Teil widersprüchliche – Piraten-Chronik sich anders liest. "Beide Männer hatten denselben Vornamen, und wenn man den Namen White umgekehrt ausspricht, klingt er wie Tew", begründet Rafanomezantsoa die madagassische Version.

Piratenfriedhof auf Sainte Marie

Piratenfriedhof auf Sainte Marie  |  © Franziska Badenschier

Ratsimilaho, der Sohn des Piraten und der Königin, ging später für eine Ausbildung nach England, kam zurück und wurde selber König. Sein Volk an der Ostküste bezeichnete sich neuerdings als Betsimisaraka, als "die Zahlreichen, die sich nicht trennen lassen". Ratsimilahos Nachfahren nannten sich Zana-Malata, "Kinder des Mischlings". Das Faible für Piraten blieb denn auch in der Familie: Ratsimilahos Tochter, Prinzessin Betia, fand den schiffbrüchigen Piraten Jean-Onésime Filet, pflegte ihn wieder gesund – und heiratete ihn 1750.

"Haben Sie schon Libertalia gesehen?", fragt der junge Madagasse auf dem Piratenfriedhof. Der deutsche Besuch denkt an das gleichnamige Hotel keine zwei Kilometer entfernt von dem grünen Hügel mit den dunklen Gräbern. "Non, non. Libertalia, die Piratenrepublik!" Der Besuch wundert sich: "Im Reiseführer steht doch: Die Piratenrepublik gab es gar nicht wirklich. Das soll nur ein Mythos sein." Doch der Junge ist überzeugt davon: Die Piratenrepublik hat es tatsächlich gegeben, und zwar ganz im Norden Madagaskars, in der Stadt Diego Suarez, die heute Antsiranana heißt. Er selbst sei allerdings noch nicht dort gewesen, gesteht er.

Piratenmuseum

Das Piratenmuseum in der madagassischen Hauptstadt Antananarivo wurde Ende 2008 eröffnet. In zwei Räumen wird die Geschichte der Piraten in der Karibik, in Indischen Ozean und auf Madagaskar erzählt. Berühmte Piraten werden ebenso vorgestellt wie die mysteriöse Piratenrepublik Libertalia, die sich im Norden Madagaskar befunden haben soll. Madagassische Mitarbeiter führen durch die Ausstellung, auf Wunsch auch auf Deutsch. Öffnungszeiten: montags bis freitags von 8 bis 17 Uhr, samstags und sonntags nach Voranmeldung.
Mehr Informationen: www.piratenmuseum.ch

Mär vom Piratenlied

Während des Kriegs zwischen Russland und Japan Anfang des 20. Jahrhunderts war ein russisches Schiff vor der Insel Nosy Be im Nordwesten Madagaskars liegengeblieben und die Russen wurden krank, einer nach dem anderen starb. Deswegen die Liedzeilen: "Wir lagen vor Madagaskar und hatten die Pest an Bord. In den Kesseln, da faulte das Wasser. Und täglich ging einer über Bord." Deutsche Matrosen retteten schließlich die noch nicht dahingeschiedenen Russen. Die russische Botschaft in Madagaskar hat auf der Insel ein Denkmal errichtet, um an die gestorbenen Soldaten zu erinnern.

Anreise nach Madagaskar

Nach Madagaskar fliegt man am besten über Paris (Direktflüge mit den Airlines Air France und Air Madagascar) oder über Johannesburg (mit South African Airlines); Kosten für Hin- und Rückflug je nach Saison zwischen 1000 und 2000 Euro. Bei der Einreise ist ein Visum nötig. Das ist erhältlich bei der Botschaft der Republik Madagaskar in Falkensee-Berlin. Ein Touristenvisum für bis zu 30 Tage ist kostenlos. Vor Ort in Madagaskar gibt es zahlreiche Reiseveranstalter, die Gruppenreisen und auch Individualtouren anbieten. Manche Reiseleiter sind Madagassen, die Deutsch sprechen, zum Beispiel bei Priori, oder nach Madagaskar ausgewanderte Deutsche wie Klaus Konnerth .

Wo wurde die Piratenrepublik gegründet?

Der Mythos will es, dass ein gebildeter Herr namens Misson und der Dominikaner-Pater Caraccioli sich in Rom kennenlernten und sich 1690 auf den Weg machten, um in der Karibik Piraten zu jagen. Unterwegs hätten sie ein Schiff nach dem anderen gekapert, auf den Komoren pausiert, an Mosambiks Küste gekämpft, die Mannschaft vergrößert.

"Misson und Caraccioli wollten daraufhin eine Republik gründen, in der alle Piraten zusammenleben können – in Freiheit und Brüderlichkeit", sagt die Frau vom Piratenmuseum. "Sie haben eine große, aber trotzdem versteckte Bucht gefunden. Deswegen denken viele, dass es sich um die Bucht von Diego Suarez im Norden Madagaskars handelt." Hier bilden mehrere Landzungen einen guten Schlupfwinkel.

Keine Spur von Libertalia?

40 Kanonen sollen die Einfahrt gesichert haben. Eine ganze Stadt samt Werft und Vorratslagern soll aufgebaut worden sein. Eine der ersten Demokratien der Neuzeit soll errichtet worden sein. Nach wenigen Monaten hätten schon 600 Piraten in Libertalia gelebt. Allerdings brach der Staat wohl bald wieder zusammen. Zwei Versionen sind überliefert: Einerseits hätte die französische Flotte zugeschlagen, als fast alle Libertalia-Piraten auf Kaperfahrt waren; andererseits hätten die sonst so umgänglichen Ureinwohner die Einwohner niedergemetzelt und die Piraten-Stadt niedergebrannt. So oder so: Die zurückkehrenden Libertalia-Piraten bauten Libertalia nicht wieder auf, sondern zogen schnell weiter.

"Bis jetzt gibt es keine Spur von Libertalia, weder in Diego Suarez noch sonst wo", sagt Nirina Rafanomezantsoa. "Man weiß bis heute nicht, ob Libertalia eine wahre Geschichte ist oder nur Fiktion." Als Touristen-Magnet lohne sich der Mythos allemal, sagt die Frau vom Piratenmuseum: "In Madagaskar gibt es mittlerweile Hotels, Restaurants, Straßen, die sich 'Libertalia' oder nach einem Piraten nennen."

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Leserkommentare
  1. die Nachkommen von Thomas Tew und Koenigin Rahena. Man findet sie bei
    "The Zafy-Malata of Madagascar".

    Daniel Defoe war uebrigens der Chronist von Libertalia.

  2. ...besonders, wenn ihre schwerverbrecherischen Untaten lange schon zurückliegen.

    Immer wieder liest man idealisierende Reportagen von basisdemokratischen Strukturen an Land und auch auf dem Schiff mit (ab!)-wählbaren Kapitänen und anderen Anführern.

    Weder ist das Leben als Pirat einfach oder gar ungefährlich gewesen, noch fanden Beraubte und Versklavte das positiv aufregend, außer vielleicht erwählte Piratenbräute.

    Im antiken Kilikien, wurde ein römischer Feldzug zur Sicherung der Seewege erforderlich, Massenhinrichtungen.

    Wer von Raub und Geiselnahme, Erpressung und Versklavung lebt(e), begleitet von Mord, Brandschatzung und Vergewaltigung, der sollte auch rückblickend als Schwerverbrecher gewertet werden.

    Allenfalls in Nebenabsätzen wird mal von der Hinrichtungen geschrieben, aber nach einem als schon recht intensiv gelebt dargestellten Leben, kurz und heftig.

    Die Fehlbewertung erstreckt sich übrigens auch auf landgestützte Räuberbanden, Schinderhannes, Stumpfarm & Co.

    Wie werden in wenigen hundert Jahren die Piraten an der Küste des FailedState Somalia oder in fernöstlichen Meeresstraßen bewertet werden?

    Die neue Bedeutung des Wortes "Piraten" als politische Partei mit wunderschönen lautmalerischen Wortspielen ("Klar machen zum Ändern") macht die realistische Bewertung von Mördern und Zerstörern nicht einfacher.

    Gerade jetzt vor Weihnachten nehmen die Bank- und Tankstellenüberfälle und Handtaschenräubereien wieder deutlich zu, das ist fern jeder "Räuberromantik"!

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  • Schlagworte Madagaskar | Reise | Tourismus | Piraterie | Geschichte | Afrika
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