Madagaskar : Piratennest im Paradies
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 Piratsein in Freiheit und Brüderlichkeit

Piratenfriedhof auf Sainte Marie © Franziska Badenschier

Ratsimilaho, der Sohn des Piraten und der Königin, ging später für eine Ausbildung nach England, kam zurück und wurde selber König. Sein Volk an der Ostküste bezeichnete sich neuerdings als Betsimisaraka, als "die Zahlreichen, die sich nicht trennen lassen". Ratsimilahos Nachfahren nannten sich Zana-Malata, "Kinder des Mischlings". Das Faible für Piraten blieb denn auch in der Familie: Ratsimilahos Tochter, Prinzessin Betia, fand den schiffbrüchigen Piraten Jean-Onésime Filet, pflegte ihn wieder gesund – und heiratete ihn 1750.

"Haben Sie schon Libertalia gesehen?", fragt der junge Madagasse auf dem Piratenfriedhof. Der deutsche Besuch denkt an das gleichnamige Hotel keine zwei Kilometer entfernt von dem grünen Hügel mit den dunklen Gräbern. "Non, non. Libertalia, die Piratenrepublik!" Der Besuch wundert sich: "Im Reiseführer steht doch: Die Piratenrepublik gab es gar nicht wirklich. Das soll nur ein Mythos sein." Doch der Junge ist überzeugt davon: Die Piratenrepublik hat es tatsächlich gegeben, und zwar ganz im Norden Madagaskars, in der Stadt Diego Suarez, die heute Antsiranana heißt. Er selbst sei allerdings noch nicht dort gewesen, gesteht er.

Wo wurde die Piratenrepublik gegründet?

Der Mythos will es, dass ein gebildeter Herr namens Misson und der Dominikaner-Pater Caraccioli sich in Rom kennenlernten und sich 1690 auf den Weg machten, um in der Karibik Piraten zu jagen. Unterwegs hätten sie ein Schiff nach dem anderen gekapert, auf den Komoren pausiert, an Mosambiks Küste gekämpft, die Mannschaft vergrößert.

"Misson und Caraccioli wollten daraufhin eine Republik gründen, in der alle Piraten zusammenleben können – in Freiheit und Brüderlichkeit", sagt die Frau vom Piratenmuseum. "Sie haben eine große, aber trotzdem versteckte Bucht gefunden. Deswegen denken viele, dass es sich um die Bucht von Diego Suarez im Norden Madagaskars handelt." Hier bilden mehrere Landzungen einen guten Schlupfwinkel.

Keine Spur von Libertalia?

40 Kanonen sollen die Einfahrt gesichert haben. Eine ganze Stadt samt Werft und Vorratslagern soll aufgebaut worden sein. Eine der ersten Demokratien der Neuzeit soll errichtet worden sein. Nach wenigen Monaten hätten schon 600 Piraten in Libertalia gelebt. Allerdings brach der Staat wohl bald wieder zusammen. Zwei Versionen sind überliefert: Einerseits hätte die französische Flotte zugeschlagen, als fast alle Libertalia-Piraten auf Kaperfahrt waren; andererseits hätten die sonst so umgänglichen Ureinwohner die Einwohner niedergemetzelt und die Piraten-Stadt niedergebrannt. So oder so: Die zurückkehrenden Libertalia-Piraten bauten Libertalia nicht wieder auf, sondern zogen schnell weiter.

"Bis jetzt gibt es keine Spur von Libertalia, weder in Diego Suarez noch sonst wo", sagt Nirina Rafanomezantsoa. "Man weiß bis heute nicht, ob Libertalia eine wahre Geschichte ist oder nur Fiktion." Als Touristen-Magnet lohne sich der Mythos allemal, sagt die Frau vom Piratenmuseum: "In Madagaskar gibt es mittlerweile Hotels, Restaurants, Straßen, die sich 'Libertalia' oder nach einem Piraten nennen."

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Kommentare

2 Kommentare Kommentieren

Piraten werden gern mystifiziert...

...besonders, wenn ihre schwerverbrecherischen Untaten lange schon zurückliegen.

Immer wieder liest man idealisierende Reportagen von basisdemokratischen Strukturen an Land und auch auf dem Schiff mit (ab!)-wählbaren Kapitänen und anderen Anführern.

Weder ist das Leben als Pirat einfach oder gar ungefährlich gewesen, noch fanden Beraubte und Versklavte das positiv aufregend, außer vielleicht erwählte Piratenbräute.

Im antiken Kilikien, wurde ein römischer Feldzug zur Sicherung der Seewege erforderlich, Massenhinrichtungen.

Wer von Raub und Geiselnahme, Erpressung und Versklavung lebt(e), begleitet von Mord, Brandschatzung und Vergewaltigung, der sollte auch rückblickend als Schwerverbrecher gewertet werden.

Allenfalls in Nebenabsätzen wird mal von der Hinrichtungen geschrieben, aber nach einem als schon recht intensiv gelebt dargestellten Leben, kurz und heftig.

Die Fehlbewertung erstreckt sich übrigens auch auf landgestützte Räuberbanden, Schinderhannes, Stumpfarm & Co.

Wie werden in wenigen hundert Jahren die Piraten an der Küste des FailedState Somalia oder in fernöstlichen Meeresstraßen bewertet werden?

Die neue Bedeutung des Wortes "Piraten" als politische Partei mit wunderschönen lautmalerischen Wortspielen ("Klar machen zum Ändern") macht die realistische Bewertung von Mördern und Zerstörern nicht einfacher.

Gerade jetzt vor Weihnachten nehmen die Bank- und Tankstellenüberfälle und Handtaschenräubereien wieder deutlich zu, das ist fern jeder "Räuberromantik"!