Reformen Gehen oder bleiben

Trotz wirtschaftlicher Neuerungen geht vielen Bürgern im „Musterland des Sozialismus“ der Umbau ihres Systems nicht rasch genug. Nun hat Präsident Raúl Castro Reisefreiheit angekündigt. von Cynthia Gorney

Elf Millionen Menschen leben auf Kuba, etwa so viele wie in Baden-Württemberg. Es ist die größte Insel in der Karibik, nur rund 150 Kilometer vom Territorium der USA entfernt. Viele Menschen beschäftigt Kuba aber vor allem, weil es zwei widerstreitende Sichtweisen seiner jüngeren Geschichte gibt, beide von Mythen überhöht. Entweder hat 1959 ein skrupelloser Revolutionär die Macht übernommen, den Besitz US-amerikanischer Unternehmen beschlagnahmt, die Unternehmer außer Landes getrieben und die gesamte Opposition zum Schweigen gebracht, in dem er einen totalitären Polizeistaat schuf. Das ist die Version, die bis zum heutigen Tag von Radio Mambí aus Miami verbreitet wird, dem Sprachrohr der leidenschaftlichsten Castro-Hasser in Florida.

Oder ein brillanter Revolutionär stürzte eine korrupte Diktatur, schüttelte den Kolonialismus ausländischer Unternehmen und der Mafia ab, verhalf einer engagierten Bevölkerung zu Bildung, Gesundheitsversorgung und einem egalitären Wertesystem. So entstand eine gebildete Bastion des Sozialismus – trotz eines halben Jahrhunderts von Versuchen der US-Regierungen, die Revolution zu zerstören, indem sie US- Bürgern verboten, mit Kuba Geschäfte zu machen oder dort als Touristen Geld auszugeben. Beide Sichtweisen enthalten ein Stück Wahrheit. Die Zuckerinsel kann einen mit ihrer Komplexität und ihren Paradoxien zur Erschöpfung treiben – die Kubaner sind die Ersten, die das zugeben würden –, und die Fragen, vor die Kuba seine Besucher stellt, sind groß, ernsthaft und schwer einzugrenzen. Was brauchen Menschen zum Leben? Was sind sie einander schuldig? Was ersehnen sie jenseits der Befriedigung ihrer Grundbedürfnisse? Was ist eigentlich Freiheit?

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"Wir sind alle Versuchskaninchen", sagt eine 58-jährige Künstlerin mit Universitätsausbildung nachdenklich. Sie nutze nur noch Energiesparlampen, sagt die Frau – so wie es ein ehrgeiziges nationales Projekt verlangt. Seit einigen Jahren müssen alle Kubaner auf stromsparende Lampen umrüsten, im Interesse der Energieunabhängigkeit und der Umwelt. "Das wurde überprüft", sagt sie. "Sie zerstörten die alten Glühbirnen vor deinen Augen, um sicherzustellen, dass du sie nicht heimlich wieder in die Fassung drehst." Sie hat ein Kind, einen Sohn, der ein Jahrzehnt jünger ist als Eduardo – doch er ging weg, hat Kuba hinter sich gelassen und eine Therapielizenz in Spanien erworben. "Es war eine großartige Idee, alle Glühbirnen auszutauschen", sagt sie. "Das Problem war die Vorgehensweise." In der Kurzform sieht der Wiederaufbau des Hauses Kuba so aus: Der Kapitalismus sickert ein, von den Rändern nach innen, in kleinen gehen oder bleiben?

Seit 2010 haben mehr als 150.000 kubanische Arbeitskräfte ihre staatlichen Jobs aufgegeben oder wurden entlassen. So etwas war zuvor undenkbar in einem System, das ursprünglich darauf angelegt war, für die gesamte Erwerbstätigkeit und den Sozialstaat zuständig zu sein. Präsident Raúl Castro selber erklärte, der Staatsapparat sei aufgebläht und fördere Abhängigkeit und Korruption. Als Konsequenz müsse der Staat eine halbe Million Beschäftigte entlassen. Staatliches Ackerland wird deshalb jetzt in Parzellen an private Bauern und Kooperativen verpachtet, und behutsam werden auch andere Formen legaler Selbständigkeit gefördert. Selbst das Bezugsbüchlein, die libreta, die an alle kubanischen Haushalte ausgegeben wird und auf deren Seiten der Empfang der staatlich subventionierten Grundnahrungsmittel bestätigt werden muss, könnte bald der Vergangenheit angehören, hat Raúl Castro gesagt.

Die libreta! Das wäre wirklich ein Ruck. Nichts symbolisiert die Widersprüche des kubanischen Wirtschaftssystems und die komplizierte Umgangsweise der Kubaner mit ihm mehr als die spielkartengroße libreta mit ihrem zusammengehefteten Pappeinband. Sie listet all jene Dinge auf, die der Bürger zu künstlich niedrig gehaltenen Preisen beziehen darf: Reis, Zucker und, falls es in der Familie Kinder unter acht Jahren gibt, Milch. Für alles muss jeweils ein Kästchen abgehakt werden. Die Seiten sehen aus wie die Kladden der Buchhalter in den Romanen von Charles Dickens.

Leserkommentare
  1. ......ist die Geldknappheit des Systems.

    Der sozialistische Staat - mit nahezu 98 %iger Vollbeschäftigung - ist dabei zu implodieren. Wenn das System staatliche Arbeitskräfte bezahlen muss, die im 3-Schicht Betrieb eine Baustelle (über Jahre hinweg!) rund um die Uhr bewachen, damit niemand das Baumaterial klaut, dann kostet alleine dieser Arbeitsplatz 36 Dollar im Monat (3 x 12 Dollar/Monat). Von diesen Arbeitsplätzen gab - und gibt es noch -es Hunderttausende in Kuba!!!

    Die von Raul im Jahre 2010 angekündigte Reform "500.000 Arbeitskräfte aus dem Staatsdienst zu entlassen" hat also nichts mit "etwas mehr Kapitalismus wagen" zu tun, sondern mit knappen Kassen.

    Die Motivation nach 54 Jahren Revolution nun endlich die Reisefreiheit einzuführen ist vor dem gleichen Hintergrund zu sehen. Wenn "nur" 1 Million Kubaner die Möglichkeit haben das Land zu verlassen, beispielsweise weil sie Geld von Verwandten im Ausland bekommen, werden die Staatskassen abermals entlastet.

    "Geld regiert die Welt" gilt auch im Kommunismus. Vor allem, wenn keins da ist!

    2 Leserempfehlungen
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    Gratulation! Besser könnte man das kubanische Dilemma und den längst geplatzten sozialistischen Traum nicht erläutern. "Geld regiert die Welt, vor allem, wenn keines da ist". Perfekt!

  2. 2. [...]

    Entfernt. Bitte bleiben Sie beim Artikelthema. Danke, die Redaktion/jk

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  3. 3. [...]

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  4. Insgesamt ein neutraler und informativer Artikel. Was mir aufgefallen ist in Kuba, ist die teilweise sehr unrealistische Sicht der jungen Menschen. Viele haben sehr wenig Ahnung von einem Leben in kapitalistischen Ländern.

    Ich habe das Gefühl, dass gerade die jungen Menschen ein sehr naives Bild haben vom Ausland, dass durch das TV und Internet geprägt ist. Ich habe viele Gespräche geführt mit Kubanern und mir ist aufgefallen, dass gerade die Kubaner mittleren udn hohen Alters noch in der Mehrheit zu Fidel und dem Sozialismus stehen. Die jungen Menschen aber - gerade die, die im Tourismus arbeiten und mit der Konsumgesellschaft zu tun haben - sehnen sich vorallem nach westlichen Produkten.

    Auf Grund dieser teilweise etwas naiven Sicht beführworte ich den weichen und langsamen Übergang zur Marktwirtschaft.

  5. Gratulation! Besser könnte man das kubanische Dilemma und den längst geplatzten sozialistischen Traum nicht erläutern. "Geld regiert die Welt, vor allem, wenn keines da ist". Perfekt!

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  • Schlagworte Kuba | Charles Dickens | Energiesparlampe | Glühbirne | Urknall | Russland
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