TaiwanWenn aus Feinden Freunde werden sollen

Chinesische Touristen schätzen Taiwans Kultur, werden dort aber skeptisch empfangen. Immerhin betrachtet China den Inselnachbar noch immer als abtrünnige Provinz. von Maximilian Kalkhof

Chinesische Touristen besuchen den Sun Yat-sen Park in Taipei, Taiwan, der nach dem Gründungsvater der Republik China benannt ist.

Chinesische Touristen besuchen den Sun Yat-sen Park in Taipei, Taiwan, der nach dem Gründungsvater der Republik China benannt ist.  |  © Wally Santana/AP Photo/ddp images/dapd

Yongfang schämt sich. Sie legt ihre gefalteten Hände vor sich auf die Ladentheke und beugt leicht ihren Oberkörper. "Verzeihung, ich spreche leider kein Taiwanisch", entschuldigt sie sich bei dem ungeduldig dreinschauenden Kunden. "Süßkartoffeln will er!", übersetzt eine Frau weiter hinten in der Schlange. "Die sind leider aus", beeilt sich Yongfang zu antworten, doch der kleine kahlköpfige Mann ist schon wortlos aus dem Laden gestapft.

Pan Yongfang, 32, stammt aus der chinesischen Provinz Anhui. Sobald sie den Mund aufmacht, verrät sie sich. Sie spricht Hochchinesisch, wie man es sonst nur im chinesischen Radio hört. Doch die Kundschaft des Convenience Store Family Mart in Taipei versteht sie oft nicht.

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Die Annäherung zwischen Taiwanern und Chinesen ist eine filigrane Angelegenheit. Zwar befinden sich die politischen Beziehungen seit dem Amtsantritt des taiwanischen Präsidenten Ma Ying-jeou 2008 auf einem historischen Höhenflug, doch der Alltag beweist immer wieder, dass der Kalte Krieg längst noch keine Geschichte ist. Nach wie vor betrachtet China Taiwan als abtrünnige Provinz und hat für den Fall einer formalen Unabhängigkeitserklärung rund 1.500 Raketen auf Taiwan gerichtet.

Die neue chinesische Touristenwelle

Deswegen probt Taiwan regelmäßig die Verteidigung und hält militärische Übungen ab. Dann kommt der Verkehr in der Metropole Taipei zum Erliegen. Und erst kürzlich wurde ein taiwanischer Kampfpilot aus der Armee entlassen, da er eine Affäre mit einer Chinesin hatte. Schließlich könnte die Chinesin an militärische Geheimnisse gelangen.

"Von klein auf habe ich in unseren Geschichtsbüchern gelesen, dass Taiwan eine Schatzinsel sei", sagt Herr Ye und beäugt zufrieden seine taiwanische Bratwurst. Er steht zwischen den Essensständen des taiwanischen Nachtmarkts Shilin in Taipei und um ihn herum tummeln sich fast ausschließlich chinesische Touristen. Ye ist 36 Jahre alt und arbeitet als Immobilienmakler in der Provinz Fujian. Mit der Reise erfüllt er sich einen Traum: "Taiwan ist mit uns blutsverwandt und ein Hort chinesischer Kultur. Ich musste einfach kommen." Dann geht er zum Stand mit den Austernomeletts.

Der Weg nach Taiwan

China Airlines fliegt fünf Mal pro Woche nonstop von Frankfurt nach Taipei. Sonderangebote in der Nebensaison (April bis Juni und November) und für Studenten. Für Ausflüge innerhalb Taipeis empfiehlt sich eine Easy Card für den Nahverkehr, erhältlich in jeder Metrostation (MRT). Ausflüge in andere Städte mit der Eisenbahn oder dem Hochgeschwindigkeitszug (Taiwan High Speed Rail). Mehr Infos unter www.taiwantourismus.de

Unterkunft

Dandy Hotel (Daan Park Branch), No. 33, Sec. 3, Xinyi Rd., Da’an Dist., Taipei City 106, Telefon: +886-2-27076899‎, Internet: www.dandyhotel.com.tw

Trendiges Hotel in zentraler Lage. Economic Room für ein bis zwei Personen werktags für rund 60 Euro, allerdings ohne Fenster. Standard Room mit Fenster für rund 66 Euro.
 

Aktivitäten

Treasure Hill: Ursprünglich eine illegale Siedlung von chinesischen Bürgerkriegsveteranen, die sich mit ihren Flaks auf dem Hügel verschanzten. Heute sprießen hier Künstlerstudios und Cafés aus dem Boden, es gibt Artists in Residence-Programme und ab und an bekommt man immer noch einen "Uranwohner" zu Gesicht.

Nationales Palastmuseum: Das Museum beherbergt die weltweit größte Sammlung chinesischer Kunstwerke. Die Exponate wurden in den letzten Jahren des chinesischen Bürgerkriegs - wahlweise - auf Befehl von Chiang Kai-shek nach Taiwan geschifft und so vor kommunistischer Zerstörungswut gerettet – oder in den Augen von Mao Zedong gestohlen.

Erst seit 2008 gibt es direkte Flug-, Schiff- und Postverbindungen zwischen Taiwan und China. Mit den direkten Flugverbindungen kamen die chinesischen Touristen – zunächst in Reisegruppen und seit Juni 2011 auch als Individualtouristen. 2011 stieg deswegen die Zahl der chinesischen Touristen im Vergleich zum Vorjahr um neun Prozent. Und zum chinesischen Neujahrsfest 2012, das mit der taiwanischen Präsidentschaftswahl zusammenfiel, stieg die Zahl der chinesischen Touristen gar von 32.000 im Vorjahr auf 55.000. Für viele Chinesen war es die vielleicht einmalige Gelegenheit, Demokratie live zu erleben. Auf beiden Seiten der Taiwan-Straße kursiert seither wieder die Hoffnung, Taiwan werde als leuchtendes Beispiel für Chinas Demokratisierung dienen.

Touristen vor dem Nationalen Palastmuseum in Taipei

Touristen vor dem Nationalen Palastmuseum in Taipei  |  © Sam Yeh/AFP/Getty Images

Doch die neue chinesische Welle stößt auf geteiltes Echo. Die Chinesen sind nicht gerade für ihre guten Manieren bekannt. Man erkenne sie daran, "dass sie rauchen und spucken", sagt Frau Chen, die Inhaberin des Austernomelettstands. Die Chinesen füllen Frau Chens Kasse. Aber auf die Frage, wie sie mit Chinesen auskomme, fällt ihr nicht mehr ein, als dass Chinesen "gelbe Haut" haben, genau wie Taiwaner. Nach einer Liebesehe klingt es nicht.

Aus Feind mach Freund

Wenn aus Feinden Freunde werden sollen, wird immer die Jugend vorgeschickt. Im Namen der taiwanisch-chinesischen Freundschaft durften deswegen 2011 insgesamt 2.000 chinesische Studenten in Taiwan studieren. Doch während das taiwanische Bildungsministerium sonst um jeden westlichen Studenten buhlt, zeigt es den Chinesen die kalte Schulter. Für sie gelten "die drei Beschränkungen und die sechs Neins", die unter anderem besagen, dass chinesische Studenten keine Nebenjobs annehmen und nach ihrem Studium nicht in Taiwan bleiben dürfen. In die Krankenversicherung, der sonst jeder Ausländer beitreten muss, der länger als sechs Monate in Taiwan lebt, wurden sie erst jüngst und nach einer ebenso langwierigen wie emotional geführten Debatte aufgenommen.

Dennoch: "Ich finde das Studium in Taiwan viel besser als in China", kommentiert die Chinesin Jiang Mingren ihre Studienortwahl. Während eines Austauschprogramms lernte sie die taiwanische Unilandschaft kennen, heute studiert sie chinesische Literatur an der Tsing Hua Universität, 100 km südwestlich von Taipei. Für die restriktive Bildungspolitik hat sie nur ein Schulterzucken übrig.

Ob das Bildungsministerium an ihr festhalten kann, ist ohnehin fraglich. Taiwans Dilemma liegt darin, dass es gar nicht ohne ausländische Talente auskommt – auch nicht ohne chinesische. Und doch greift immer wieder ein alter Ressentiment-Reflex. Als jüngst der Vizevorsitzende des chinesischen Büros für Taiwan-Angelegenheiten chinesischen Studenten riet, ihren Aufenthalt in Taiwan auch dafür zu nutzen, Liebschaften zu führen, entlud sich die Untergangstimmung im taiwanischen Netz. China werde Taiwan ohne einen Schwertstreich ins Reich holen, hieß es. Hätte Barack Obama das den amerikanischen Studenten geraten, wäre Taiwan in einen Freudentaumel verfallen, spotteten andere über Taiwans Chinaphobie.

"Ich möchte doch nichts anderes, als ein einfaches Leben"

Das schwerste Los jedoch haben chinesische Frauen wie die Family-Mart-Verkäuferin Yongfang. Seit einem halben Jahr lebt sie als Ehefrau eines Taiwaners in Taipei. Da moderne taiwanische Frauen gerne unverheiratet bleiben, blüht das Geschäft mit den Gattinnen. Das Netz wimmelt von Seiten, auf denen sich taiwanische Männer ihre chinesische Wunsch-Ehefrau suchen können, Herkunftsstadt und Charaktereigenschaften inklusive.

Rund 270.000 chinesische Ehefrauen leben derzeit in Taiwan und müssen sich mit sozialer und rechtlicher Diskriminierung abfinden. "Ich habe ein halbes Jahr einen Job gesucht", erzählt Yongfang, während sie sich an der Kasse festhält. "Sobald sie meinen chinesischen Akzent hörten, wimmelten sie ab." Erst nach sechs Jahren erhalten chinesische Ehefrauen die taiwanische Staatsbürgerschaft, alle anderen ausländischen Ehegattinnen müssen nur vier Jahre warten.

Andererseits: Den Chinesinnen die Einbürgerung zu vereinfachen, würde die taiwanische Souveränität aufs Spiel setzen. Es ist anzunehmen, dass die Chinesinnen bei Wahlen für die weitere Annäherung an China stimmen würden. Taiwans Angst vor dem trojanischen Pferd ist so real wie der Schmerz der Verkäuferin Yongfang. "Ich weiß wirklich nicht, wieso das alles so furchtbar politisch ist. Ich möchte doch nichts anderes als ein einfaches Leben", flüstert sie.

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