TaiwanWenn aus Feinden Freunde werden sollen
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"Ich möchte doch nichts anderes als ein einfaches Leben"

Touristen vor dem Nationalen Palastmuseum in Taipei

Touristen vor dem Nationalen Palastmuseum in Taipei  |  © Sam Yeh/AFP/Getty Images

Doch die neue chinesische Welle stößt auf geteiltes Echo. Die Chinesen sind nicht gerade für ihre guten Manieren bekannt. Man erkenne sie daran, "dass sie rauchen und spucken", sagt Frau Chen, die Inhaberin des Austernomelettstands. Die Chinesen füllen Frau Chens Kasse. Aber auf die Frage, wie sie mit Chinesen auskomme, fällt ihr nicht mehr ein, als dass Chinesen "gelbe Haut" haben, genau wie Taiwaner. Nach einer Liebesehe klingt es nicht.

Aus Feind mach Freund

Wenn aus Feinden Freunde werden sollen, wird immer die Jugend vorgeschickt. Im Namen der taiwanisch-chinesischen Freundschaft durften deswegen 2011 insgesamt 2.000 chinesische Studenten in Taiwan studieren. Doch während das taiwanische Bildungsministerium sonst um jeden westlichen Studenten buhlt, zeigt es den Chinesen die kalte Schulter. Für sie gelten "die drei Beschränkungen und die sechs Neins", die unter anderem besagen, dass chinesische Studenten keine Nebenjobs annehmen und nach ihrem Studium nicht in Taiwan bleiben dürfen. In die Krankenversicherung, der sonst jeder Ausländer beitreten muss, der länger als sechs Monate in Taiwan lebt, wurden sie erst jüngst und nach einer ebenso langwierigen wie emotional geführten Debatte aufgenommen.

Dennoch: "Ich finde das Studium in Taiwan viel besser als in China", kommentiert die Chinesin Jiang Mingren ihre Studienortwahl. Während eines Austauschprogramms lernte sie die taiwanische Unilandschaft kennen, heute studiert sie chinesische Literatur an der Tsing Hua Universität, 100 km südwestlich von Taipei. Für die restriktive Bildungspolitik hat sie nur ein Schulterzucken übrig.

Ob das Bildungsministerium an ihr festhalten kann, ist ohnehin fraglich. Taiwans Dilemma liegt darin, dass es gar nicht ohne ausländische Talente auskommt – auch nicht ohne chinesische. Und doch greift immer wieder ein alter Ressentiment-Reflex. Als jüngst der Vizevorsitzende des chinesischen Büros für Taiwan-Angelegenheiten chinesischen Studenten riet, ihren Aufenthalt in Taiwan auch dafür zu nutzen, Liebschaften zu führen, entlud sich die Untergangstimmung im taiwanischen Netz. China werde Taiwan ohne einen Schwertstreich ins Reich holen, hieß es. Hätte Barack Obama das den amerikanischen Studenten geraten, wäre Taiwan in einen Freudentaumel verfallen, spotteten andere über Taiwans Chinaphobie.

"Ich möchte doch nichts anderes, als ein einfaches Leben"

Das schwerste Los jedoch haben chinesische Frauen wie die Family-Mart-Verkäuferin Yongfang. Seit einem halben Jahr lebt sie als Ehefrau eines Taiwaners in Taipei. Da moderne taiwanische Frauen gerne unverheiratet bleiben, blüht das Geschäft mit den Gattinnen. Das Netz wimmelt von Seiten, auf denen sich taiwanische Männer ihre chinesische Wunsch-Ehefrau suchen können, Herkunftsstadt und Charaktereigenschaften inklusive.

Rund 270.000 chinesische Ehefrauen leben derzeit in Taiwan und müssen sich mit sozialer und rechtlicher Diskriminierung abfinden. "Ich habe ein halbes Jahr einen Job gesucht", erzählt Yongfang, während sie sich an der Kasse festhält. "Sobald sie meinen chinesischen Akzent hörten, wimmelten sie ab." Erst nach sechs Jahren erhalten chinesische Ehefrauen die taiwanische Staatsbürgerschaft, alle anderen ausländischen Ehegattinnen müssen nur vier Jahre warten.

Andererseits: Den Chinesinnen die Einbürgerung zu vereinfachen, würde die taiwanische Souveränität aufs Spiel setzen. Es ist anzunehmen, dass die Chinesinnen bei Wahlen für die weitere Annäherung an China stimmen würden. Taiwans Angst vor dem trojanischen Pferd ist so real wie der Schmerz der Verkäuferin Yongfang. "Ich weiß wirklich nicht, wieso das alles so furchtbar politisch ist. Ich möchte doch nichts anderes als ein einfaches Leben", flüstert sie.

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    • Schlagworte Barack Obama | Taiwan | Bildungsministerium | China | Immobilienmakler | Provinz
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