Jahresrückblick 2012Spurensicherung im Wrack der "Costa Concordia"

Januar 2012: Während die Rettungsmannschaften noch nach Überlebenden suchen, sichern die Taucher der Karabinieri die Beweise. Francesco Schilardi erinnert sich an den Einsatz. von 

Zwei Taucher der Karabineri mit der Schiffsglocke

Zwei Taucher der Karabineri mit der Schiffsglocke  |  © Carabinieri Subacquei

Unser Einsatz begann nur wenige Minuten nachdem die Costa Concordia am 13. Januar ihren Notruf abgesetzt hatte. Die Kollegen der Einsatzzentrale in Rom riefen bei uns in Genua an. Ich packte meine Ausrüstung zusammen und fuhr mit drei meiner Kollegen nach Grosseto.

Während die Taucher der Feuerwehr, der Küstenwache und der Polizei nach Überlebenden im Wrack der Costa Concordia suchten , suchten wir, die Taucher der Karabinieri, nach Spuren. Wir sollten herausfinden, in welchem Zustand sich das Schiff befand, als es mit den Felsen kollidierte. Wir gehen bei solchen Einsätzen ähnlich vor wie die Spezialisten der Spurensicherung: Wir fotografieren und filmen den Tatort, um anhand der Aufnahmen Umstände und Ausmaß des Geschehens darstellen zu können.  

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Unsere Arbeit verlangt Ruhe und Genauigkeit. Unter Zeitdruck stehen wir dennoch. Die Unterwasserwelt ist im ständigen Wandel begriffen. An Land ist es schon schwierig, an einer Unfallstelle nach verborgenen Spuren zu suchen. In dieser dunklen, trüben, kalten Welt ist diese Aufgabe noch durch die Umgebung erschwert. Es war nicht ausgeschlossen, dass das Wrack abrutscht und uns mit in die Tiefe reißt.

Jahresrückblick 2012

Zwölf Monate, zwölf Protagonisten: ZEIT ONLINE erzählt das Jahr 2012 aus der Sicht von Beobachtern und Menschen, die dabei waren, ohne im Scheinwerferlicht zu stehen. Jeden Tag veröffentlichen wir zwei neue Folgen.

Alle Geschichten im Überblick:

  • Januar: Spurensicherung im Wrack der Costa Concordia
  • Februar: "Wulff war unser täglich Brot"
  • März: Frau Boateng und das Betreuungsgeld
  • April: Der Gastherr von Anders Behring Breivik
  • Mai: Deutsch-griechische Entfremdung
  • Juni: Der Mann, der Balotelli fotografierte
  • Juli: Als das Netz auf die Straße ging
  • August: Curiosity und sein Alter Ego @SarcasticRover
  • September: Draghi packt die Bazooka aus
  • Oktober: Der nahe, ferne Syrien-Krieg
  • November: Als Sandy den Wahlkampf beendete
  • Dezember: Die Zukunft auf der Nase
Was im Januar noch geschah

Die Drogeriekette Schlecker ist insolvent. Rund 10.000 Schlecker-Mitarbeiter erhalten ihre Kündigung.

Das FBI schließt die Filesharing-Plattform Megaupload und lässt deren Gründer Kim Schmitz alias Kim Dotcom in Neuseeland verhaften. Ihm werden vorsätzliche Urheberrechtsverlezungen vorgeworfen, doch nach und nach kommen immer mehr Verfahrensfehler ans Licht.

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Ähnlich wie bei einem Verkehrsunfall ist auch bei einer Havarie Eile geboten. Kommt man zu spät an, sind die Beweise unkenntlich. Als wir das Schiff erreichten, sprangen wir ins Wasser und drangen durch ein enges Bullauge ein. Von dort suchten wir uns einen Weg zur Brücke.

Ein gekentertes Schiff ist ein dunkles Labyrinth, in dem man sich langsam und vorsichtig bewegen muss. Die sichtbare Welt besteht nur aus dem Lichtkegel der eigenen Taschenlampe. Damit wir den Weg zurückfinden, sind wir mit einem sogenannten Ariadne-Faden gesichert, der sich langsam abwickelt, während wir uns vorwärts bewegen.

Francesco Schilardi

Francesco Schilardi, geboren 1969, ist Oberstleutnant der Taucher-Einheit der Carabinieri.

Wir fotografierten den Zustand der Kabinen, die Verwüstung in den Sälen, die Kofferstapel in den Gängen. Langsam gelangen wir bis zur Kapitänsbrücke. Hier nahmen wir Bilder der Steuerung auf, um die letzten Manöver des Schiffes vor dem Aufprall zu rekonstruieren. Dort fanden wir auch die Blackbox des Schiffes. 

Die ganze Zeit befanden wir uns tief im Bauch eines stählernen Monsters das sich bewegte, bebte und knirschte. Jede Luftblase, die an eine Wand prallte, verursachte ein Geräusch wie eine kleine Explosion. In solchen Momenten ist es sehr schwierig, ruhig zu bleiben. Ich konzentrierte mich auf meine Arbeit und versuchte dabei meine Kollegen nie aus dem Blick zu verlieren.

Ein Taucher im Schiff

Ein Taucher im Schiff  |  © Carabinieri Subacquei

Unter Wasser braucht man Vertrauen in die Kameraden. Jeder von uns weiß, dass die anderen Mitglieder des Teams im Notfall alles tun werden, um jeden von uns lebendig aus dem Wrack zu bergen. Selbst, wenn sie dabei ihr eigenes Leben riskieren müssen.

Natürlich bin ich darauf trainiert ruhig mit den Gefahren umzugehen, die die Unterwasserarbeit mit sich bringt. Ich habe mich schon als Kind im Wasser wohlgefühlt. Mit vier Jahren begann ich zu schnorcheln. Als ich dann mit neunzehn Jahren den Karabinieri beitrat, stand meine Entscheidung bereits fest: Ich wollte Taucher werden.

Ich hatte immer eine tiefe, innere Beziehung zum Meer. Vielleicht hat mich ein Anblick in der Costa Concordia deswegen so sehr berührt: die Glocke, die noch im Vorschiff hing. Früher läuteten die Seemänner diese Glocke, um bei Nacht oder im Nebel Signal zu geben. Sie ist die Stimme des Schiffes. Eine Stimme, die im Fall der Costa Concordia nie wieder zu hören sein wird.

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Leserkommentare
  1. guter Artikel - nur leider viel zu kurz. Es scheint, als wäre dieser Artikel per Telefon zustande gekommen.
    In diesem Fall wäre mehr Rückblick besser gewesen; ich hoffe, die anderen Artikel der Reihe sind nicht ebenso kurz und oberflächlich.

    Eine Leserempfehlung

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  • Serie Jahresrückblick 2012
  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Brücke | Costa Concordia | Feuerwehr | Schiff | Tatort | Jahresrückblick
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