FrankreichEin Dorf mit doppelter Bürokratie

Für die 570 Einwohner von Saint-Santin in Frankreich gibt es im Dorf zwei Kirchen und zwei Rathäuser. Und die Bewohner leben in zwei Regierungsbezirken. von Annette Meiser

Das Dorf Saint-Santin

Das Dorf Saint-Santin  |  © Dimanchin/commons.wikimedia.org

Das Dorf Saint-Santin mit seinen 570 Einwohnern liegt inmitten hügeliger Weideflächen in Südfrankreich. Es ist ein hübsches Dorf mit ungewöhnlichem Dorfkern: Saint-Santin hat zwei Kirchen und zwei Rathäuser.

Der Grund dafür ist die Grenze der beiden Departements Cantal und Aveyron und damit auch der beiden Regionen Auvergne und Midi-Pyrénées, die durch das Dorf verläuft. Das hat auch heute noch für beide Seiten weitreichende juristische und administrative Konsequenzen. Die Ortschaft heißt gleichzeitig Saint-Santin d’Aveyron (Midi-Pyrénées) und Saint-Santin de Maurs (Auvergne).

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Die Grenzlinie, die sich übrigens bis Mitte des 18. Jahrhunderts zurückverfolgen lässt, wurde nicht mit dem Lineal gezogen. Sie folgt willkürlich ein paar kleinen Gassen, führt über den Marktplatz und mitten durch das Kriegerdenkmal – mit der Folge, dass auf der einen Seite die Namen der Gefallenen aus dem Cantal und auf der gegenüberliegenden Seite die Kriegstoten aus dem Aveyron aufgelistet wurden. Die Soldaten haben eines gemeinsam: sie sind für ein und dieselbe Heimat gestorben, aber die alljährlich am 11. November stattfindenden Totenehrungen werden unabhängig voneinander und zu unterschiedlichen Uhrzeiten zelebriert.

Annette Meiser
Annette Meiser

Annette Meiser, 1954 geboren, studierte Naturwissenschaften in Straßburg und Freiburg. Die Diplom-Biologin war nicht nur Mitbegründerin der ersten müllfreien Schule Deutschlands, das Umweltkonzept zur Müllvermeidung fand auch in Japan und Korea Beachtung. Neben ihrem Job organisierte erdgeschichtliche und kulturhistorische Wanderreisen im In- und Ausland; Meiser lebt in der France Profonde.
 

Auf der einen Dorfseite lesen die Bewohner die Zeitung La Dépêche du Midi, auf der anderen La Montagne. Und die Post? Ganz einfach: die Bewohner des Cantal bekommen sie vom Briefträger aus dem Cantal und die Aveyronnais erhalten ihre Sendungen durch einen Postboten aus dem Aveyron.

Die "Ortshälfte", die zum Aveyron gehört, hat keine Schule, obwohl einen Steinwurf entfernt eine steht, doch deren Grund und Boden gehört nun mal zum anderen Departement. So müssen die Schulkinder aus Saint-Santin d’Aveyron mehrere Kilometer entweder nach Saint-Julien-de-Piganiol oder Saint-Parthem gefahren werden.

Die dörfliche Trennung macht nicht einmal vor der sonntäglichen Predigt Halt. Im auvergnatischen Ort steht eine romanische Kirche und nur 20 Meter entfernt im Aveyron ein Gotteshaus aus dem 19. Jahrhundert. Die beiden katholischen Pfarrer, die in früheren Jahren jeweils in ihrer Gemeinde und Kirche zeitgleich die Messe zelebriert hatten, sind verschwunden. Heute gibt es nur noch einen Pfarrer, der für beide Kirchen zuständig ist. Er hält den Gottesdienst konsequent einmal im Monat in der einen und daraufhin in der anderen Kirche.

Auch der Sport ist den Eigenarten des dörflichen Lebens unterworfen: die Fußballmannschaft (es gibt tatsächlich nur eine) spielt im "championnat de district du Cantal", obwohl ihr Bolzplatz zu drei Vierteln im Aveyron liegt und die Tore im Aveyron und im Cantal stehen. Die Mannschaft nimmt es mit Humor und hat ihren Verein auf den Namen "Aveycant" getauft.

Die Bewohner des zwischen den beiden Kirchen stehenden Wohnhauses erleben Tag für Tag, was auf die Spitze getriebener Bürokratismus sein kann. Ihr Haus befindet sich nämlich genau auf der Grenzlinie. Man darf raten: Wohin gehören die Bewohner? In den Aveyron natürlich, denn ihr Schlafzimmer liegt im Aveyron (für die Zuordnung war tatsächlich entscheidend, in welchem Departement man für den Nachwuchs sorgt!). Da sich ihre Küche im Cantal befindet, profitierten sie elf Jahre vor ihren wenige Meter entfernten Nachbarn vom Fortschritt des elektrischen Stroms. Die Hausbewohner bewegen sich täglich mehrmals von einem Departement und von einer Region zur anderen, ohne einen Fuß vor die Türe zu setzen.

Aber früher soll ja alles noch viel schlimmer gewesen sein. Da bezog sich die Trennung auch auf die Landwirtschaft. Auf der Cantal-Seite grasten helle Rinder der Rasse Salers, auf der anderen Seite hielten die Bauern ihre braunen Aubrac-Kühe. Inzwischen entdeckt man auf beiden Seiten helle und braune Rindviecher. Das Dorf wächst sichtbar zusammen.

Erschienen im Michael Müller Verlag

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Leserkommentare
  1. ...denn das gibt es auch in Le Pont-de-Beauvoisin. Damit ist auch ein Ort gemeint, der aus zwei Dörfern besteht: Pont-de-Beauvoisin auf der Seite des Départements Isère und noch einmal (ebenfalls mit eigenem Rathaus & Kirche) als Le Pont-de-Beauvoisin im Département Savoie. Sieht dort auch so ähnlich aus mit wunderschöner Altstadt, ähnlich wie im Beitrag.

  2. Entweder wird da eine überkommene "Tradition" unnötig zelebriert, oder Morbus Keks lässt grüßen.

    Und dann sage mal noch einer, wir Deutsche wären die Paragraphenreiter...

    *kopfschüttel*

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  3. Deren Spieler kommen wahrscheinlich zum größten Teil aus dem Ort, dessen Kinder jeden Tag erst 30 Kilometer zur Schule und später wieder zurück laufen müssen :-()

    Die spinnen, die Gallier.

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    Danke für die Erinnerung.

    Dass die Kinder nicht im Ort in die Schule gehen können, finde ich besonders bescheuert.

    • iboo
    • 23. Januar 2013 10:29 Uhr
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  4. schließlich gibt es das auch in D, z.B. die Ortschaft Mödlareuth (zwischen Schleiz und Hof)

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  5. wenn es in dem Grenzhaus zwei Schlafzimmer geben würde, und das Ehepaar jede Woche das Zimmer wechseln würde?

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  6. Danke für die Erinnerung.

    Dass die Kinder nicht im Ort in die Schule gehen können, finde ich besonders bescheuert.

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  7. ... Asterix hätte den großen Graben schon vor 2000 Jahren überwunden...

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  • Serie Sehenswert - Wissenswert
  • Schlagworte Frankreich | Dorf | Bürokratie | Kirche | MIT | Region
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