Taiwan : Ein Land beruft sich auf japanische Quellen

Anderswo in Ostasien ist Japan verhasst, nicht so in Taiwan: Hier wird das Erbe der einstigen Kolonialmacht sogar gepflegt. Deren schönstes Vermächtnis auf der Insel ist die Badekultur.
Das kleine Kamikaze-Museum in Hualien war im Zweiten Weltkrieg ein Bunker für Japans Selbstmordpiloten. © Björn Rosen

Ein paar Stufen geht es hinab in den Bunker, da beginnt der Angriff. Das Röhren näher kommender Kampfflugzeuge ist zu hören, der Lärm von Geschützsalven, eine Explosion. Dann ertönt Marschmusik. Es ist dunkel, nur eine Glühbirne an der Decke erhellt den winzigen Unterschlupf. An der Betonwand steht mit Kreide ein Spruch auf Japanisch geschrieben. Daneben hängen Texte und Schwarz-Weiß-Fotos. Auf den Bildern sind Männer in Uniform zu sehen, sie tragen Fliegerkappe, Stirnband und einen weißen Schal. Es handelt sich um Kamikaze-Piloten – jene Soldaten der Kaiserlichen Luftmarine Japans, die Ende des Zweiten Weltkriegs Selbstmordangriffe auf alliierte Schiffe flogen.

Die martialischen Geräusche kommen natürlich vom Band. Und der Luftschutzraum, einst tatsächlich Zuflucht für Nippons Militärs vor amerikanischen Bomben, beherbergt nun eine kleine Ausstellung. In der Schau wird die Geschichte der Kamikaze dargestellt: nicht verherrlichend, aber sachlich und mit erkennbarer Sympathie für die einzelnen Piloten. Was nicht erstaunlich wäre, würde die Ausstellung in Japan gezeigt.

Doch der Bunker befindet sich in der Stadt Hualien an der Ostküste Taiwans, das von 1895 bis 1945 japanische Kolonie war. Er liegt auf einer Anhöhe, die wegen ihrer mehr als 200 mächtigen Nadelbäume als "Kieferngarten" bekannt ist. Von hier hat man einen spektakulären Ausblick, nicht nur auf die Stadt mit ihren 100.000 Einwohnern, sondern auch auf einen Fluss, der in Hualien in den Pazifik mündet. Angeblich tranken hier oben Kamikaze-Flieger (unter ihnen mindestens ein Taiwaner) ihren letzten Sake vor dem tödlichen Einsatz. Herz des Kieferngartens ist ein zweistöckiges Gebäude umgeben von Arkaden, das die Japaner 1943 für ihre Armee errichteten. Kürzlich renoviert, gibt es darin jetzt eine Kunstgalerie und ein Café.

Wer Taiwan bereist, wird überall Spuren der Kolonialzeit entdecken. Den Kieferngarten hat die Tourismusbehörde sogar in die Liste der top 100 historic charms aufgenommen. Anderswo in Ostasien wäre so etwas undenkbar. In Korea, das etwa zur gleichen Zeit von Japan kolonisiert wurde, findet man stattdessen unzählige Denkmäler und Museen, die an die Schrecken der Fremdherrschaft erinnern. Dabei gingen die Japaner auf Taiwan nicht weniger hart gegen Widerstand vor. Trotzdem bezeichneten 52 Prozent der Taiwaner in einer  2010 durchgeführten Umfrage Japan als ihr Lieblingsland, die USA folgten mit weitem Abstand auf Platz zwei (8 Prozent). Im Gegensatz zu China oder Korea kann selbst der Inselstreit, der die Region seit Wochen in Atem hält, kaum antijapanische Gefühle schüren – obwohl auch die Regierung in Taipeh Anspruch auf eine von Japan gehaltene Inselkette erhebt.

Das Hot-Spring-Museum in Beitou errichteten die Japaner einst als öffentliches Bad. © Björn Rosen

"Sie müssen die Situation vor ihrem geschichtlichen Hintergrund betrachten", sagt Manling Luo, eine Frau um die 50, die in ihrem Andenkenladen im Kieferngarten die Eintrittskarten für den Kamikaze-Bunker verkauft. Vor 1895 war Taiwan zwar Teil Chinas, doch Peking kümmerte sich kaum um das subtropisch-tropische Eiland am Rande des Kaiserreichs. Als Tokio die Insel nach seinem Sieg im japanisch-chinesischen Krieg erhielt, besaßen die Taiwaner keine ausgeprägte nationale Identität – im Gegensatz etwa zu den Koreanern. "Tokio wollte die Leute hier durch Umerziehung in Japaner verwandeln, und das gelang weitgehend", sagt Luo, deren Mann aus einer alteingesessenen taiwanischen Familie stammt. "Meine Schwiegereltern, die von klein auf Japanisch sprachen, fühlen sich bis heute als Japaner. Wenn ich meiner Schwiegermutter ein Geschenk machen will, über das sie sich wirklich freut, muss es ein japanisches Produkt sein."

Luos Eltern kamen dagegen erst nach dem Zweiten Weltkrieg auf die Insel, auf der Flucht vor den Kommunisten. So wie zwei Millionen andere Festland-Chinesen. Deren Führer Chiang Kai-shek, Maos Gegenspieler im Bürgerkrieg, errichtete auf Taiwan mit Gewalt seine kleine Republik China. Der Diktator war chinesischer Nationalist, vom japanischen Erbe wollte er nichts wissen – zumal er während des Weltkriegs die japanischen Kriegsverbrechen auf dem Festland erlebt hatte. Im Vergleich zu Chiangs brutaler Herrschaft erschien den meisten Taiwanern die Kolonialzeit aber bald in immer besserem Licht.

Heute ist Taiwan eine Demokratie und pflegt sein japanisches Erbe. Sicher auch, um sich damit vom verfeindeten China abzusetzen; die Regierung in Peking betrachtet die Insel als abtrünnige Provinz. "Wir Jüngeren fühlen uns einfach als Taiwaner, interessieren uns aber sehr für Popkultur, Kleidung oder Essen aus Japan", sagt Yu-Ji Chen. Der 29-Jährige ist Mitarbeiter im Red House Theatre, einem der beliebtesten Veranstaltungsorte in der Hauptstadt Taipeh. Errichtet wurde das Backsteingebäude 1908, in seinem achteckigen Eingangsbereich waren damals Läden und ein Kaufhaus untergebracht, im Rest des Hauses fand jeden Tag ein Markt mit frischen Lebensmitteln statt. Die Kunden: Japaner, die in dem umliegenden Viertel hinterm Westtor der Stadt wohnten. "Später, in den fünfziger und sechziger Jahren, zeigte man hier Theaterstücke und Peking-Opern", erzählt Chen. "Dann liefen irgendwann nur noch billige Kinofilme und Pornos, der Ort verkam."

Reisstrohmatten im Hotel

Eine taiwanesische Kellnerin im Kimono im Radium Kagaya International Hotel in Beitou © AFP PHOTO / Sam YEH/Getty Images

Erst ein Brand brachte den historisch wertvollen Bau zurück ins Bewusstsein der Taipeher. 2002 wurde das Red House neu eröffnet. In unmittelbarer Nachbarschaft hatte sich inzwischen die lebendige Schwulenszene der Stadt etabliert. Eine nahe Kreuzung und die daran anschließenden Einkaufsstraßen gelten als das Shibuya oder Harajuku von Taipeh: Die Leuchtreklame an den Hochhäusern erinnert an die gleichnamigen Tokioter In-Viertel, und die Geschäfte der Gegend bieten Magazine, CDs und anderes aus Japan.

Im Saal des Red House, der Platz bietet für 300 Besucher, sind nun wieder Theaterstücke zu sehen, traditionelle ebenso wie modern-experimentelle. Es gibt kleine Läden, die Kreatives und Schräges verkaufen (ausgefallene T-Shirts oder Taschen zum Beispiel), und im Eingang ein Café mit Retromöbeln, das ausgezeichneten Tee anbietet. Gleich daneben wird in Schaukästen die Geschichte des Hauses vorgestellt. Ju-Yi Chen deutet auf einen davon, darin stehen kleine Dosen und Flaschen, an der Rückwand hängen Werbeplakate aus den dreißiger Jahren. "Das sind japanische Produkte, die hier einst verkauft wurden: Milchpulver, Babynahrung, Shiseido-Kosmetik. Bei manchen Leuten löst das nostalgische Gefühle aus", erklärt Chen. "Sicher haben wir den Japanern einiges zu verdanken. Sie haben eine moderne Infrastruktur aufgebaut: Eisenbahnschienen verlegt, Bewässerungskanäle geplant. Und sie haben westliche Ideen ins Land gebracht, die sie damals selbst übernommen hatten: von der Kaffeehauskultur bis zur abendländischen Philosophie."

Sichtbar ist dieser indirekte westliche Einfluss vor allem in der Architektur. So hat der taiwanische Präsident seinen Amtssitz in einem roten Backsteingebäude, dessen 60 Meter hoher Turm lange Taipehs Silhouette prägte. Das Haus wurde 1919 für den von Tokio entsandten Generalgouverneur gebaut. Der japanische Architekt kombinierte dafür Elemente der Renaissance, des Barock und des Neoklassizismus.

Das wahrscheinlich schönste (und völlig unumstrittene) Vermächtnis Japans sind die heißen Quellen, die die Kolonialherren überall auf der Insel nach japanischem Vorbild erschlossen. Etwa im nördlich von Taipeh gelegenen Beitou. Mit der Metro erreicht man das Städtchen am Rande der Berge in einer halben Stunde. Hier gibt es immer noch Hotels im japanischen Stil wie das Whispering Pine Inn. Es wurde 1934 eröffnet, umgeben ist es von einem sorgfältig gepflegten japanischen Garten, in dem eine Steinlaterne steht. Im Teich vor dem Eingang schwimmen Kois. Shu-Huei Wu, die seit 1991 in dem Hotel arbeitet, öffnet eine Schiebetür aus Holz und zeigt eines der Zimmer: "Sehen Sie", sagt sie, "wir haben hier Matten aus Reisstroh auf dem Boden und fast keine Möbel, ganz klassisch." Ein wenig sieht man dem Hotel sein Alter an, 25 Jahre liegt die letzte Renovierung zurück. "Das Quellwasser fließt direkt aus den Hähnen im Badezimmer", erklärt Wu. Wer mag, kann aber auch eines der zwei Gemeinschaftsbäder nutzen, mit Blick in den Garten.

Beitou hat sogar ein Hot Spring Museum. Das Gebäude von 1913, im viktorianischen Stil gehalten, war einst ein öffentliches Bad. Am Eingang muss man nach japanischer Sitte seine Straßenschuhe aus- und Hausschlappen anziehen. Drinnen erfahren Besucher, dass schon 1896, also nur ein Jahr, nachdem Japan Taiwan übernommen hatte, ein Geschäftsmann aus Osaka das erste Hot Spring Hotel im Ort eröffnete. Andere folgten, und mit ihnen kamen die Geishas.

Höhepunkt der japanischen Ära war 1923 der Besuch des damaligen Kronprinzen Hirohito. Der spätere Kriegskaiser, damals wie eine Gottheit verehrt, durchschritt in Beitou einen Bach und berührte dabei einen Trittstein. Klar, dass dieser anschließend ausgestellt und mit einer Gedenktafel versehen wurde. Der Stein selbst verschwand später, die Tafel aber gibt es noch. Sie steht im Hof eines Badehauses, bis heute.

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Kommentare

4 Kommentare Kommentieren

Taiwan vs Korea

Der Unterschied bestand vor allem auch darin, dass Taiwan durch Japan aufgebaut, Korea aber erstmal kräftig kaputt gemacht wurde und seiner eigenen Kultur quasi beraubt wurde, was auf Taiwan in dem Maße nicht stattgefunden hat. Man kann es vielleicht vorsichtig mit dem dritten Reich vergleichen. Die Nazis haben auch nicht überall in gleichem Maße gewütet, oder?

stimmt eigentlich nicht

Korea wurde auch eingentlich modernisiert, infrastruktur, Universiaet, alphabetisierung usw. Man kann vergleichen Korea vor 1905 und nach 1905, mal googeln.

Korea war lange Zeit ein Vasallenstaat von China.
Bitte lesen Sie auch das Buch von Isabella Bird "Korea and her neighbors"

Kultur "beraubt" das ist auch fragwuerdig. Mittlerweile ist es grosses Problem im Ostasien geworden, dass die Koreaner oft "Ursprung" der japanischen (auch teileweise chinesischen)Kultur behauptet(kendo, Judo, Sushi usw..).

1948 wurde 30000 Leute auf jeju insel getoetet (jeju Ausstand), so musste die Regierung wiederholt Ablenkungsmanoever durchfuehren. Das ist nicht einzige. Bitte die Geschichte nach 1945 lernen, nicht nur von der koreanischen Quelle.
Das ist der Unterschied zwischen Taiwan und Korea.

Traditionell erfahren mit verschiedenen Kulturen

Das Schöne an Taiwan ist aufgrund der Geschichte eine multikulturelle Gesellschaft, welche aus unterschiedlichen Wertesystemen gebildet wurde. Normalerweise ist eine derartige Gesellschaftsform und das daraus entstehende internationale Bewusstsein nur Nationen vorbehalten, welche einen sehr hohen Ausländeranteil aufweisen und sich im Verlaufe von Generationen an Menschen anderer Nationen anpassen konnten.
Die Anwesenheit von mehr Menschen aus anderen Ländern wrde auch in Taiwan sicher eine große Bereicherung darstellen. Taiwan hat aufgrund der hier beschriebenen Sachverhalte sicher eine kreative, flexible und interessierte Gesellschaft. Als Weltbürger fühlt man sich hier sicher sehr wohl.