Eine taiwanesische Kellnerin im Kimono im Radium Kagaya International Hotel in Beitou © AFP PHOTO / Sam YEH/Getty Images

Erst ein Brand brachte den historisch wertvollen Bau zurück ins Bewusstsein der Taipeher. 2002 wurde das Red House neu eröffnet. In unmittelbarer Nachbarschaft hatte sich inzwischen die lebendige Schwulenszene der Stadt etabliert. Eine nahe Kreuzung und die daran anschließenden Einkaufsstraßen gelten als das Shibuya oder Harajuku von Taipeh: Die Leuchtreklame an den Hochhäusern erinnert an die gleichnamigen Tokioter In-Viertel, und die Geschäfte der Gegend bieten Magazine, CDs und anderes aus Japan.

Im Saal des Red House, der Platz bietet für 300 Besucher, sind nun wieder Theaterstücke zu sehen, traditionelle ebenso wie modern-experimentelle. Es gibt kleine Läden, die Kreatives und Schräges verkaufen (ausgefallene T-Shirts oder Taschen zum Beispiel), und im Eingang ein Café mit Retromöbeln, das ausgezeichneten Tee anbietet. Gleich daneben wird in Schaukästen die Geschichte des Hauses vorgestellt. Ju-Yi Chen deutet auf einen davon, darin stehen kleine Dosen und Flaschen, an der Rückwand hängen Werbeplakate aus den dreißiger Jahren. "Das sind japanische Produkte, die hier einst verkauft wurden: Milchpulver, Babynahrung, Shiseido-Kosmetik. Bei manchen Leuten löst das nostalgische Gefühle aus", erklärt Chen. "Sicher haben wir den Japanern einiges zu verdanken. Sie haben eine moderne Infrastruktur aufgebaut: Eisenbahnschienen verlegt, Bewässerungskanäle geplant. Und sie haben westliche Ideen ins Land gebracht, die sie damals selbst übernommen hatten: von der Kaffeehauskultur bis zur abendländischen Philosophie."

Sichtbar ist dieser indirekte westliche Einfluss vor allem in der Architektur. So hat der taiwanische Präsident seinen Amtssitz in einem roten Backsteingebäude, dessen 60 Meter hoher Turm lange Taipehs Silhouette prägte. Das Haus wurde 1919 für den von Tokio entsandten Generalgouverneur gebaut. Der japanische Architekt kombinierte dafür Elemente der Renaissance, des Barock und des Neoklassizismus.

Das wahrscheinlich schönste (und völlig unumstrittene) Vermächtnis Japans sind die heißen Quellen, die die Kolonialherren überall auf der Insel nach japanischem Vorbild erschlossen. Etwa im nördlich von Taipeh gelegenen Beitou. Mit der Metro erreicht man das Städtchen am Rande der Berge in einer halben Stunde. Hier gibt es immer noch Hotels im japanischen Stil wie das Whispering Pine Inn. Es wurde 1934 eröffnet, umgeben ist es von einem sorgfältig gepflegten japanischen Garten, in dem eine Steinlaterne steht. Im Teich vor dem Eingang schwimmen Kois. Shu-Huei Wu, die seit 1991 in dem Hotel arbeitet, öffnet eine Schiebetür aus Holz und zeigt eines der Zimmer: "Sehen Sie", sagt sie, "wir haben hier Matten aus Reisstroh auf dem Boden und fast keine Möbel, ganz klassisch." Ein wenig sieht man dem Hotel sein Alter an, 25 Jahre liegt die letzte Renovierung zurück. "Das Quellwasser fließt direkt aus den Hähnen im Badezimmer", erklärt Wu. Wer mag, kann aber auch eines der zwei Gemeinschaftsbäder nutzen, mit Blick in den Garten.

Beitou hat sogar ein Hot Spring Museum. Das Gebäude von 1913, im viktorianischen Stil gehalten, war einst ein öffentliches Bad. Am Eingang muss man nach japanischer Sitte seine Straßenschuhe aus- und Hausschlappen anziehen. Drinnen erfahren Besucher, dass schon 1896, also nur ein Jahr, nachdem Japan Taiwan übernommen hatte, ein Geschäftsmann aus Osaka das erste Hot Spring Hotel im Ort eröffnete. Andere folgten, und mit ihnen kamen die Geishas.

Höhepunkt der japanischen Ära war 1923 der Besuch des damaligen Kronprinzen Hirohito. Der spätere Kriegskaiser, damals wie eine Gottheit verehrt, durchschritt in Beitou einen Bach und berührte dabei einen Trittstein. Klar, dass dieser anschließend ausgestellt und mit einer Gedenktafel versehen wurde. Der Stein selbst verschwand später, die Tafel aber gibt es noch. Sie steht im Hof eines Badehauses, bis heute.