DreamlinerBoeings Traum war zu abgehoben

Durch das US-Flugverbot für die Dreamliner erreicht Boeings Pannenserie nun auch Europas Fluggesellschaften. Schuld an der Misere sind auch die Wünsche der Kunden. von 

Es sollte der ganz große Durchbruch werden für die in Deutschland kaum bekannte Fluggesellschaft LOT Polish Airlines. Am Mittwoch um 15:55 Uhr hob in Warschau das neue Flaggschiff der Flotte ab und landete planmäßig um 18.55 Uhr in Chicago. Nun aber hängt der Flieger am Ziel in den USA fest. Denn LOT hatte das Pech, erster europäischer Dreamliner-Kunde zu sein.

Die Boeing-Maschine wurde, wie alle anderen in den Vereinigten Staaten gelandeten 787, vorsorglich von der US-Luftfahrtbehörde FAA aus dem Verkehr gezogen, weil sich zuletzt Vorfälle häuften, die die Sicherheit der Passagiere gefährden könnten und den Hersteller Boeing nun in die Kritik bringen.

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Mal ging es um Bremsprobleme, dann um plötzliche Treibstoffverluste. Kinderkrankheiten, wie es in der Branche heißt, wenn ein neuer Flieger den Härtetest des Flugplans aushalten muss. Dann aber gab es auch Probleme mit den riesigen Batterien an Bord. Sie überhitzten und fingen sogar Feuer. Scott Hamilton, ein in Seattle beheimateter intimer Kenner von Boeing urteilt: "Das ist kein Routineproblem. Neben dem Verlust eines Flügels ist ein Feuer ungefähr das Letzte, was in einem Flugzeug passieren sollte."

Boeing bringen die Vorfälle in ziemliche Erklärungsnöte. Mit drei Jahren Verspätung lieferte der Hersteller das auch wegen seiner Treibstoffeffizienz begehrte Flugzeug (es verbraucht etwa 20 Prozent weniger Kerosin als vergleichbare Maschinen) an seine Kunden aus. Die hofften nun auf reibungslosen Betrieb, doch nach 50.000 Flugstunden und 150 Flügen täglich ist das Gegenteil der Fall. Richard Aboulafia von der Washingtoner Beratung Teal Group hat dafür eine Erklärung: "Boeing hat über 50 Flugzeuge gebaut, bevor der Dreamliner in Dienst ging. Viele Flugzeuge wurden auf ganz verschiedene Wege und völlig unterschiedlich zusammengesetzt. Das war learning by doing, nur, dass die ersten Flugzeuge vom Lernprozess nicht profitierten. Ein gutes Rezept, wenn man sich eine Menge Ärger einhandeln will."

In der Branche weiß man, dass Erstauslieferungen Schwierigkeiten machen. Christoph Franz, der Chef der Lufthansa, sagt deshalb, dass jeder froh sei, der kein Flugzeug mit der Seriennummer 1 bis 10 habe. Und wahrscheinlich ist er auch ganz zufrieden mit der strategischen Entscheidung, keine Dreamliner zu bestellen, weil die Lufthansa vor allem über Drehkreuze Verkehre steuert und noch größere Flugzeuge wie die A380 oder die neue Version des Jumbos bevorzugt.

Kunden wie LOT und bald auch Air Berlin in Deutschland setzen zunehmend auf Direktverkehre: Flüge von Europa bis an die Westküste der USA werden durch den Dreamliner profitabel, ein Flugzeug, das mit seinen 250 Sitzplätzen klein genug ist, um abseits der großen Drehkreuze zu fliegen und zugleich dank moderner Werkstoffe eine Reichweite von über 15.000 Kilometern hat. Mit einem Flug erschließt sich so fast die ganze Welt.

Die hohen Ansprüche verzögerten die Produktion

Der Flug mit dem Dreamliner sollte so angenehm werden wie kein Flug zuvor. Randy Tinseth, Boeings Marketingchef, wurde nicht müde, die Neuerungen zu loben. Wenn er einen Techniker anwies, das Licht zu regeln, klang das, als dirigiere er ein Orchester der Farben. "Wir gehen jetzt vom Regenbogen ins Dämmerlicht", sagte er dann und freute sich über die Illumination der Innenkabine. Im Nachtmodus leuchten im Dreamliner kleine Lämpchen wie Sterne an der Kabinendecke. Damit nicht genug. Tinseth pries die größeren Fenster, die den Passagieren ein neues Freiheitsgefühl vermitteln sollten, die verbesserten Klimaanlagen, deren Kabinenluft die Menschen weniger ermüde und das neueste Unterhaltungsprogramm, das Fliegen zum persönlichen Kinoerlebnis mache. Der Hersteller hat damit auf die ausgefeilten Wünsche seiner Kunden reagiert, die anfangs vor allem aus Japan und dem Mittleren Osten kamen und die ihren Passagieren ein möglichst unverwechselbares Flugerlebnis bieten wollen.

Worüber Tinseth nicht so gerne spricht, ist die Komplexität, die mit all diesen Anforderungen einhergeht. Denn die hat Boeing bis heute nicht im Griff. Hunderte Kilometer Kabel sind in einem Flieger verlegt, Hunderttausende Nieten verbaut und Millionen Zeilen Programmcodes geschrieben, damit der Innovationssprung Dreamliner möglich wurde. War es anfangs der neue Werkstoff für die Rumpfsegmente, der Ingenieure zur Verzweiflung trieb, ist es nun die Batterie, genauer eine Lithium-Ionen-Batterie. Es ist wie mit einem iPhone, das man benutzt, wenn es an der Steckdose hängt: Das Telefon heizt sich auf. Die 30-Kilo-Batterien im Dreamliner sogar so sehr, dass sie Brände verursachen.

All das wird nun von den US-Behörden und Boeing selbst untersucht – im schlimmsten Fall müsste Boeing das gesamte Flugzeug so umbauen, dass die Batterien durch herkömmliche ersetzt werden könnten. Das könnte den nächsten Stau in Boeings Produktsionshallen bedeuten.

Auch LOT wird sich gedulden müssen. Vorsorglich hat die polnische Fluggesellschaft Dreamlinerflüge bis auf Weiteres gestrichen. Ab sofort werden alte Maschinen vom Typ 767 eingesetzt. In denen gibt es keinen Regenbogenhimmel, aber die Flugzeuge kommen in aller Regel ans Ziel.

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Leserkommentare
  1. Also wurden die Partner für die bisher in dieser Dimension noch nie gemachten CFK Strukturen Japan(Tragflächen), Italien(große Rumpfsegmente) und andere, die für den Vorstoß ins Neuland jeweils gewaltige Investitionen (CNC-Legemaschinen, Riesen –Autoklaven u.a, Prüfanlagen zur Qualitätssicherung) zu tätigen hatten. In Seattle sollte nur noch die Endmontage und Auslieferung passieren – bei gleichzeitigem know-how-Abfluss und auch Arbeitskräfte-Abbau. Dass die bei der Komplexität des Flugzeugbaus erforderlichen gegenseitigen Informationsverflechtungen – noch über die verschiedensten Firmenkulturen hinweg – geradezu explodieren würden ist eine Weisheit nach Prof. Binse(Binsenweisheit), verschiedene Projektchefs wurden verschlissen, , mindestens 3 Jahre Verspätung erreicht und Milliarden US$ in den Sand gesetzt.

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  2. Wäre ehemals das Ingenieursteam um Wernher von Braun im gleichen Stil wie aktuell beim Dreamliner von Controllern und Juristen dominiert worden, hätte es die gewaltige Saturn V nicht von der Startrampe geschafft.
    Interessant ist auch in diesem Zusammenhang, dass die Gewichtung zwischen Management und Aktionären in den letzten Jahrzehnten immer weiter zugunsten der letzteren verschoben wurde – mit einem aktiven Schieben der Legislative.
    Das ist wie das Fischen mit Dynamit: Angelsächsische Mentalität-Kurzfristig etwas abräumen, wenn etwas schief geht, rasch abhauen, wie es jetzt bereits bei den Boeing-Aktien zu beobachten ist.
    Kaum jemandem werden die größeren Zusammenhänge bewusst!

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    Entfernt, da unsachlich. Die Redaktion/ls

    ... für Ihre Ausführungen, werter Herr. Qualitätsjournalismus in der Kommentarsektion - das Internetz kann so schön sein.

    Ein schönes Wochenende!
    S.

  3. Richtig ist, dass man beim Fliegen einer erhöhten Radioaktivität ausgesetzt ist. Bei einzelnen Flügen ist diese sehr gering (~5µSv/h laut Wikipedia). Man muss also schon mehr als 100 Stunden fliegen, bevor die zusätzliche Strahlung höher wird als die zusätzliche Strahlung durch einen Umzug von Oldenburg nach Koblenz.

    Bei Flugzeugbesatzungen und Vielflieger summiert sich die zusätzliche, natürliche Radioaktivität dennoch zu relevanten Werten.

    Allerdings handelt es sich bei dieser sogenannten kosmischen Strahlung nicht um Röntgenstrahlen sondern um schnelle Teilen, die zum Beispiel von der Sonne abgestrahlt werden. Das macht deshalb einen Unterschied, weil Röntgenstrahlen von einer Flugzeughülle teilweise aufgehalten werden.

    Die viel schnelleren kosmischen Teilchen hingegen werden von der dünnen Flugzeughülle praktisch nicht gebremst. Es kann im Gegenteil vorkommen, dass ein kosmisches Teilchen einen Atomkern trifft und zum platzen bringt. Dadurch entsteht zusätzliche Radioaktivität. Eine dickere Hülle verstärkt die radioaktive Dosis also eher und der Leichtbau der 787 wird die Dosis vermutlich leicht senken. Das ist aber eher von akademischer Bedeutung.

    Fazit: 787 oder nicht, Sie brauchen sich um Strahlung im Flugzeug normalerweise keine Gedanken zu machen, wenn sie nicht gerade jede Woche über den Nordpol in die USA fliegen.

    2 Leserempfehlungen
    Antwort auf "Strahlung"
  4. Flugzeug mit billigem, nicht getesteten Material zu bauen.
    In der Realität geht das aber nicht.

  5. 13. Richtig

    Finde ich auch überzogen.

    Ist doch im Grunde eher positiv zu sehen, dass derartige Probleme VOR einem Absturz bekannt werden und sich darum gekümmert wird.

    Das Leben im modernen Verkehr ist immer Riskant. Ich will überhaupt nicht wissen wie viele LKWs auf den Autobahnen nur noch durch Panzertape zusammengehalten werden oder welchen Mist die Deutsche Bahn momentan wieder produziert bzw. ignoriert. Dagegen ist der Flugverkehr wirklich angenehm.

    Antwort auf "Schwarzmalerei.."
    • Glik
    • 17. Januar 2013 20:27 Uhr

    Boulevardüberschrift? Blödsinn!
    Originell ist die. Humor ist offenbar nicht Ihre Stärke.

    Originelle Überschriften liest man doch gerne. Wem das zu 'abgehoben' ist, der soll sich halt Thomas Mann reinziehen. Garantiert humorfrei.

    Im Übrigen ist der Artikel gut lesbar geschrieben - erstmal besser machen!

    3 Leserempfehlungen
    Antwort auf "[...]"
  6. Revolutionäre Technologie ist immer erst mal heikel. Aber schon bald wird sich an die Unkenrufe keiner mehr erinnern. Wer weiß denn noch, was bei der B747 seinerzeit gespottet wurde?

    Der Lufthansa könnte das Lachen bald vergehen: Ihre Vierstrahler A340 und B747-8 sind nicht gerade effizient, und weder bei Dreamliner noch beim A350 steht sie in den Auftragsbüchern. Die aber sind auf Jahre hinaus voll.

    Ich bin überzeugt, der Dreamliner wird als Meilenstein in die Luftfahrtgeschichte eingehen.

  7. 16. [...]

    Entfernt, da unsachlich. Die Redaktion/ls

    Antwort auf "Dreamliner 4"
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    Allemal informativer als der Artikel! Oder?

    Dass Ihnen beim Lesen die Batterien durchglühen, mag Ergebnis Ihrer unverbrüchlichen Liebe zum Meist- oder besser Dreamland sein.
    Klar, dass dann sachliche Einwände ein Stilbruch wären ...

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  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Lufthansa | Air Berlin | Christoph Franz | Flugzeug | Kerosin | iPhone
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