Helfer fischen geopferte Blumen aus dem Ganges. Die Masse an Blumen belastet die Flüsse enorm. Die Opferungen sind eigentlich verboten, viele Pilger lassen sich jedoch nicht davon abhalten. © Ganga Action Parivar

Wenn Götter und Dämonen gewusst hätten, was sie mit ihrem Streit anrichten, hätten sie sich wohl wieder vertragen. Aber sie stritten nun einmal, so erzählt es die indische Mythologie. Sie zankten sich um einen Krug voll wertvollem Unsterblichkeitsnektar. Dann passierte es: Während sie kämpften, verschütteten sie vier Tropfen der kostbaren Flüssigkeit.

Das Resultat ist das größte Fest der Welt. An einer der Stellen, an denen die Nektartropfen auf die Erde fielen, feiern Hindus in diesen Wochen die Kumbh Mela, zu Deutsch: das Fest des Kruges. Alle zwölf Jahre versammeln sie sich in der nordindischen Stadt Allahabad zum größten und wichtigsten der Festivals. Millionen Menschen meditieren zusammen, weihen Novizen ein und steigen in den Zusammenfluss von Ganges und Yamuna, um ihre Seelen reinzuwaschen. Mit festlichen Prozessionen ziehen die Menschen zum Ufer, manche reiten auf buntgeschmückten Elefanten. Für die Inder ist die Kumbh Mela das wichtigste Wallfahrtsfest überhaupt, für Touristen ist sie das perfekte Postkartenmotiv.

Doch die spirituelle Säuberung ist eine schmutzige Angelegenheit. Die Kumbh Mela entwickelt sich zu einer gigantischen Belastung für Mensch und Umwelt. Nach dem vergangenen Fest war die gesamte Trinkwasserversorgung der Gastgeberstadt Allahabad vergiftet, der heilige Ganges war eine noch trübere Kloake als vor dem Fest. "Ich befürchte, dass dieses Jahr die Kumbh Mela dreckiger wird als vor zwölf Jahren", sagt Avikal Somvanshi vom Centre for Science and Environment (CSE) in Neu Delhi. "Die Veranstalter sind damit beschäftigt, die Massen zu kontrollieren, aber sie können sie kaum anständig versorgen oder vertretbare Verhältnisse schaffen."

Es ist eine nahezu unlösbare Aufgabe, denn die Kumbh ist ein Fest der Superlative: Für nur wenige Wochen entsteht eine gigantische Megacity, die mehr Menschen beherbergen muss als Paris, New York und London zusammen. An manchen Tagen dürften sich rund 30 Millionen Menschen rund um das verhältnismäßig kleine Allahabad aufhalten. In den kommenden Wochen rechnen die Veranstalter mit rund 89 Millionen Besuchern – vermutlich werden es letztendlich noch mehr, schätzen Beobachter. Die Menschen wohnen in mehr als 700.000 Zelten. Wer keine Unterkunft ergattern kann, schläft einfach auf dem Boden.

Eine kleine Initiative will den Organisatoren unter die Arme greifen und das Unmögliche schaffen: Die Kumbh soll umweltfreundlich werden. Vor den rituellen Bädern und Meditationen ziehen die Aktivisten der Umweltorganisation Ganga Action Parivar in Gruppen durch das riesige Areal und sammeln Müll ein, veranstalten Podiumsdiskussionen und weisen die Organisatoren daraufhin, wo weitere Toiletten benötigt werden. Gemeinsam mit einem nordindischen Meditationszentrum haben sie zudem das erste grüne Camp auf dem Gelände eröffnet. Auch Touristen sind in die kleine Öko-Oase im Chaos eingeladen.

Gerade einmal 400 Menschen leben in dem kleinen Lager. Im Vergleich zur restlichen Kumbh Mela ist es eine Oase der Sauberkeit. Die Klos haben eine echte Wasserspülung, die Bewohner tun alles, damit ihre Basis ordentlich und umweltfreundlich bleibt. Plastikflaschen sind streng verboten. Stattdessen können sich die Campbewohner frisches Trinkwasser vor Ort zapfen.

Mit ihrem Vorzeigecamp wollen sie mit gutem Beispiel vorangehen: "Wir wissen, dass wir nur einen kleinen Teil leisten, aber wir wollen vor allem ein Bewusstsein für ökologische Probleme schaffen", sagt Saghi Bagawati vom Ganga Action Project. Eine schwierige Aufgabe: Viele der Besucher haben auch in ihren Dörfern keine Toiletten – warum dann also auf dem riesigen Fest eine aufsuchen?

"Das was hier passiert, ist ein Wunder und es funktioniert irgendwie"

Kinder bei einer Aufklärungsveranstaltung der Organisation Ganga Action Parivar © Ganga Action Parivar

Die deutsche Harvard-Studentin Anna Gesine Kneifel hat dem Camp einen Besuch abgestattet. Die 23-Jährige nimmt an einer Expedition teil, die das gigantische Fest auf unterschiedliche Facetten untersucht. Kneifel erforscht, wie verschiedene Organisationen das Event nutzen wollen, um auf Umweltprobleme aufmerksam zu machen. Von der Atmosphäre der Kumbh Mela ist sie beeindruckt: Nachts schaut sie von ihrem Zeltplatz auf ein riesiges Lichtermeer. Die Organisation der Kumbh Mela überrascht sie. "In manchen indischen Städten, die wir besucht haben, fand ich es schmutziger", sagt die Studentin der Islamwissenschaften.

Wenn der Massenandrang kommt, könnte sich die Situation schnell ändern. Denn Kneifel bemerkt auch, dass das Thema Ökologie nur einen Bruchteil der Massen interessiert: "Bei den meisten Podiumsdiskussionen sind fast nur Experten und Westler dabei. Viele der Pilger haben an dem Thema einfach kein Interesse."

Das fehlende Bewusstsein ist nicht der einzige Grund für die Probleme. Es ist auch der Mangel an Infrastruktur: Zwar stehen auf dem Gelände rund 47.000 Toiletten bereit. Die beeindruckende Zahl erscheint im Verhältnis zur Besucherzahl jedoch geradezu lächerlich. Der Thinktank CSE rechnet damit, dass an manchen Tagen für 870 Menschen nur eine Toilette zur Verfügung steht – Urinale mitgezählt. Selbst wenn die Pilger ihre Notdurft in einem echten Klo verrichten, schützt das nicht automatisch Mensch und Umwelt: Ein Großteil der Ausscheidungen fließt unbehandelt in offene Bassins rund um das Fest und bedroht das Grundwasser. Mehr als ein Viertel des Abwassers landet ungefiltert in den beiden Flüssen.

Der zu dieser Jahreszeit niedrige Wasserstand des Ganges verschärft das Problem noch. Die Behörden versuchen verzweifelt gegenzusteuern: Kurz vor dem Beginn des Festes ließen sie die Schleusen der Dämme flussaufwärts öffnen, um den Anteil an Keimen und Schadstoffen im Wasser zu senken. Die schmutzigen Papierfabriken im Umland müssen während der Festtage ihre Produktion einstellen, damit deren Abwässer die Gesundheit der Pilger nicht gefährden.

Doch die Maßnahmen können nur das Schlimmste verhindern: Die lokalen Krankenhäuser melden bereits jetzt einen starken Anstieg an Durchfallerkrankungen. Die Probleme treten dabei in manchen Teilen des riesigen Areals besonders konzentriert auf. "Die Qualität der Zelte und der Versorgung hängt auch davon ab, wie viel Geld die Gläubigen und Touristen haben", sagt Somvanshi vom CSE. Während manche Pilger zu einem der 20.000 Wasserhähne auf dem Gelände drei Kilometer laufen, müssen andere nur schnell ihr Zelt verlassen. Studentin Kneifel ist mit ihrer Unterbringung absolut zufrieden. Direkt neben ihrem Viermann-Zelt befinden sich Dusche und WC.

Doch es ist unmöglich, allen Besuchen einen solchen Komfort zu ermöglichen. Schaut man sich die Entwicklung der Pilgerzahlen an, werden in Zukunft aber wohl noch mehr Menschen nach Allahabad strömen. Die Aktivistin Bagawita glaubt trotzdem, dass die Menschenmassen versorgt werden können. "Trotz aller Missstände, die es hier gibt. Das was hier passiert, ist ein Wunder und es funktioniert irgendwie", sagt sie. "Es gibt keine Grenze an Besuchern, an der das Festival nicht mehr machbar ist."

Andere Beobachter sind skeptischer. "Es wäre vernünftig, dieses Fest einfach abzusagen oder zu begrenzen", sagt der CSE-Mitarbeiter Somvanshi. "Allerdings sind die Menschen so besessen von der Idee, dass sie einfach trotzdem zum Ganges kommen würden."

Die Aktivisten vom grünen Camp wollen zumindest ein bisschen helfen, die Verhältnisse für kommende Feiern zu verbessern: Während des aktuellen Festivals installieren sie auf dem gesamten Areal stationäre Toiletten, die auch beim nächsten Mal wieder verwendet werden können. Dann werden sicherlich mehr als 100 Millionen Besucher an den Ganges strömen. Auf sie warten dann 108 neue Klos.