Die Übungen beginnen meist vor acht Uhr morgens, wenn die Gegend noch kältestarr im Halbdunkel liegt. Aus Gitterkäfigen in Transportern und Kombis springen Lawinenhunde. Ihre Besitzer nehmen die vor Anspannung winselnden Tiere an die Leine, versuchen sie zu beruhigen. 10 Grad minus seien relativ mild, sagt Luis Ennemoser. "Vergangenes Jahr haben wir am Jaufenpass bei Sturm und 25 Grad unter null trainiert. Da trennte sich die Spreu vom Weizen." Ennemoser, seit 26 Jahren bei der Bergwacht und Hundeführer seit 20 Jahren, lebt in Pfelders und hofft darauf, heute mit seinem Schäferhundrüden Buran von der A- in die B-Stufe aufzusteigen. "Freiwillige eingraben!", ruft der Leiter. Nur nach und nach heben sich Hände: Die Lawinenexperten geben lieber den Retter, scheint es. Die Opferrolle liegt ihnen nicht.  

Am Rand des Übungsfeldes warten Rucksäcke mit Thermoskannen voll Tee. Ein Plastikeimer mit Wurststücken steht bereit. "Wir nutzen den Spieltrieb der Hunde", sagt Hons Berger. Wenn die Tiere mit aufgerichteter Rute so lange einer Spur nachschnüffeln, bis sie den Vergrabenen finden, gibt es ein Leckerli. Für die Kursteilnehmer, alle selbst begeisterte Alpinisten, ist die Übung kein Spiel: Fast jeder der Teilnehmer hat am Berg gute Freunde oder Verwandte verloren oder nach einer Rettungsaktion Tote ins Tal gebracht. Wenn die Hundeführer von ihren Erfolgen berichten, dann mit Zurückhaltung. Vor einigen Jahren glückte die Rettung eines jungen Forstbeamten: "Er lag zwei Stunden unter meterhohem Schnee, konnte sich danach nicht mehr an die Lawine erinnern", sagt Berger. Eine Steinplatte hatte sich über dem Kopf des Mannes verkeilt, darunter blieb ein Hohlraum mit Sauerstoff. "Wir haben mit ihm seine Wiedergeburt gefeiert."

Nach Sonnenuntergang trifft sich die Gruppe in der getäfelten Stube des Gasthofes Zeppichl für den theoretischen Teil der Übung. Die für diesen Tag eingeteilten Gruppenführer bewerten die Teilnehmer. Kritik gibt es direkt und reichlich. Weil Hund und Herrchen zusammen trainieren, werden sie bei der Bewertung als Einheit betrachtet: Luis Ennemoser hat seinen dreijährigen Schäferhund mit dem Rücken zum Verschütteten und gegen den Wind Witterung aufnehmen lassen. Buran bleibt deswegen bis auf Weiteres ein A-Hund. Auch nach der Kritik sitzt die Gruppe beisammen, ordert die nächste Runde, prostet sich zu. Der Alkohol macht die Männer gesprächig. Ein Alpinist erinnert sich an seinen Bruder, der zum Lawinenopfer wurde. "Er war auch ein Hundeführer. Als wir ihn in der Stube unseres Elternhauses aufbahrten, wich das Tier nicht von seiner Seite. Der Hund hat geheult."  

Am nächsten Morgen wird die Übung fortgesetzt. Heute gilt es, mehrere, besonders tief "Verschüttete" gleichzeitig zu finden – eine Prüfung für die erfahrenen Teams. Einer der Freiwilligen ist Franz Hofer. Der ältere Mann mit Dreitagebart geht die Übung ungerührt an. Mit einer Isomatte unter dem Arm – "für ein Nickerchen" –, lässt sich Hofer im Schnee vergraben. Vor einigen Jahren überraschte eine Lawine die Bergwacht während der Übung. Einer der Freiwilligen, der sich nicht rechtzeitig aus seinem Schneeloch befreien konnte, verstarb. Franz Hofer hat trotz dieser Erfahrung keine Angst: "Auf meinen Golden Retriever ist Verlass."