LawinenhundePartner mit nasser Schnauze

Um Lawinenopfer zu retten, bleiben der Bergwacht oft nur Minuten. Helmut Luther hat sich für eine Rettungsübung mit Hunden eingraben lassen – und wurde zum Hundefreund. von 

Das Loch am Rand der Skipiste hat die Größe eines Sarges. Unter der mit gestampftem Schnee verschlossenen Öffnung ist es kalt und finster. Nur dumpfe Geräusche dringen nach innen, nichts weist darauf hin, wie viel Zeit bereits vergangen ist. Und obwohl die Retter jedes ihrer "Opfer" eigenhändig eingegraben haben, beginne ich mir in meiner Schneehöhle Sorgen zu machen: Sie werden mich, ihren Freiwilligen, doch nicht vergessen haben?

Zwei bis drei Mal im Jahr treffen sich die Hundeführer des Südtiroler Bergrettungsdienstes, um für den Ernstfall zu üben: ein Lawinenunglück. Verschüttete müssen möglichst schnell geborgen werden. Die Hunde sind darauf trainiert; doch um herauszufinden, wie gut, brauchen die Hundeführer Freiwillige, die sich für die Übung vergraben lassen.

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Es ist ein lebensnotwendiger Dienst. In den Alpen vergeht kaum ein Winter ohne Lawinenopfer, betroffen sind vor allem Skitourengeher und Variantenfahrer. 147 tödliche Unfälle ereigneten sich laut Deutschem Alpenverein in der Saison 2009 bis 2010, 47 mehr als der jährliche Durchschnitt.  

Wer von einer Lawine erfasst wird, sollte Hände und Ellbogen schützend vor das Gesicht halten, um so einen mit Sauerstoff gefüllten Hohlraum zu schaffen. Dann gilt es vor allem, gegen die Panik anzukämpfen. Diese raubt dem Körper zu viel Energie und schmälert so die Überlebenschancen. Doch jeder, der einmal als Freiwilliger im Schnee vergraben wurde, weiß, wie beängstigend es ist, vom Schnee eingeschlossen zu sein. Ein paar Minuten, dann faucht der Verstand: Kann jetzt endlich jemand den Deckel aufmachen?

Umso größer ist die Erleichterung, als Stimmen zu hören sind. Und Hundegebell, das langsam lauter wird. Pfoten scharren, ein Hund winselt. In der Schneedecke öffnet sich ein Spalt, durch den Justin seinen Kopf steckt. Die Eiszapfen an seinem rötlichen Fell und seine schwarze nasse Nase scheinen aus dem Loch betrachtet riesig. Man muss kein Hundefreund sein, um den jungen Golden Retriever in dieser Situation umarmen zu wollen. Justins Herrchen, der Hundeführer Franz Hofer, brummt ein Lob. Nur 8 Minuten hat Justin für die Suchaktion benötigt. Im Ernstfall sind diese Minuten lebenswichtig.  

"Die erste Viertelstunde entscheidet", sagt Johann Berger. Der 55-Jährige mit der Sonnenbrillenzeichnung um die Augen ist Chef der Hundeführerstaffel des Südtiroler Bergrettungsdienstes. Er leitet die Ausbildungstage in Pfelders im Passeiertal, wo mehr als 20 Hunde und Führer ihr Können zeigen. "Jeder Zehnte, der verschüttet wird, ist schon tot, bevor die Lawine zum Stillstand kommt“, sagt Johann Berger, den alle "den Hons" nennen. Laut einer Statistik des Österreichischen Bergrettungsdienstes überleben 91 von 100 Verschütteten die ersten 18 Minuten. Danach schwinden die Chancen. Nach 35 Minuten sind zwei Drittel der Lawinenopfer verstorben. Nur 20 Prozent überleben bis zu 90 Minuten. Mit einer Atemhöhle gäbe es jedoch immer Hoffnung, sagt der Chef der Bergrettung. "Wir Retter sind Optimisten."

Weil bei Lawinenunglücken die Zeit drängt, hängt viel von den Begleitpersonen des Opfers ab. "Bergsteiger sollten nie alleine unterwegs sein, aber innerhalb der Gruppe stets einen Sicherheitsabstand einhalten." Auch die Ausrüstung muss stimmen. "Ohne Lawinenschaufel, Sonde und das auf Senden geschaltete Suchgerät würde ich nie auf eine Skitour gehen", sagt Berger. Neue Ausrüstungsteile wie der Airbag, der sich im Fall eines Lawinenabgangs automatisch aufbläst, sollen Touren sicherer machen. Wenn unerfahrene Bergsportler die falsche Route wählen oder dem sicheren Weg das steile Gelände vorziehen, arbeitet der Leichtsinn der Technik entgegen.

"Dank der Technik fühlen sich selbst ungeübte Bergsteiger sicher, doch dieses Gefühl ist trügerisch", sagt Berger. Und zu viele Alpinisten seien ganz ohne Notausrüstung unterwegs. "Umso wichtiger ist die Ausbildung von Rettungsteams mit Suchhunden. Die Spürnasen der Hunde bleiben unübertroffen." Lawinenhund oder Hundeführer wird man allerdings nicht von heute auf morgen. Die Schulung dauert mehrere Jahre. Je nach Talent und Ausbildungsstufe unterscheidet man bei der Bergrettung zwischen A-, B- und C-Hunden. Ein C-Tier hat eine mindestens dreijährige Lehrzeit hinter sich. Um den Rang zu erhalten, muss der Hund in einer Lawine mehrere bis zu fünf Meter tief Verschüttete finden können. Was nicht heißt, dass er immer brav folgt. "Kinder sind manchmal einfacher im Zaum zu halten“, sagt Berger. Nach drei oder vier Jahren flache die Leistungskurve des Tieres bereits wieder ab. Ein guter Rettungshund ist jedoch jede Stunde, die sein Halter in das Training investiert hat, wert.   

Leserkommentare
  1. "So ein vermenschlichter Rettungshund ergibt natürlich eine schöne sentimentale Geschichte.

    Aber technisch wäre das viel einfacher und sicherer zu erreichen, wenn man denn will."

    Wir sind alle gespannt, erleuchten Sie uns!

    Zum Thema: So ein Hund ist schon klasse. Wir hatten bei unserer Ausbildung auch für einen Tag eine Staffel dabei und haben kleine Tests gemacht. Für die Hunde war es ein Riesenspaß, für uns war es prüfungsrelevant und somit stressig.
    Meist dauert es allerdings, bis ein Suchtrupp eingeflogen wird. Darauf sollte man sich nie verlassen. Eine vernünftige Ausrüstung und Erfahrung sind unerlässlich, wenn man die gesicherten Bereiche eines Skigebiets verlässt. Das Recco-System zählt übrigens nicht dazu, denn das ist lediglich ein in die Kleidung eingenähter passiver Reflektor.

    Ganz wichtig noch: bei der Suche ALLE elektronischen Geräte ausschalten bzw. mehrere Meter von der Suche entfernt aufbewahren. Neulich sind doch tatsächlich ein paar Verschüttete gestorben, weil der Suchende die Suche mit seine Go Pro Kamera filmen wollte...

    3 Leserempfehlungen
  2. hallo herr luther,

    danke für ihren artikel, durch den ich einiges erfahren habe!
    wenn die hunde nicht mehr für die spurensuche bei lawinenopfern eingesetzt werden können, was wird aus ihnen?
    wo kommen sie hin?

    würden sie sich als begleithunde bei anderen hilfs-unternehmungen eignen?

    MfG
    a.k.

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    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    ... bleiben, so ihre Führer nicht seelenlose Idioten sind, als Familienhunde bei ihnen. Die Hunde sind ja nicht bloß Suchmaschinen, sondern Haustiere. Nur eben mit besonderer Ausbildung und einem 'Beruf'.
    Was der Hund dann in Rente macht, hängt jeweils vom Hund ab. Nasenarbeit einzig und allein aus Spaß an der Freude, ohne dass ein Menschenleben davon abhinge, anderen Hundesport oder er jobbt möglicherweise als Besuchshund.
    Wobei zu Bedenken ist, dass auch ein Dasein als Besuchshund für das Tier ausgesprochen anstrengend ist! Ein Besuch in einem Altenheim o.ä. findet meist nur einmal die Woche für vielleicht eine Stunde statt, länger halten die meisten Hunde nicht durch. Und nicht jeder Hund ist dafür geeignet. Auch der beste Rettungshund kann als Besuchshund völlig ungeeignet sein.

  3. ... bleiben, so ihre Führer nicht seelenlose Idioten sind, als Familienhunde bei ihnen. Die Hunde sind ja nicht bloß Suchmaschinen, sondern Haustiere. Nur eben mit besonderer Ausbildung und einem 'Beruf'.
    Was der Hund dann in Rente macht, hängt jeweils vom Hund ab. Nasenarbeit einzig und allein aus Spaß an der Freude, ohne dass ein Menschenleben davon abhinge, anderen Hundesport oder er jobbt möglicherweise als Besuchshund.
    Wobei zu Bedenken ist, dass auch ein Dasein als Besuchshund für das Tier ausgesprochen anstrengend ist! Ein Besuch in einem Altenheim o.ä. findet meist nur einmal die Woche für vielleicht eine Stunde statt, länger halten die meisten Hunde nicht durch. Und nicht jeder Hund ist dafür geeignet. Auch der beste Rettungshund kann als Besuchshund völlig ungeeignet sein.

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    Antwort auf "Hunde im Ruhestand"
    • Tiroler
    • 20. Januar 2013 14:18 Uhr

    Rettungshunde werden nicht vermenschlicht. Sie sind und bleiben Tiere, die als solche aber durchaus Familienmitglieder sind. Ohne enge Bindung zum Hundeführer funktioniert das Ganze nicht. Wenn sie glauben, mit Technik mehr zu erreichen, dann können sie es ja versuchen. Bis jetzt ist es niemandem gelungen.

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    Antwort auf "Physik"

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  • Schlagworte Lawine | Schnee | Alpen
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