Londoner U-BahnEin Kunstwerk mit 270 Stationen

Die Londoner U-Bahn feiert ihren 150. Geburtstag. Sie ist nicht nur selbst ein Gesamtkunstwerk, sondern seit jeher eine Plattform für moderne Kunst. von Louise Brown

Sarah Morris' Werk "Big Ben" ziert die Londoner U-Bahn-Station Gloucester Road.

Sarah Morris' Werk "Big Ben" ziert die Londoner U-Bahn-Station Gloucester Road.   |  © Art on the Underground for Gloucester Road Underground station/Thierry Bal

Beim Einzug der Bahn verschwimmen die Farben zu Schlieren, wie ein Farbeimer, ausgekippt vor dem Fenster des Waggons. Erst beim Halt im Bahnhof Gloucester Road nehmen sie Gestalt an, werden aus den unterschiedlichen Blau-, Grün- und Gelbtönen Farbbalken, die wie Pfeile auf einen Kreis hinweisen, selbst zusammengewürfelt aus Farbblöcken in Blau, Lila und Weiß. Big Ben heißen die großflächigen Werke der Künstlerin Sarah Morris, die 18 Bögen entlang des Bahnsteigs des Londoner U-Bahnhofes füllen: deckenhohe Grafiken, eingerahmt vom gelb-grauen Gemäuer. Drei, vier Minuten lang sind sie für die Passagiere eines eingefahrenen Zuges farbenfrohe Exponate, die an das zerklüftete Londoner Stadtbild und die brüchigen Lebensläufe seiner Bewohner erinnern. Bis die Bahn aus dem Bahnhof zieht, und die Bilder für deren Passagiere lediglich als bunte Erinnerungsfetzen zurückbleiben.

Am 10. Januar 1863, vor 150 Jahren, fuhr erstmals eine Dampflok unter der Erde zwischen Paddington und Farringdon. Im Jubiläumsjahr 2013 soll in jeder der 270 Stationen ein neues Werk präsentiert werden. "Wie eine Bühne" sei so ein Bahnhof, sagt Morris, deren Arbeit zu den jüngsten im Londoner Untergrund ausgestellten Kunstwerken gehört. Seit mehr als 30 Jahren stellt die Verkehrsbehörde Transport for London mit dem Programm Art on the Underground Kunst von Gegenwartskünstlern in U-Bahnhöfen und um sie herum aus. Von großflächigen Videoinstallationen bis hin zu den faltbaren Tube Maps, die in jedem Bahnhof zum Mitnehmen ausliegen und von Künstlern wie Mark Wallinger oder Tracey Emin gestaltet wurden.

Anzeige
Die japanische Künstlerin Yayoi Kusama gestaltete im Auftrag von "Art on the Underground" diesen U-Bahn-Plan, der an allen Stationen ausliegt.

Die japanische Künstlerin Yayoi Kusama gestaltete im Auftrag von "Art on the Underground" diesen U-Bahn-Plan, der an allen Stationen ausliegt.  |  © Transport for London

Die Tube als Ort der Kunst – diese Verbindung begann 1908 und "ist vor allem einem Mann zu verdanken", sagt Oliver Green, ehemaliger Chefkurator des London Transport Museum. "Der Verwaltungsangestellte Frank Pick wurde von den Betreibern der verschiedenen Linien eingestellt, um gemeinsam die Vermarktung der Underground voranzutreiben." Denn trotz des anfänglichen Hypes um die Metropolitan Line zogen gerade die folgenden drei tieferen und kostspieligen U-Bahnlinien Bakerloo-, Picadilly- und die heutige Northern Line nicht genügend Passagiere an.

"Die Londoner misstrauten der Untergrundbahn anfangs", erzählt Green. Pick lockte sie mit dem modern graphic poster an, das seit Ende des 19. Jahrhunderts gerade die Werbewelt revolutionierte. No need to ask a p'liceman lautete der Slogan auf dem ersten einer langen Serie von Werbepostern – allein 3.000 Motive entstanden für die Tube – die "die U-Bahn als einen wichtigen Förderer von Kunst etablierte", sagt Green.

Pick heuerte einige der talentiertesten Grafiker seiner Zeit an, aber auch damals unbekanntere Talente. Die Poster wurden ein Riesenerfolg; viele Passagiere wollten sie kaufen. 1917 fand sogar eine eigene Ausstellung statt. In den zwanziger und dreißiger Jahren hatte die Londoner U-Bahn keine Probleme, führende Designer der Zeit für ihre Werbezwecke zu engagieren, von Austin Cooper bis Man Ray und László Moholy-Nagy.

London Underground
Um die Fotostrecke zu sehen, klicken Sie bitte auf das Bild.

Um die Fotostrecke zu sehen, klicken Sie bitte auf das Bild.  |  © London Transport Museum

Den dekorativen Aspekt von U-Bahn-Kunst mit dem praktischeren Aspekt der täglichen Nutzung verknüpfen, auch das war ein Ziel Frank Picks, der schon bald vom Marketing-Beauftragten zum U-Bahnmanagers aufstieg. Er scheute sich nicht, neue, moderne Architekturstile auszuprobieren und engagierte die Architekten Charles Holden und Leslie Green. Drei der 28 von ihnen entworfenen Bahnhöfe stehen heute unter Denkmalschutz. Holdens Southgate Station erinnert an ein Ufo, die Silhouette der Station Chiswick Park an eine kleine Tate Modern. Hier ging es nicht um Prestige, sondern darum, dass Reisende sich wohlfühlen sollten. Eine Station sollte, so Pick, "eine einladende Haustür sein", die U-Bahn den "Rahmen der Stadt" bilden. 

Schreiben Sie den ersten Kommentar!

    Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

    • Artikel Auf einer Seite lesen
    • Quelle ZEIT ONLINE
    • Schlagworte Bahnhof | Tracey Emin | U-Bahn | Texas
    Service