BER-FlughafenGelassen sein oder sein lassen?

Es ist der deutsche Wutnickel, der sich über die BER-Verzögerungen echauffiert, schreibt David Hugendick. Markus Horeld findet: Wir sollten uns noch viel mehr aufregen. von  und

Pro Gelassenheit: Festtage des deutschen Wutnickels

So wie es 80 Millionen Bundestrainer gibt, existiert offenbar auch eine ähnliche Anzahl Bauleiter und Brandschutzmeister, die jetzt der Volkssport gewordenen Disziplin nachgehen: irgendjemandes Rücktritt fordern. Dieses Mal ist Klaus Wowereit dran, weil der Flughafen Berlin-Brandenburg noch immer nicht eröffnet ist. Nun muss man wissen: Im Land der Baumärkte und -sparer ist ein nicht pünktlich fertiggestelltes Gebäude eine der größtmöglichen Provokationen. In einigen der inzwischen zu Hunderten erschienenen Leitartikel zum Thema wird gönnerhaft herumgetrötet, dass sogar in China und sogar in der Ukraine ähnliche Großprojekte termingerecht und besenrein übergeben würden. Und wir?

Der deutsche Wutnickel vermisst die Wirtschaftswundereffizienz und sorgt sich ums Ansehen heimischer Wertarbeit im Ausland, das sonst natürlich stets staunend gratuliert. Was sollen die Leute denken! Ganz vorne in der Wutkolonne röhrt Rainer Brüderle: "Berlin hat es nicht verdient, immer mehr zur internationalen Lachnummer zu werden." Mal so von Lachnummer zu Lachnummer: Ermahnungen, endlich das sogenannte Flughafen-Chaos in den Griff zu bekommen, waren bisher von Leuten aus den USA, Frankreich, sogar aus China und sogarsogar aus der Ukraine nicht zu hören. Auch in deren Zeitungen kaum ein größeres Wort. Haben womöglich andere Sorgen. Und wenn diese Leute Berlin besuchen wollen, landen sie halt künftig in Hamburg, gucken etwas fragend auf das Elbphilharmoniegerippe und nehmen den Zug. Ach, der hat auch immer Verspätung? Ja, wirklich, grau-en-haft. (David Hugendick)

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Contra Gelassenheit: Ein Flughafen ist nicht Hertha BSC

Millionen Hobby-Bauleiter? Große Aufregung? Wo denn? Nicht in Berlin. Gemessen an dem, was hier seit einigen Monaten vor sich geht (oder eben nicht) fällt die Empörung ganz schön heimlich aus. Keine zornigen Pamphlete, keine Wowi-raus-Rufe vorm Roten Rathaus. Ein bisschen Gegrummel, ja, aber nicht anders als sonst, wenn über die Hinterlassenschaften von Köter und Grill geschimpft wird. Das bisschen Flughafen-Chaos bringt doch die Berliner nicht auf. Sie haben ja gelernt, mit dem Provisorium zu leben. Als seinerzeit monatelang keine S-Bahn fuhr, waren die Berliner sogar ein bisschen stolz darauf: Schaut mal, wie stoisch wir dieses Durcheinander ertragen. Fahren wir eben Bus.

Schon klar: Das Unvollkommene macht Berlin sympathisch und lebenswert. Doch gibt es einen Unterschied zwischen all den un- und halbfertigen Wunderlichkeiten in dieser Stadt (Schlossplatz, Mauermuseum, Hertha) und diesem unseligen Flughafen-Projekt. Das eine sind Pläne, Ideen, etwas für später, wenn vielleicht doch mal Geld da ist. Was zum Träumen und sich Drüberlustigmachen. Das andere ist ein Versprechen, ein reales Vorhaben, finanziert mit öffentlichem Geld: ein Großflughafen für Berlin und Brandenburg, der Tausende Arbeitsplätze schafft und die Region endlich mit den Metropolen der Welt verbindet.

Trotzdem schauen die Berliner phlegmatisch zu, wie Milliarde um Milliarde in ein Großprojekt fließt, das einfach nicht fertig wird. Und das nach heutigem Wissen zu klein sein wird für die Hauptstadt-Region, wenn daraus doch irgendwann einmal ein Flughafen geworden ist. Das wäre ein bisschen Aufregung und Aufstand allemal wert. Das Zusammenleben in dieser Stadt erfordert ein Mindestmaß an Verlässlichkeit und Vertrauen. (Markus Horeld)

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Leserkommentare
    • Hokan
    • 08. Januar 2013 23:34 Uhr

    Knapp daneben ist auch daneben, David Hugendick. Es hilft nichts, wenn man seine Gelassenheit - die viele von uns teilen - mit bewusst verzeichnenden Begriffen pflastert. Die, die Konsequenzen fordern, als "Wutnickel" zu bezeichnen, klingt für mich nicht nach Gelassenheit sondern vorsätzlich denunzierend. Der unselige "Wutbürger" und "Gutmensch" lässt grüssen. Von dem Niveau sollten wir uns schnellstens verabschieden.

    • ribera
    • 09. Januar 2013 0:10 Uhr

    Allerdings ist es mit dem investigativen Journalismus nicht so, wie es sein sollte.
    Manchmal hat man sogar den Eindruck, dass sich, durch die politische Brille bedingt, Wertmaßstäbe verschieben.
    So durften wir hier wochenlang tägliche Artikel zum Plagiator Guttenberg lesen. Mit täglich hunderten, mit Schaum vorm Mund geschriebenen Kommentaren.
    Wenn mal eben ein Schaden von mehr als 1 Milliarde bei BER entsteht (abgesehen vom immensen Imageschaden im Ausland), dann wird das Thema notgedrungen abgehandelt. Und nicht wenige Kommentatoren suchen nach Entschuldigungen, warum alles nicht so schlimm sei und warum die politisch Verantwortlichen eigentlich nicht verantwortlich sind.
    Wenn man daraus Rückschlüsse ziehen kann, was deutschen medien und deutschen Bürgern wichtig ist, dann wird man zum verfechter des Dreiklassenwahlrechtes.

    Antwort auf "Keine Chance!"
    • mick08
    • 09. Januar 2013 0:22 Uhr

    Mir erscheint, dass es eigentlich um einen prinzipiellen Systemfehler geht: man sagt einfach am Anfang nicht die Wahrheit oder kann sie nicht sagen, wie teuer das Projekt wirklich ist oder werden kann oder dass man es schlicht nicht exakt sagen kann und dass das ganze gar nicht so deitailiert planbar ist weil es immer unabsehbare Größen gibt.

    Anstatt also am Anfang ehrlich Klartext zu reden wird am Anfang bei Großprojekten alles überschaubar und kontrollierbar schön geredet.

    Anders ist es mir nicht wirklich erklärbar warum eigentlich so häufig Großprojekte aus dem Ruder laufen. Ich weiß nicht ab man da auf Wowereit rumhacken muss, ich denke, es ist eher ein Systemfehler und er hat weniger mit Wowereit sondern dem Setup von Großprojekten und ihrer anfänglichen (wohl eher verlogenen?) Werbephase zu tun.

    Eine Leserempfehlung
    Antwort auf "Im Prinzip..."
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • mick08
    • 09. Januar 2013 16:13 Uhr

    Hatte vermutet, dass bei Großprojekten ein sytsemischer Fehler vorliegt und man es sich zu einfach macht allein Wowereit nun Schuld zuzuweisen. Und in der Tat scheint das eine Recherche/Analyse von SPON zu bestätigen:

    "Das verheerende Fazit von Forscher Flyvbjerg: Seit siebzig Jahren wird in fast allen Ländern offensiv gelogen, wenn es darum geht, die Kosten vor Beginn klein zu rechnen. Besonders stark explodieren die Kosten demnach bei Bahnprojekten - hier fallen sie durchschnittlich um 45 Prozent höher aus als zu Beginn veranschlagt."

    http://www.spiegel.de/politik/deutschland/grossprojekte-der-politik-waru...

    Die Presse sollte da viel kritischer den Hintergrund belichten und sich nicht mit zu vielen Oberflächlichkeiten und Köpfe absäbeln wollen (=MAchtpolitik) aufhalten.

  1. in allen Ehren. W. und P. und der Rest des Aufsichtsrates haben sicher eklatante Fehler gemacht, zumindest haben sie durch Unfähigkeit geglänzt. Warum? Man kann von außen nur spekulieren. Ein Grund wäre, dass sie vom Fach keine Ahnung hatten und deshalb ihr Kontrollfunktion nicht fachgerecht ausüben konnten. Ein andere wäre, sie waren zeitlich schlicht überfordert. Pech nun für beide, wenn man sich bisher als euphorische Projektleiter in der Vergangenheit pressewirksam ablichten liess. Die Journalisten sind da auf Dauer so undankbar wenn sich die Fakten drehen... Also zurücktreten und fertig ist's?
    Viel spannender wäre neben dem allgemeinen Radau um die Sache, was denn tatsächlich die Ursache für das Scheitern war. Wenn es bei dem Brandschutz wirklich Probleme gab, wie konnte es sein, dass der TÜV das ganze erst kurz vor der gepl. Eröffnung feststellte? Hat es da in der ganzen Zeit der Planung, Ausschreibung und während des Baues keine Vorabstimmungen gegeben? Das wäre zum Beispiel unglaublich und der eigentliche Skandal. Leider sind solche Details für die Presse nicht relevant, sondern man sieht lieber die großen Köpfe rollen... Zum Kölnarchiv gibt es auch keine nachvollziehbaren Berichte über die Einsturzursache. Also heisst es beim nächsten Mal: Auf ein Neues... Stuttgart, wir kommen!!!

  2. 69. hmm....

    habe über 3 Stunden nach ihm gegoogled.
    Entweder hat mir die Orthographie wieder einen Streich gespielt, oder es gibt wirklich keinen "Pfarrer Oh".

    Antwort auf "Hahaha!"
    • chrom
    • 09. Januar 2013 2:38 Uhr

    Moment mal,
    in einem der ärmsten BL, welches von allen Anderen von wegen Hauptstadt und Kultur dauersubventioniert wird, hat man Mrd. von € die man nicht hatte in einem Projekt versägt, bei dem das beste Krisenmanagement ist, alles still zu legen um dem schlechten Geld kein gutes mehr hinterher zu werfen.

    Zudem das Teil selbst wenn es funktionieren würde, zu klein ist.

    Bei der Gemengelage glaube ich nicht an Stümperei, sondern an kriminelle Energie.

    Eine Leserempfehlung
  3. Wenn Politiker zum federführenden Oberaufseher bei Baumaßnahmen werden,kann man sich doch ausmalen,was dabei herauskommt.Wowi hat doch schliesslich noch andere Aufgaben(...von den Parties mal abgesehen),so geht jeder Angriff auf diesen hervorragenden Politiker ins Leere.Die Angriffe sitzt er doch gelassen aus,die Quittung wird er hoffentlich bei der nächsten Senatswahl bekommen,dann kann er sich neuen Aufgaben widmen.

  4. Erinnern Sie sich noch an Düsseldorf in den 90er Jahren?

    Ich persönlich würde es schon vorziehen, wenn in einem Flughafen so unwichtige Kleinigkeiten wie Brandschutzanlagen eingebaut würden...

    Eine Leserempfehlung
    Antwort auf "Mut zur Lücke"

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  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte UN | Hertha BSC | Klaus Wowereit | Bundestrainer | Flughafen | S-Bahn
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