Cranberries Kugelrotes Strandgut

Auf der Watteninsel Terschelling wachsen Beeren, die dort nicht heimisch sind. Wurden die Cranberries einst angespült? Die Einheimischen haben sie schätzen gelernt. von Barbara Steinbauer-Grötsch

Sauer, aber sehr gesund: Cranberries

Sauer, aber sehr gesund: Cranberries  |  © Barbara Steinbauer-Grötsch

Wer auf der niederländischen Watteninsel Terschelling Urlaub macht, der kommt früher oder später mit ihm in Berührung: dem "roten Gold" der Insel. So bezeichnen die Einwohner einen botanischen Fremdling, der im 19. Jahrhundert im sandigen Grund Wurzeln schlug und heute aus der Inselvegetation nicht mehr wegzudenken ist: die amerikanische Cranberry-Pflanze der Sorte Vaccinium Marco Carpon.

Um die Ansiedlung der sauren Beeren spinnt sich eine Seemannsgarn-Geschichte erster Kajüte: In einer Novembernacht 1845 tobte über der Nordsee ein kräftiger Nordwest-Sturm. Bestes Wetter für die berüchtigten Terschellinger Strandjutter, Einheimische, die die Küste nach angespülten Waren von Handelsschiffen absuchten. Auch "Jutter" Pieter Sipkes Cupido soll in dieser Nacht unterwegs gewesen sein. Er entdeckte am Strand ein großes Fass, das er zunächst aus Angst vor dem Zugriff des Bürgermeisters in den Dünen versteckte, denn Strandgut ist eigentlich Staatseigentum. Als er es am nächsten Tag öffnete, befand sich darin zu Pieters Enttäuschung nicht etwa Hochprozentiges, sondern eine Ladung harter roter Beeren, die sich auch noch als ungenießbar erwiesen. In seiner Wut soll er das Fass in den Dünen ausgekippt haben. Die Beeren schlugen Wurzeln und vermehrten sich.

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Joop van Urk, der Eigentümer von Terschellinger Cranberries B.V., kennt die Legende: "Ich habe sie als Kind von meiner Mutter gehört und weil Mütter bekanntlich nicht lügen, ist sie wohl wahr", kommentiert er mit einem Augenzwinkern. Zumal das "Jutten" den Terschellingern seit jeher im Blut läge. Van Urk, selbst Terschellinger in dritter Generation, hat aber noch eine andere Erklärung dafür parat, wie die Beeren auf die Insel kamen. Skandinavische Einwanderer in Nordamerika lernten in New Jersey die heilende Wirkung der Beeren durch die dortigen Ureinwohner kennen. Diese benutzen Cranberries zur Wundheilung, zum Färben und gegen Blasenentzündung. Überzeugt von der Kraft der roten Früchte exportierten die Siedler diese in die Heimat. Da die Handelsroute nach Skandinavien an den Watteninseln vorbeiführte, sei es durchaus wahrscheinlich, dass eine verlorene Ladung an den Strand gespült wurde, meint van Urk.

Das saure, kalkarme Milieu und die wechselnden Grundwasserstände der Insel boten den Pflanzen ideale Wachstumsbedingungen. Sie begannen, sich auszubreiten, ohne dass die Einheimischen Notiz davon nahmen. Erst 1868 fielen die niedrigwüchsigen robusten Pflanzen mit den roten Beeren dem Biologiestudenten Franciscus Holkema auf, als er die Vegetation der Insel für seine Abschlussarbeit untersuchte. Er bestimmte sie als eben jene amerikanische Cranberry.

Niemand weiß, wie die Beeren auf die Insel kamen.

Niemand weiß, wie die Beeren auf die Insel kamen.   |  © Barbara Steinbauer-Grötsch

Im Volksmund heißt die erste Fundstelle im Nordwesten des Eilandes seither "Studentenplak". Hier begann auch die kommerzielle Nutzung der Beeren. Denn nach und nach erkannten die Terschellinger, dass sich diese durchaus zu Geld machen ließen. Anfänglich wurde die Ernte vor allem nach England exportiert, nur ein kleiner Teil blieb auf der Insel. Heute werden die Beeren und Produkte aus ihnen nicht nur in den lokalen Läden und Restaurants verkauft, sondern in den ganzen Niederlanden und auch in Belgien.

Die staatliche Forstverwaltung, unter deren Management die Felder stehen, verpachtet seit 1911 das kommerzielle Pflückrecht. Dabei steht der Schutz der einzigartigen Inselnatur zwar im Vordergrund, aber verzichten möchte man auf die "Zugereisten" auch nicht mehr: "Die Cranberry ist für das Ökosystem der Insel nicht von essenzieller Bedeutung. Aber es ist doch eine Pflanze, der wir aus kulturhistorischen Gesichtspunkten und touristischen Vermarktungsmöglichkeiten immer Raum geben wollen. Außerdem profitieren andere Arten, die an den gleichen Stellen wachsen wie die Cranberries, von deren Kultivierung", erläutert der Terschellinger Forstverwalter Remi Hougee.

Leserkommentare
  1. Falls sich jemand fragt, wie <em>Cranberries</em> auf Deutsch genannt werden: (Großfrüchtige) Moosbeere, Kulturpreißelbeere oder auch Kranbeere bzw. Kranichbeere.

    Moosbeere gefällt mir persönlich am besten.

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  2. weiß aber nicht, ob das korrekt ist.

    Ansonsten ist sie eng verwandt mit der einheimischen Preiselbeere. Die auch vom Nährstoffgehalt sehr ähnlich ist. Es gibt also keinen Grund da jetzt eine Pflanze zu importieren, außer Marketing oder vielleicht effektiverer Anbau.

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    Cranberries sind vielseitiger verwendbar, als Kompott schmecken sie hervorragend zu Wild, Truthahn, aber auch Kartoffelpuffer. Außerdem sind sie hilfreich bei Blasenbeschwerden.

  3. Cranberries sind vielseitiger verwendbar, als Kompott schmecken sie hervorragend zu Wild, Truthahn, aber auch Kartoffelpuffer. Außerdem sind sie hilfreich bei Blasenbeschwerden.

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    ...und sie wuchern wie Hulle (wir hatten überlegt, sie als Bodendecker einzusetzen)

  4. ...und sie wuchern wie Hulle (wir hatten überlegt, sie als Bodendecker einzusetzen)

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