Schweizer AlpenEin Dorf und Millionen von Sternen

Im Schweizer Dorf Lü, hoch über dem Münstertal, hat ein Forscherpaar den idealen Ort zur Sternenbeobachtung entdeckt. Helmut Luther hat ihr Astrovillage besucht. von 

In Lü kann man gut Sterne beobachten.

In Lü kann man gut Sterne beobachten.  |  © Helmut Luther

Den Bauern von Lü ist die Anlage am westlichen Rand des Dorfes nicht geheuer. Keiner von ihnen habe das Schweizer Astrovillage je betreten, sagt einer der Einheimischen, die es sich in der Stube des Gasthofes Zum Hirschen – dem einzigen Gasthof des Ortes – gemütlich gemacht haben. "Dort spielt sich alles in der Dunkelheit ab. Das ist nichts für uns Bauern", versucht der Mann die Abneigung zu erklären.

Die Wintergäste interessiert das Alpin Astrovillage dafür umso mehr. Am Nachmittag wartet eine Besuchergruppe vor einer der weißen Kuppeln auf Einlass. Die Bauten wirken in der Berglandschaft wie Ufos. Sie gehören zum Zentrum für Astrofotografie, das Václav und Jitka Ourednik 2009 in Lü eröffnet haben – weil es hier nachts so dunkel ist.

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Václav Ourednik richtet den Gästen das Fernrohr ein. Blickt man hindurch, erscheint die Sonne als riesengroße rötliche Kugel, nicht vollkommen rund, sondern eher wie ein Fußball mit wenig Luft. Es handle sich bei den Formationen um Protuberanzen, Materieströme, die von starken Magnetfeldern erzeugt werden, erklärt Ourednik.

"Wir pirschen uns bei Anfängerkursen langsam an astronomische Grundkenntnisse heran. Die Teilnehmer lernen, was ein Lichtjahr bedeutet  – die Strecke, die das Licht in einem Jahr zurücklegen kann, etwa 9,5 Billionen Kilometer –, wie man eine drehbare Sternkarte benutzt oder eben tagsüber Protuberanzen auf der Sonne beobachtet."

Die Sonne so nahe vor sich zu sehen, erfülle die meisten Besucher mit Ehrfurcht, sagt Jitka Ourednik: "Der Blick in den Himmel macht uns bewusst, wie winzig wir sind. Man wird demütig."

Die Daten von 40.000 Himmelskörpern hat das Forscherpaar Ourednik in seinen Rechnern gespeichert. Etwa 5.000 von ihnen kann man in Lü mit bloßem Auge sehen, etwa zehn Mal so viele wie in der Großstadt.

Die Ouredniks sind Wissenschaftler. Bevor sie sich in Lü niederließen, arbeiteten sie in den USA, unter anderem an der Harvard Universität in der Stammzellen- und Gehirnforschung. "Seit unserer Jugend interessiert uns auch die Astronomie und Astrofotografie", erklärt Václav Ourednik den Umzug in die Schweiz.

Google Earth half, einen Standort zu finden

Zwischen der Hirnforschung und der Astronomie gäbe es überraschende Gemeinsamkeiten –  vor allem die vielen noch ungeklärten Fragen. "Als wir Hirnforschern ein Bild von ausgetrockneten Flussbetten auf dem Mars zeigten, hielten sie diese für ein Präparat aus dem Kleinhirn."

Mit der Entscheidung, sich auf dem Land niederzulassen, hätten sie "nicht 30 Jahre Forschungsarbeit an den Nagel gehängt, um Würstchen zu verkaufen", sondern lediglich die Perspektive gewechselt, sagt Václav Ourednik. Es dauerte jedoch Jahre, bis das Ehepaar den idealen Standort für das Astrovillage gefunden hatte. Eine Region mit möglichst trockener Luft und ohne Lichtverschmutzung sollte es sein, weit entfernt von den Städten.

Mit Hilfe von Google Earth entdeckten die Forscher Lü, eine schwarze Stelle auf der Karte. Im Oktober 2007 verließen sie die USA, Ende 2009 eröffneten sie das Astrovillage. "Da Lü in einem von der Unesco anerkannten Biosphärenreservat liegt, ist hier auch künftig nicht mit den Auswüchsen der Zivilisation zu rechnen", sagt Jitka Ourednik. Und fügt stolz hinzu, dass vor Kurzem Forscher des Max-Planck-Instituts zu Gast waren, um Pluto zu fotografieren.

Leserkommentare
  1. so ein glasklarer Sternenhimmel kann wirklich zum zum "ausflippen" sein. Da braucht man nicht mal ein Fernrohr mehr. Mittlerweile eine seltene und kostbare Naturerfahrung in Europa :-/

    4 Leserempfehlungen
  2. "Zwischen der Hirnforschung und der Astronomie gäbe es überraschende Gemeinsamkeiten [...] Als wir Hirnforschern ein Bild von ausgetrockneten Flussbetten auf dem Mars zeigten, hielten sie diese für ein Präparat aus dem Kleinhirn."

    => Und was zeigt uns dass? Inhaltliche Ähnlichkeiten zwischen Mars und Kleinhirn?

    Das ist ja der Gipfel der Oberflächlichkeit!!
    Rein optische - und rein zufällige - Ähnlichkeiten dieser Art wird man quer durch alle Wissenschaften finden können. GEMEINSAMKEITEN sind dadurch noch lange nicht gegeben! Mit dieser Schreibe wird ja mal wieder jedwedes Mindestniveau unterboten!

  3. Der Hinweis auf den "beinahe perfekt Schwyzerdütsch" sprechenden Wirt Jose erweckt den - falschen - Eindruck, als wenn dies die vorherrschende Sprache in Lü wäre. Tatsächlich spricht über 83 Prozent der Bevölkerung in Lü Rätoromanisch. Das ist auch die Sprache des zu Graubünden gehörenden oberen Münstertales, das bei seinen Bewohnern Val Müstair heißt und in der gleichnamigen Gemeinde, zu der auch die Ortschaft Lü gehört, zusammengefasst ist. Der untere Teil des Münstertales gehört zu Südtirol und ist seit etwa 3-400 Jahren deutschsprachig.

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  • Schlagworte Alpen | Dorf | Astronomie | Pluto | Hirnforschung | Schweiz
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