US-Autorin Cheryl StrayedWildnis vertreibt Trauer und Sucht

Cheryl Strayed verkaufte alles, was sie besaß um allein durch die USA zu wandern. Im Interview sagt sie, wie sie der Pacific Crest Trail geheilt hat. von Annette Walter

Der Pacific Crest Trail verläuft von der mexikanischen bis zur kanadischen Grenze.

Der Pacific Crest Trail verläuft von der mexikanischen bis zur kanadischen Grenze.   |  © thrig/flickr.com

ZEIT ONLINE: Frau Strayed, Sie sind im Juni 1995 drei Monate lang auf dem Pacific Crest Trail, einem Wildwanderweg, durch die USA gewandert. Ihre Tour führte von Mojave in Kalifornien zur Brücke der Götter bei Portland, Oregon. Wie kamen Sie dazu?

Cheryl Strayed: Auslöser war der Tod meiner Mutter. Im Alter von 45 Jahren wurde bei ihr Lungenkrebs diagnostiziert. Sie hätte noch ein Jahr zu leben, sagten die Ärzte. Sieben Wochen später war sie tot. Ich wusste damals nicht, wie ich ohne sie weiterleben sollte.

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ZEIT ONLINE: Wie sind Sie mit dem Tod umgegangen?

Cheryl Strayed: Ich war Mitte 20, verheiratet und arbeitete in Minneapolis als Kellnerin. Nebenbei schrieb ich. Ich lernte jemanden kennen, trennte mich von meinem Mann Paul und zog zu meinem neuen Freund nach Portland. Alle dort hörten Grunge und in der Szene, in der ich mich bewegte, war es cool, Heroin zu nehmen. Einige Monate lang setzten mein neuer Freund und ich uns fast täglich einen Schuss. Zum Glück holte mich Paul zurück nach Minneapolis, bevor es mit mir völlig abwärts ging.

Die Autorin Cheryl Strayed

Die Autorin Cheryl Strayed   |  © Robert W Mason

Obwohl das Verlangen nach den Drogen stark war, beschloss ich damit Schluss zu machen. Durch Zufall fiel mir dann ein Buch über den Pacific Crest Trail in die Hände und so kam ich auf die Idee, wandern zu gehen. Ich wollte in die Natur, mir Sonnenuntergänge ansehen und mich dabei ausheulen. Ich hoffte, dass mich diese Erfahrung heilen würde.

ZEIT ONLINE: Ging es Ihnen durch das Wandern besser?

Cheryl Strayed: Ja, aber es dauerte eine Weile. Schon am ersten Tag am Rand der Mojave-Wüste wurde mir klar, wie naiv und unerfahren ich war. In meinem Rucksack befand sich meine komplette Ausrüstung samt Zelt. Dieses Monstrum zu schultern und damit zu laufen war eine enorme Herausforderung. Aber die körperliche Anstrengung hatte auch etwas Gutes. Ich begriff: Wenn ich die körperliche Qual aushalten kann, dann kann ich auch die emotionalen Schmerzen ertragen, die der Tod meiner Mutter verursacht hat.

ZEIT ONLINE: Hatten Sie keine Angst, wenn Sie nachts alleine in ihrem Zelt im Wald lagen?

Cheryl Strayed: Die Geräusche in den Zweigen erschreckten mich manchmal, aber ich führte Selbstgespräche und redete mir ein, dass ich im Wald sicher sei. Dort draußen war niemand, der mich umbringen oder vergewaltigen wollte. Ich war völlig alleine. Wenn ich zu viel Angst gehabt hätte, hätte ich nicht weitergehen können. Deshalb entschied ich mich, mich nicht zu fürchten. Letztlich ist Auto zu fahren viel gefährlicher als alleine durch die Wildnis zu wandern.

ZEIT ONLINE: Wieso haben die Menschen mehr Angst davor, im Wald zu schlafen als davor, Auto zu fahren?

Cheryl Strayed: Viele Menschen in den westlichen Gesellschaften fürchten sich vor der Natur, weil sie gar keinen Bezug mehr zu ihr haben. Autofahren erscheint ihnen dagegen total sicher, weil es so normal für sie ist. Für mich wurde es dagegen auf meiner Wanderung zur Gewohnheit, allein in meinem Zelt in der Wildnis zu schlafen.

Pacific Crest Trail

Der Pacific Crest Trail ist ein über 4.000 Kilometer langer Wildwanderweg, der von der mexikanischen Grenze in Kalifornien bis zur kanadischen Grenze in Washington durch mehrere US-Bundesstaaten führt.

Links

Webseite der Organisation, die den Pacific Crest Trail verwaltet: http://www.pcta.org

Cheryl Strayeds Webseite http://www.cherylstrayed.com

ZEIT ONLINE: Sie gewöhnten sich auch daran, auf jegliche Körperhygiene zu verzichten?

Cheryl Strayed: Ich duschte und wusch meine Haare nur einige Male innerhalb der drei Monate. Ich sah verwahrlost aus. Aber das war egal. Die schwere körperliche Anstrengung  beanspruchte mich so sehr, dass es mich nicht mehr kümmerte. Solange ich auf dem Trail unterwegs war, funktionierte das wunderbar. Ich erinnere mich noch genau an den 9. August 1995, den Tag, an dem der Musiker Jerry Garcia starb, und ich in Ashland in Oregon ankam. Die ganze Stadt war voller Hippies. Unter denen fiel ich gar nicht auf. Komisch fühlte ich mich dagegen, als ich nach Wochen meiner Wanderung eine große Stadt, nämlich Reno, passierte. Dort hielten mich die Passanten vermutlich für eine Obdachlose.

ZEIT ONLINE: Hat Sie das gestört?

Cheryl Strayed: Nein. Zuvor hatte ich meinen Körper eher als etwas gesehen, das nur dazu da war, von Männern sexy gefunden zu werden. Nun, da er mir so wichtige Dienste leistete, konnte ich ihn gar nicht mehr ablehnen.

Leserkommentare
  1. Es gibt auch in Europa viele Wanderwege. Man kann von Stockholm bis Venedig wandern.

    Hesses "Narziss und Goldmund" ist eine Wandergeschichte.

    Wirklich bewundernswert, was die Autorin geleistet hat.

    Selbstheilung in Würde.

    3 Leserempfehlungen
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    "Man kann von Stockholm bis Venedig wandern."

    Yep und wenn man das mit dem Zelt versucht lernt man auch diverse Förster und Jäger kennen. Zeltplätze sind leider kaum eine Option weil zu weit voneinander entfernt. Die (insbesondere in Deutschland) vorgesehene Schlafweise für solche Unterfangen ist das Hotel. Leider.

  2. nicht durch absurdes Training in geschlossenen Räumen, sondern

    in freier Natur.

    Viele kennen doch gar nicht mehr dieses Gefühl.

    5 Leserempfehlungen
    • Guido3
    • 22. Februar 2013 11:30 Uhr

    «Ich habe gelernt, dass es eine große Diskrepanz zwischen dem gibt, was wir wollen, und dem, was wir wirklich brauchen.»

    So ist es. Wir arbeiten alle wie bekloppt. Wir ruinieren unsere Gesundheit um Geld zu verdienen. Und das dabei verdiente Geld, geben wir dann für Konsumkrempel und Ablenkung aus, wovon wir uns ein bisschen Glück und Zufriedenheit erhoffen. Später geben wir das verdiente Geld vor allem dafür aus, unsere ruinierte Gesundheit zu stabilisieren. Viel zu spät merken wir dann, dass wir unsere Lebenszeit größtenteils für unwichtige Dinge verschwendet haben.

    Wenn alle merken würden, dass sie den Konsumkrempel, den sie begehren, nicht brauchen, dann würde allerdings unser ganzes Wirtschaftssystem und unsere Gesellschaft erst einmal kollabieren. Passiert aber nicht.

    8 Leserempfehlungen
  3. Wenn man im Leben nicht mehr weiter weiß, einfach ein paar Tage mit Ruck- und Schlafsack ins wilde Nirgendwo, abgeschottet von der Zivilisation, fasten, umherwandern, beobachten, einen außergewöhnlichen Platz finden, dort nachdenken oder meditieren, mit sich ins Reine kommen.

    Das sind außergewöhnliche Momente, die einen Menschen von Grund auf verändern.

    Eine Leserempfehlung
    • H.v.T.
    • 22. Februar 2013 11:46 Uhr

    Selbstverständlich liest sich solch eine Geschichte erst einmal gut, sogar ein wenig romantisch.

    Aber Vorsicht, in die wilde Natur zu spazieren, um dort über einen langen Zeitraum weit ab von der Zivilisation sich selbst zu erfahren, birgt enorme Risiken, bis hin zum Tod.

    Wer also meint, er möge ´derartige Wege´ zur Selbsterfahrung oder seelischen Reinigung beschreiten, muß sich dringend darüber im klaren sein: Eine gesunde, sogar eine Rückkehr an sich ist nicht garantiert.

    Nicht ganz ohne Grund gibt es nur selten Geschichten über diejenigen, die gar nicht mehr wiederkehrten, oder nur als Leichenfund.

    Das soll aber keinen davon abhalten, erst mal ein bißchen Übung zu bekommen: durch Tageswanderungen im Wald.

    Eine Leserempfehlung
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    • Panic
    • 22. Februar 2013 12:08 Uhr

    Ich musste wirklich lachen. Lesen Sie sich noch mal Ihren Kommentar durch: Tod, Leichenfund, Rückkehr nicht garantiert. Warum sollte man, wenn man seelisch in einer solchen Situation ist, erst einmal mit Tageswanderungen sich auf die Selbstfindung vorbereiten? Ich denke, man geht einfach los und macht sich überhaupt keine Gedanken. Und das ist auch gut so. Weil die meisten Menschen eben zuviel denken. Die beste Vorbereitung für eine solche Wanderung zur Selbstfindung, ist es sich nicht vorzubereiten. Denn sonst setzt genau das wieder ein, was einen im Alltag beherrscht: Zweifel und Ängste.

    cheers

    "[...] birgt enorme Risiken, bis hin zum Tod."

    Das tun auch der morgendliche Gang vor die Haustür oder die tägliche Autofahrt ins Büro. ;)

    Sterben können Sie jederzeit und überall.

    • Hickey
    • 22. Februar 2013 12:42 Uhr

    auch übertrieben.

    Das kenne ich aus meinem Freundekreis, da geht nur einer mit mir Bergsteigen/Wandern, die anderen sehen eine 2std Tour schon als zu anstrengend an und viele kennen die Natur nicht, ergo haben sie einfach unbegündete Angst vor dem Unbekannten.

    Das mal einer auf so einer Tour stirbt, ja mei, halb so schlimm, beim Autofahren sterben hier in Deutschland fast 4000 Menschen jährlich also etwa 11 pro Tag...so eine hohe Todesrate gibt es bei den Wanderern nicht.

    Das wichtigste bei anspruchsvolleren oder längeren Touren ist die Vorbereitung.

    Bei denjenigen die nicht wiederkamen, hat einfach die Vorbereitung nicht gestimmt...da denke ich gerade an das Buch, Into the Wild oder die Arktis/Antarktis Expedetionen anfang des letzten Jahrhunderts.

    mfg

    • H.v.T.
    • 22. Februar 2013 12:05 Uhr

    meine persönliche Hochachtung vor dem Mann dieser Frau, der sie trotz vorheriger Trennung nach Monaten wieder aus dem Drogenmilieu heraus holte.

    6 Leserempfehlungen
    • Panic
    • 22. Februar 2013 12:08 Uhr

    Ich musste wirklich lachen. Lesen Sie sich noch mal Ihren Kommentar durch: Tod, Leichenfund, Rückkehr nicht garantiert. Warum sollte man, wenn man seelisch in einer solchen Situation ist, erst einmal mit Tageswanderungen sich auf die Selbstfindung vorbereiten? Ich denke, man geht einfach los und macht sich überhaupt keine Gedanken. Und das ist auch gut so. Weil die meisten Menschen eben zuviel denken. Die beste Vorbereitung für eine solche Wanderung zur Selbstfindung, ist es sich nicht vorzubereiten. Denn sonst setzt genau das wieder ein, was einen im Alltag beherrscht: Zweifel und Ängste.

    cheers

    3 Leserempfehlungen
    Antwort auf "Bedenken"
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    • H.v.T.
    • 22. Februar 2013 12:18 Uhr

    Oh, ich hindere keinen daran, keine ´Panic´.

    Ich spreche nur aus eigener Erfahrung als zeitweiser "Waldläufer", der die Schwierigkeiten meint ein wenig überschauen zu können.

    Aber ich geh auch nicht aus seelischer Verzweiflung über einen längeren Zeitraum in die Natur; mag sein, dass mich das schützt.

    Stimmt nicht mal in diesem Fall, sie haben den Satz mit "ganze Ausrüstung dabei" gelesen?

    Ansonsten ist es neben UN- Glück (im Sinne von negativ wirkender Zufall) die Selbstüberschätzung oder Nicht(genug)vorbereitung, die tatsächlich zu unlösbaren Problemen führt...

    Wir kennen das hier in D. wohl eher nicht so, weil einfach die Natur diese Weiträumigkeit nicht hat, wie Sie in der Heimat der Autorin vorzufinden ist, wenns Wetter schlecht wird, gehts in die nächste Kneipe/Hütte.... Schon in Norwegen sieht die Sache anders aus, ganz anders. Ich erinnere mich an einen Fall einer dt. Familie in Norwegen, die in der Gegend Adneram zu einer Skiwanderung aufbrach und den eindringlichen Rat eines Einheimischen spöttisch erwiderten ("Nur Verrückte brechen bei solchem Wetter auf!" => "Wir sind ein bisschen verrückt") und nur noch tot, erfroren, aufgefunden wurden.

    Unser Verhältnis zur Natur ist ein komisches geworden. Einerseits romantisiert, anderseits mit falschem Gefahrempfinden besetzt, widerum die echten Gefahren nicht erkennend...

    Unkenntnis.

    Der Protagonistin jedenfalls gratuliere ich! (und bin etwas neidisch)

  4. "[...] birgt enorme Risiken, bis hin zum Tod."

    Das tun auch der morgendliche Gang vor die Haustür oder die tägliche Autofahrt ins Büro. ;)

    Sterben können Sie jederzeit und überall.

    Eine Leserempfehlung
    Antwort auf "Bedenken"
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    • H.v.T.
    • 22. Februar 2013 12:21 Uhr

    "Sterben können Sie jederzeit und überall."
    ---
    Eine Binsenweisheit.
    Wer kann dem schon widersprechen.

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  • Schlagworte College | Grunge | Heroin | Körper | Lebensstil | Lungenkrebs
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