FotografieEin anderes Bild von Dresden

Wussten Sie, dass Dresden eines der weltweit bedeutendsten Zentren der Kameraindustrie war? Nun werden die Technischen Sammlungen mit ihrer Kameraausstellung renoviert. von Dietrich Höllhuber

Die Technischen Sammlungen Dresdden

Die Technischen Sammlungen Dresden  |  © Technische Sammlungen Dresden

Touristen fotografieren den Dresdener Ernemann-Turm nicht so oft wie etwa die Frauenkirche oder das Residenzschloss. Dabei erinnert der 48 Meter hohe Turm, heute Teil der Technischen Sammlungen, an eine Zeit, in der Dresden maßgeblich an der Weiterentwicklung der Fotografie beteiligt war – und das ist noch gar nicht so lange her. Zwischen 1936 und 1990 stammte jede zehnte Kleinbild-Spiegelreflexkamera aus der Stadt an der Elbe. Die weltweit erste einäugige Spiegelreflexkamera für Kleinbildfilm wurde ebenfalls hier konstruiert. Dresden war ein wichtiger Standort der Kameraindustrie.

Die Ernemann Kamerawerke, eine Erfolgsstory aus wilhelminischer Zeit

Warum sich die deutsche Kameraindustrie in ihrer Entwicklungsphase vor 1900 in Dresden konzentrierte, ist nicht geklärt. Warum liegt Silicon Valley in Kalifornien und nicht anderswo? In Dresden hatten sich um 1900 viele kleine und mittlere Betriebe des Kamerabaus angesiedelt, aber auch drei große gehörten zu den Pionieren der neuen Lichtbildtechnik. Einer von ihnen war der Fabrikant Heinrich Ernemann. Die beiden anderen schlossen sich 1909 (mit weiteren Firmen) zur ICA (Internationale Camerafabriken Aktiengesellschaft) zusammen. Gemeinsam beherrschten sie den europäischen Markt.

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Die Ernemann-Werke AG Dresden hatte ihren Striesener Standort an der Schandauer Straße ab 1896 zu einem imposanten Fabrikkomplex ausgebaut. Heinrich Ernemann (1850–1928), ein Autodidakt, hatte sein Unternehmen mit einer Werkstatt auf einem Hinterhof begründet. Nun beherrschte er eine Aktiengesellschaft, die Umsätze in Millionenhöhe machte. Viele Patente stammten von ihm selbst: Bis 1926 sollen über 200 angemeldet gewesen sein. Weitere wichtige Erfindungen kaufte er geschickt ein. Mit dem Erfolg der Ernemann-Werke siedelten sich weitere fototechnische Betriebe in der Schandauer Straße an. Ernemann schloss sich 1926 mit der ICA und zwei weiteren Firmen in der Zeiss Ikon AG Dresden zusammen. Hinter dem Projekt stand die Firma Carl Zeiss Jena.

Erste einäugige Spiegelreflexkamera für Kleinbildfilme: Die Ihagee und die Kine Exakta

Dietrich Höllhuber
Dietrich Höllhuber

Dietrich Höllhuber hat etwa 150 große Reisen in alle Erdteile unternommen und 30 Reisebücher geschrieben: vom Wanderführer für Biertrinker bis zu Reiseführern zum Libanon. Im Michael Müller Verlag publizierte der erfahrene Reisejournalist bislang die individuell und persönlich verfassten Bücher zu Südtirol, Dolomiten, Dresden und Neuseeland sowie die Wanderführer zu Mallorca, zum Meran und, ganz neu, zur Sächsischen Schweiz.

Was uns heute schon wieder altmodisch anmutet, der Kleinbildfilm (24 x 36 mm) in der einäugigen Spiegelreflexkamera, war von 1936 bis um 2005 die Norm. Erfunden und entwickelt wurde dieser Kameratyp, der sich international durchsetzte, von Karl Nüchterlein bei Ihagee in Dresden. 1936 kam seine Kine Exakta in Dresden als Weltneuheit auf den Markt. Ihr folgten immer neue Exakta-Modelle, bis die Firma zu DDR-Zeiten in das Kombinat VEB Pentacon integriert und 1970 liquidiert wurde.

Von der handlichen Kleinbild-Spiegelreflexkamera und ihrem Nachfolger, der Exakta Varex, wurden weit über 700.000 Stück verkauft, in abgeänderter Form wurde dieser Kameratyp bis 1970 hergestellt. Alfred Hitchcock hat der Exakta in Das Fenster zum Hof 1954 eine besondere Rolle gegeben. James Stewart verwendete in diesem Psycho-Thriller eine Exakta Varex VX mit starkem Teleobjektiv, um den Mörder zu suchen.

DDR-Produkt mit West-Erfolg: die Praktica

Echte Analog-Fanatiker verwenden die Praktica bis heute, obwohl die Produktion, die 1948 mit dem Prototyp begann, mit der Praktica BCC im Juni 1990 stoppte. Der Name passte zum Gerät: Die Praktica war tatsächlich handlich und leicht zu bedienen. Und sie verkaufte sich auch im Westen gut – dank der DDR-Preispolitik zur Devisenbeschaffung – wenn auch unter anderen Namen. Revueflex von Foto Quelle oder Porst Reflex waren Handelsmarken für die in Dresden hergestellte Praktica.

Trotz des Erfolgs verschlief die Geschäftsleitung die technische Weiterentwicklung. Die Treuhand wickelte die VEB Pentacon in einer ihrer ersten Amtshandlungen ab. Der Grund war so simpel wie vernichtend: Das technologisch veraltete Produkt hatte keine Chancen auf dem freien Markt. Selbst bei Beibehaltung der bisherigen Modelle hätte der Endverkaufspreis die Herstellungskosten um bis zu 400 Prozent übersteigen müssen. Manche Dresdener fragen sich bis heute, ob es nicht doch eine Alternative gegeben hätte.  

Technische Sammlungen Dresden

Die Technischen Sammlungen Dresden gehören zu den Museen der Stadt Dresden.

Adresse: Junghansstraße 1–3 (Straßenbahnen 4 und 10, Bus 61, Haltestelle Pohlandplatz); Tel. 0351 4887272

Öffnungszeiten und Tickets: Di–Fr 9–17 Uhr, Sa, So und Feiertage 10–18 Uhr; Eintritt Erw. 4 €, erm. 3 €.

Service

Im Ernemann-Turm des Museums liegt das Turmcafé. Im Erdgeschoss bietet das Museumskino ein Programm, das auf die (ost-)deutsche Filmgeschichte fokussiert ist.

Ein Kamerawerk als technisches Museum

Heute erinnert der Ernemann-Turm an diese Phase in Dresdens Geschichte. Dank ihm sind die Technischen Sammlungen im Stadtteil Striesen kaum zu übersehen. 1916 hatte der Erfinder die Fabrik an der Schandauer Straße bauen lassen. Heute wird der 1945 nur gering beschädigte, aber jahrzehntelang vernachlässigte Komplex restauriert und das Technikmuseum darin erweitert.

© Michael Müller Verlag

Im Stockwerk über dem opulenten Foyer haben die zahlreichen in Dresden entstandenen Fotoapparate einen letzten, gut ausgeleuchteten Standort gefunden. Besonders eindrucksvoll ist eine Großvitrine mit Dutzenden von Kameras.

Man kann es traurig finden, dass die Glanzzeit der Fototechnik in der Landeshauptstadt von Sachsen nur noch Geschichte ist. Andererseits können sich nur die Wenigsten an das letzte Bild erinnern, das sie mit ihrer Polaroid-Sofortbildkamera gemacht haben. Den Touristen, die Dresden besuchen, wird in Zukunft vielleicht das Mobiltelefon genügen, um ein Foto vom Zwinger zu machen.

Erschienen im Michael Müller Verlag

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Leserkommentare
    • -
    • 06. Februar 2013 18:40 Uhr
    1. Heut,

    erst bin ich mit meiner Practika durch Dresden gelaufen und hab Fotos gemacht.

    Die Sonne schien so schön:)

    Leider ist mir der Film Kaputt gegangen:(

    • horge20
    • 07. Februar 2013 9:01 Uhr

    Ich fotografiere auch heute noch mit einer PRAKTICA (analog und digital). Mittlerweile habe ich eine kleine Sammlung an klassischen Dresdner Spiegelreflexen und verfalle immer noch dem einzigartigen Geräusch des mechanischen Auslösers.

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  • Serie Sehenswert - Wissenswert
  • Schlagworte Alfred Hitchcock | James Stewart | Dresden | Elbe | Kalifornien | Sachsen
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