"Hare Krishna, hare Krishna, Krishna, Krishna, hare, hare. Hare Rama, hare Rama, Rama, Rama, hare, hare." Jeden Morgen um halb sechs wiederholt Kiran Kumar die Worte. 108 Mal, mindestens. Als Rechenhilfe dient ihm eine Japamala, eine Kette, deren Perlen man durch die Finger gleiten lässt wie die eines katholischen Rosenkranzes. Für den 24-jährigen Kumar gehört die Mantra-Meditation zum Alltag, seit er als Junge in den Ashram gezogen ist – auf eigenen Wunsch. Genau wie das Surfen.

An einem Flusslauf an der Südwestküste Indiens, weit weg vom Lärm und den Menschenmassen der indischen Metropolen, liegt der Ashram von Surfing Swami. Surfing Swami ist 67 Jahre alt und begeisterter Surfer. Bevor er den Ashram eröffnete, lautete sein Name Jack Hebnar. Er stammt aus Boston, USA.

Auf der Suche nach der perfekten Welle hat Hebnar viele Küsten dieser Welt bereist. Er strandete letztlich in Indien, einem Land mit 7.000 km Küste und keinem einzigem Surfbrett-Verleih.

Seit acht Jahren leben nun Surfing Swami und der ebenfalls aus den USA stammende Vishnu Swami – in seinem früheren Leben hieß er David Osborne – zusammen mit fünf jungen indischen Anhängern in ihrem blau gestrichenen Haus am Meer. Gemeinsam preisen sie Krishna und reiten Wellen. Und sie nehmen auch Gäste auf Zeit auf. Acht Gäste können es höchstens sein, sie müssen sich um ihren Platz bewerben. Wer nur kommen will, um Party zu machen, wird ausgesiebt.

Kein Alkohol, keine Zigaretten, kein Fleisch

Die Gastgeber leben asketisch, ihre Regeln gelten auch für die Gäste. Fünf sind es zurzeit. Dayani, eine Designerin aus Brighton, Seth, ein Weltenbummler aus Melbourne, Jin, ein Ambulanz-Pfleger aus New York und Judith, eine Schauspielerin aus Berlin. Sie alle sind zwischen dreißig und vierzig; sie alle suchen etwas in Indien – eine neue Sicht auf die Dinge, ein bisschen verlorengegangene Spiritualität, vor allem aber die perfekte Welle.

Mond und Gezeiten bestimmen den Tagesablauf im Ashram, er ist ausgefüllt mit Meditation, Yoga, Surfen, Kanu-Flusstouren, Essensrunden und Gesprächen. Satt und zufrieden legen sich die Gäste früh schlafen, die Plamblätter rauschen im Wind.

Gegen vier Uhr morgens dringt als erstes der Morgenappell des Imams in die Zimmer. Sein Ruf schallt von der Moschee im Dorf bis zum Endes des Flusses. Eine Stunde später sind die Hindus dran. Im Ashram kommen die sakralen Lieder dann vom Plattenteller. Je nachdem, wer auflegt, klingt die Andacht nach gesungenen Mantras oder wie Best of Bollywood Hits Vol. VI.

Am frühen Morgen trifft man die Gäste dann am Fluss, den sie überqueren müssen, um zum Meer zu kommen. "Hello, where are you from?", rufen die Fischer in den Stocherkähnen, wenn die Ashram-Gäste an ihnen vorbeipaddeln. Sie haben sich an den Anblick der Touristen gewöhnt, die auf haustürgroßen Brettern zu ihrem Vergnügen über das Wasser paddeln. Die Einheimischen hingegen nutzen den Fluss nur, um zu fischen oder ihren Hausmüll loszuwerden. Im Ashram wird der Müll getrennt.

Die Nachmittage im Ashram sind still. Manchmal hört man Gelächter der Gäste, die Bewohner aber gehen ihren Aufgaben mit Bedacht nach. Der Boden wird achtsam, fast liebevoll gefegt. Für die Küchenarbeit gibt es Regeln: Bohnen im Essen sind gut, Zwiebeln nicht. Milch ist erlaubt, Eier nicht. Tote Tiere, also Fleisch und Fisch, sind tabu. Die Speise muss nicht nur den Gästen schmecken, sondern auch Krishna. Ihm wird das Essen geweiht. Erst danach wird es den Gästen serviert. Wenn sie satt sind, dürfen sich auch die Gastgeber bedienen.

Wenn Bewohner Kumar nicht in der Küche steht, arbeitet er an der Website, sein Bruder Kishon regelt das Geschäftliche im Ashram. Dessen Bewohner sind gut mit der Außenwelt vernetzt. Wer in eine Suchmaschine die Worte "surfen" und "Indien" eingibt, bekommt den Ashram als einen der ersten Treffer. Neben dem Gästeprogramm verkaufen die Bewohner Surfbretter und bieten Inselausflüge an. Vor der Tür parken zwei SUVs.

Letztlich ist der Ashram ein kleines, erfolgreiches Unternehmen. Die Touristen sorgen für gute Einnahmen. Der Preis für eine Übernachtung liegt mit 35 bis 60 Euro über dem indischen Hostel-Niveau. Vishnu Swami lächelt milde. In einem Ashram, sagt er, darf man Geschäfte machen, solange es die gute Sache unterstützt. Oder, wie es einer seiner Anhänger formuliert: "Wenn man mutwillig eine Katze überfährt, wird man im nächsten Leben zur Strafe vielleicht als Katze wiedergeboren. Wenn man aber versehentlich eine Katze überfährt, weil man es auf dem Weg zum Tempel eilig hatte, dann ist das nicht so schlimm fürs Karma." Solange der Ashram dazu dient, Touristen an Krishna heranzuführen, ist es kein Problem, dass im Tempel ordentlich Umsatz gemacht wird.