KorsikaBier aus der Castigniccia

Wussten Sie, dass es bis 1994 kein korsisches Bier gab? Seitdem braut die Brasserie Pietra erfolgreich nach einem speziellen Rezept Bier aus Kastanienmehl. von Marcus X. Schmid

Die Idee, Brauer zu werden, kam Dominique Sialelli in den frühen neunziger Jahren beim Bier. Der damalige Pariser Manager der France Télécom war auf seiner Heimatinsel Korsika zu Besuch. Nach einem Konzert der Musikgruppe I Muvrini wollte er in einer Bar ein korsisches Bier trinken, doch dort beschied man ihm: "Korsisches Bier? Gibt’s nicht."

Sialelli griff auf ein Importbier zurück, aber die abschlägige Antwort ärgerte ihn. So sehr, dass er eine biographisch einschneidende Wende vollzog: Der Exilkorse kündigte seinen Job und widmete sich dem Bierbrauen.

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Als er Freunden von der Idee eines Biers aus Kastanienmehl erzählte, reagierten diese mit Skepsis oder Spott. Doch Sialelli ließ sich nicht beirren: Nach vier Jahren ökonomischer Vorarbeiten präsentierte er zusammen mit seiner Frau Armelle 1994 der Öffentlichkeit Pietra, ein Bier aus Malz und Kastanienmehl mit 6% vol. Alkoholgehalt.

Marcus X. Schmid
Marcus X. Schmid

Jahrgang 1950, geboren und aufgewachsen in der Schweiz, im etwas öden Mittelland zwischen Zürich und Bern. Der fehlende Blick aufs Matterhorn oder in die Sonnenstube Tessin hat seine spätere Reisetätigkeit erheblich begünstigt. Studium in Basel, in Erlangen und im damaligen Westberlin, dortselbst die akademischen Weihen in Germanistik, Komparatistik und Politologie empfangen. Lebt und arbeitet freiberuflich als Autor und Übersetzer in der französischsprachigen Schweiz.

Anfänglich wurde noch in Straßburg gebraut,1996 verlagerte man die Produktion nach Furiani, einem Vorort der Hafenstadt Bastia an der korsischen Ostküste. Die Kastanien besorgt sich die Brauerei aus der nahen Castagniccia, einer Region, der die Kastanienbäume den Namen gaben. Dort fressen die Wild- und ein paar durch die Wälder streunende Hausschweine die Früchte, das Gros der Kastanien verfault ungenutzt. Sialelli kennt die Gegend, er ist in Pietraserena, einem Dorf an den südlichen Ausläufern der Castagniccia geboren. Oberhalb seines Heimatorts, in einer Lage über 1.000 Meter, lässt er die Kastanien sammeln und teils auf Eselsrücken zur nächsten Straße transportieren.

Zählte die Brauerei Pietra auf Korsika anfangs noch sechs Angestellte, so sind es heute 42, im selben Zeitraum stieg die Produktion von 2.000 Hektoliter auf 50.000 Hektoliter. Die Produktionshalle neben dem Fußballstadion in Bastia ist längst zu klein geworden, die Brauerei hat dreieinhalb Kilometer südlich von Furiani zusätzliche Gebäude bezogen.

Das dunkle Pietra mit dem lange anhaltenden Geschmack hat seinen festen Platz auf dem korsischen Biermarkt erobert – inzwischen sind das helle Pietra Bionda, das leicht bittere Serena und das ungefilterte Colomba (Hefe, Weizen- und Gerstenmalz) dazugekommen, gegen Jahresende wird ein kräftiges Weihnachtsbier (Pietra de Noël, 7% vol.) gebraut. Die alkoholfreien Getränke Limunata Carina, Corsica Cola und Corsica Cola Light ergänzen die Produktpalette. 2005 lancierte die Brauerei zusammen mit der Destillerie Mavela aus Aléria mit P & M den ersten korsischen Whisky.

Das Pietra-Schild hängt heute an vielen korsischen Bars. Rund 70 Prozent des Biers wird in Korsika umgesetzt, über 20 Prozent werden auf dem französischen Festland konsumiert, der Rest wird exportiert, unter anderem nach Deutschland, Japan und Amerika. Allein in New York ist das Kastanienbier in mehr als 50 Bars erhältlich. Sialelli hat sich mit seiner Idee durchgesetzt.

In Frankreich kursieren viele Vorurteile über die Korsen. Sie seien faul, sie würden ökonomisch am Pariser Tropf hängen, statt Unternehmergeist zu zeigen und dergleichen mehr. Die "malaise corse" wurde zum stehenden Begriff für die wirtschaftliche Stagnation der Insel. Dominique Sialelli, der ehemalige Télécom-Manager, und seine Frau Armelle haben mit der Brasserie Pietra ein Zeichen dagegen gesetzt. Armelle, Generaldirektorin und oberste Kommunikatorin des Unternehmens, wurde 2006 mit dem Titel der "Madame Commerce de France" geehrt.

© Michael Müller Verlag

2010 wurde die Brauerei für ihr freiwilliges Engagement für die Umwelt ausgezeichnet. Die Sialelli hatten ein System eingeführt, das den CO2-Ausstoß, der bei der Fermentierung entsteht, einfängt, um ihn als Gas bei der Limonadenproduktion wiederzuverwenden. In ihrer Kommunikationsstrategie gehört das zum Konzept einer "brasserie citoyennne" – ein Begriff, den man mit "bürgernahe Brauerei" übersetzen könnte.

Fragt man Armelle Sialelli, wie das Paar auf die Idee kam, Bier aus Kastanienmehl zu brauen, antwortet diese, dass das Konzept bei einer sommerlichen Siesta unter einem Kastanienbaum entstanden sei. Am Ende ist eine Gründerlegende so schön wie die andere.

Erschienen im Michael Müller Verlag

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    • Serie Sehenswert - Wissenswert
    • Schlagworte Bier | Brauerei | Cola | Korsika | Musikgruppe | Frankreich
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