FKK-CruiseNur mit Sonnencreme bekleidet

Am 9. Februar startet in Fort Lauderdale die größte FKK-Cruise der Geschichte. Die Organisatorin Nancy Tiemann spricht über den Erfolg einer ungewöhnlichen Geschäftsidee. von 

Mit diesem Bild wirbt der Veranstalter für seine Reisen.

Mit diesem Bild wirbt der Veranstalter für seine Reisen.   |  © PR

ZEIT ONLINE: Frau Tiemann, warum wird der Weltrekord für eine FKK-Cruise ausgerechnet in den USA aufgestellt? Für gemeinhin gelten die Amerikaner als eher zurückhaltend, was öffentliche Nacktheit angeht.

Nancy Tiemann: Gerade weil viele Amerikaner ein Problem mit öffentlicher Nacktheit haben, sind wir so erfolgreich. Wer es schön findet, im Urlaub unbekleidet herumzulaufen, hat in den Staaten kaum Auswahl. FKK-Strände sind immer noch eine Seltenheit. Auf dem Boot hat niemand Probleme damit.

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ZEIT ONLINE: Wie kamen Sie auf die Idee, Kreuzfahrten für Nudisten anzubieten?

Tiemann: Ich war mit meinem Mann im Urlaub an der französischen Atlantikküste und wir haben einen Strandspaziergang gemacht. Das ist jetzt 24 Jahre her. Auf einmal sah ich Menschen ohne Badekleider. Meine erste Reaktion war: "Oh mein Gott, die sind ja nackt". Dann dachte ich: "Wenn man in Rom ist, soll man es wie die Römer machen." Ich habe mich ausgezogen und fühlte mich irgendwie erleichtert und befreit.

ZEIT ONLINE: Wohl auch im übertragenen Sinn?

Tiemann: Ja. Wir Amerikaner haben häufig sehr unrealistische Erwartungen an unsere Körper. Sie müssen perfekt sein. Jedenfalls wird einem das von den Medien vermittelt. Aber da die Mehrheit weit davon entfernt ist, perfekt zu sein, haben viele ein Problem damit, sich vor anderen nackt zu zeigen. Nudisten merken schnell, dass das Quatsch ist.

ZEIT ONLINE: Anscheinend hat ihnen das Stranderlebnis so gut gefallen, dass Sie es wiederholen wollten.

Tiemann: Ja, als wir aus dem Urlaub zurück waren, haben wir uns der American Association for Nude Recreation angeschlossen. Das ist eine Art Freizeitverein für Nudisten – der übrigens 1929 von einem deutschen Auswanderer gegründet wurde. Wir haben dann auch versucht, mit Gleichgesinnten in den USA Urlaub zu machen. Nicht sonderlich erfolgreich.

ZEIT ONLINE: Was ist passiert?

Deutschlandkarte FKK-Bäder: Um die ganze Karte zu sehen, klicken Sie bitte hier.

Tiemann: Wir bekamen häufig Probleme mit der Polizei. Ohne Bikini herumzulaufen, war beinahe ein Schwerverbrechen. Deshalb haben wir uns immer ausgemalt, wie schön eine Kreuzfahrt nur für uns Nudisten wäre; ganz unter uns und keinen kümmert es. Dann haben wir die erste Fahrt auf einem kleinen Boot in der Karibik mit 39 Leuten organisiert.

ZEIT ONLINE: Wie schwer war es, ein Boot nur für Nackte aufzutreiben?

Tiemann: Es war wahnsinnig frustrierend. Ich hing tagelang am Telefon und die Reedereien dachten, es seien Scherzanrufe einer Radiomoderatorin, die dann gesendet würden. Bei einer neu gründeten Reederei, die unbedingt Kunden brauchte, hatte ich Glück. Sie stellten ein Boot zu Verfügung. Bei der zweiten Fahrt waren wir dann schon 600 Gäste und ich merkte, dass es einen Markt für diese Art Reisen gibt. Heute bieten wir neben den USA auch Nacktfahrten auf der Ostsee, in Italien, Frankreich und den griechischen Inseln an.

ZEIT ONLINE: Und die Crew, ist die auch nackt?

Tiemann: Natürlich nicht. Auch der Kapitän ist bekleidet. Man muss bedenken: Die Mannschaft besteht vor allem aus Menschen von den Philippinen, die strenge moralische Vorstellungen haben, was Nacktheit angeht. Sie sind jedoch immer hoch professionell. Nach ein paar Tagen wird es für die Crew auch ganz normal, von Nackten umgeben zu sein.

ZEIT ONLINE: Gibt es spezielle Regeln für die Besatzung und die Gäste?

Tiemann: Wir Gäste befolgen die normale Nudisten-Etikette: sitzen nur mit einem Handtuch darunter und fotografieren nur, wenn die Gegenseite einverstanden ist. Für die Crew gibt es keine speziellen Regeln. Die braucht es auch gar nicht.

ZEIT ONLINE: Das Captains-Dinner ist auf einer Kreuzfahrt für gewöhnlich der Anlass für gute Garderobe. Wie macht man sich denn als Nudist für diesen Anlass schick?

Tiemann: Die Tatsache, dass wir gerne nackt sind, heißt nicht, dass wir uns nicht gerne schön anziehen. Sprich, wenn der Kapitän begrüßt oder einen Empfang gibt, dann ziehen wir uns für ihn oder sie an. Dafür genügen auch Shorts und ein T-Shirt. Aber die meisten nutzen das, um sich herauszuputzen. Auch im Dinner-Saal ist Kleidung Pflicht. Und in den Häfen.

ZEIT ONLINE: Wer schämt sich denn beim ersten Betreten des Bootes mehr, Frauen oder Männer?

Tiemann: Frauen und Männer haben unterschiedliche Sorgen. Frauen wollen sich sicher fühlen. Bei Männern ist es eher die Sorge, dass ihre Körperfunktionen überreagieren. Sie also auf einmal erregt auf dem Deck stehen. Aber das ist, soweit ich weiß, noch nie passiert.

ZEIT ONLINE: Das klingt, als wären Sie bei jeder Fahrt dabei.

Tiemann: Mein Mann und ich sind bei jeder Fahrt mit an Bord.

ZEIT ONLINE: Was mögen denn die Leute daran, nur mit Sonnencreme bekleidet auf Kreuzfahrt zu gehen?

Tiemann: Nackturlaub ist entspannend und wirklich stressfrei. Alle Statussymbole sind auf einmal weg, alles, worauf wir im Alltag dauernd achten.

ZEIT ONLINE: Ziehen Ihre Kreuzfahrten auch ein anderes Publikum an als herkömmliche Rundfahrten? Immerhin entfallen die Sorgen um teure Kleidung.

Tiemann: Unsere Kreuzfahrten sind vielleicht vom Publikum her gemischter. Da treffen sich der Busfahrer und der Großunternehmer. Das Schönste ist: Nackt sieht man ihnen die unterschiedlichen Berufe und Einkommen nicht an. Wir haben aber auch Kreuzfahrten auf kleineren Schiffen, die exklusiver und teuer sind.

ZEIT ONLINE: In den USA generiert die Nackttourismus-Industrie mit Kreuzfahrten, Nackthotels und Ressorts inzwischen mehr als eine halbe Milliarde Dollar Umsatz pro Jahr und wächst rapide. Warum dieser Andrang?

Tiemann: Auch wir Amerikaner werden langsam offener und probieren unterschiedliche Dinge aus. Außerdem: Wer es einmal gemacht hat, schwärmt mit hoher Wahrscheinlichkeit davon. 70 Prozent unserer Passagiere sind schon vorher einmal mit uns gefahren. Das ist ein ziemlich guter Wert für die Tourismusindustrie. Wir haben aber nie Werbung für die Kreuzfahrten gemacht. Das spricht sich einfach herum.

ZEIT ONLINE: Kein Wunder, dass die Gäste wiederkommen. Sie bieten ja auch immer exotischere Ziele an. In Alaska waren sie schon, was kommt als nächstes?

Nancy Tiemann

Nancy Tiemann arbeitete als Bankerin, bevor sie 1990 mit ihrem Mann das Reisebüro Bare Necessities in Austin, Texas, gründete. Seitdem hat sie mehr als 50.000 Nudisten auf Kreuzfahrten vermittelt. Bis heute ist das Ehepaar bei jeder Fahrt an Bord.

Tiemann: Eine Fahrt in die Antarktis würde mich reizen.

ZEIT ONLINE: Ist das nicht ein bisschen frisch?

Tiemann: Auf der Ostsee kann es im Juni auch kühl werden. Die Temperatur ist den Passagieren egal, sie wollen vor allem unter sich sein und eine pittoreske Fahrt erleben.

ZEIT ONLINE: Habe ich noch eine wichtige Frage vergessen?

Tiemann: Nein, wir hatten alles. Ich bin froh, dass Sie nicht nach dem leidigen Sex-Thema gefragt haben. Oft fragen Journalisten, ob die Atmosphäre bei so vielen Nackten nicht irgendwie aufgeladen sei. Unsinn. Zwar geben wir unsere Sexualität beim Betreten des Bootes nicht auf der Brücke ab. Es gibt aber auch hier eine einfache Regel: Alles, was man im Alltag innerhalb eigenen vier Wände tut, gehört auch im Urlaub in die Kabine.

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Leserkommentare
    • Maczin
    • 09. Februar 2013 18:35 Uhr
    1. Herrje

    So ein wirklich riesiges Land im Vergleich zu Deutschland, wo sich keiner über den Weg laufen muss und sie kriegen es nicht mal hin anständige Nudistenreservate zu haben. Dabei ist da ja im Gegensatz zum kleinen Deutschland eh genug Platz. Ich finde es gut wie es um Berlin ist, da geht man in Brandenburg nackt baden im Seen und kümmert sich nicht um Befindlichkeiten.

    4 Leserempfehlungen
  1. Mir fällt dazu der schöne Satz von Richard Rohr ein: "Es ist eins der schönsten Geheimnisse, dass unser Weg zu Gott (und damit zu uns selbst) nicht über unsere Vollkommenheit sondern über unsere Unvollkommenheit geht."
    Auch dass im biblischen Mythos vom Paradies Adam und Eva ursprünglich nackt sind, ohne sich voreinander zu schämen, bekommt hier eine interessante Beleuchtung.
    Man müsste es einmal ausprobieren. Wie heißt der Veranstalter?

    2 Leserempfehlungen
  2. Das beste Argument gegen Kreuzfahrten ist ja, dass man dem Publikum wochenlang nicht entkommen kann. Wenn ich mir dann noch vorstelle, mit Menschen eingesperrt zu sein, die meinen BMI teilen, muss das die Vorhölle sein^^

    4 Leserempfehlungen
  3. ist eine erschreckende Vision. Ein Land, in dem teilweise schon 18-jaehrige Maedchen einen Sitz-Trolley in Anspruch nehmen muessen, wenn sie im Supermarkt shoppen. Wo compact cars wenig gekauft werden, weil die Leute nicht hinein passen. Nancy's "perfekte Koerper" mag man auf ihrem Schiff finden, andenorts sind die selten.

  4. Nackt an Bord eines Kreuzfahrtschiffes herumzutapern.

    Nicht falsch verstehen - ich habe keinerlei Probleme mit Nacktheit dort, wo es sich anbietet.

    Am Strand, beim Schwimmen, beim Spielen, Sonnenbaden etc.

    Aber schon der unbekleidete Aufenthalt im FKK-Restaurant, wo die unbekleideten Körperteile dann in Augenhöhe an der Dame an der Kasse vorbeigetragen werden.

    Iiiiiigitt!

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    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Verklemmt sein, heißt ja gerade, dass man sich für seinen Körper schämt.
    Nebenbei: Wie groß sind sie denn, das die "unbekleideten Körperteile", in Augenhöhe der Dame sind? Oder haben Sie sonst eine Papiertüte über dem Kopf?

    In dem Artikel stand, dass im Restaurant, also der Dinnersaal, Kleidungspflicht herrscht. Das dürfte bei Kleckereien auch wesentlich angenehmer sein.

    • zfat99
    • 10. Februar 2013 0:39 Uhr

    ... die unterschiedlichen Berufe und Einkommen nicht an.

    Falsch! Man sieht es, ganz deutlich. Sogar im Kühlhaus der Prosektur.

    • inecht
    • 10. Februar 2013 7:44 Uhr

    Leider nicht witzig, denn alle riesigen Kreuzfahrt-Schiffe fahren mit unraffiniertem Schweröl.
    Dieser Schwachsinn verbreitet sich wie eine Seuche. Jede Randgruppe bekommt ein individuelles Angebot (sogar hardrock-cruises), damit die Wohlstandsbürger sich in riesigen Dreckschleudern um den Planeten schippern lassen, den sie so nachhaltig zerstören, und dabei noch die Opfer ihrer weltweiten Sklaverei besuchen können.
    Pfui.

    Eine Leserempfehlung
    • inecht
    • 10. Februar 2013 7:45 Uhr

    wo lassen die ihre Knarren???

    2 Leserempfehlungen

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  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Kreuzfahrt | USA | Urlaub | Bikini | Frankreich | Italien
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