Gavin Pretor-PinneyWolkenschweine über dem Vorgarten

Gavin Pretor-Pinney, Gründer der Vereinigung der Wolkenfreunde, hat ein neues Buch veröffentlicht. J. Braun sprach mit ihm über bewölkte Urlaubsorte und perfekte Wellen. von 

Der Autor Gavin Pretor-Pinney

Der Autor Gavin Pretor-Pinney  |  © Riva

ZEIT ONLINE: Herr Pretor-Pinney, Sie haben die Vereinigung der Wolkenfreunde gegründet. Ihr Haus steht in Somerset, im Südwesten Englands. Ist es dort besonders oft bewölkt?

Gavin Pretor-Pinney: Wetterwechsel ziehen oft aus dem Westen über den Atlantik heran. Deswegen bekommen wir sie hier meist ein bisschen früher zu spüren. Ich wohne mit meiner Familie in der Nähe der Somerset Levels. Die heißen so, weil sich dort alles auf einer Ebene befindet. Flache, von Hügeln umgebene Landschaften sind eine ideale Kulisse, wenn man den Himmel beobachten will.  

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ZEIT ONLINE:Wenn man aber nicht auf flacher Ebene wohnt, wo sind Wolken noch angemessen zu beobachten?

Pretor-Pinney: Der beste Ort ist der eigene Garten. Irgendwohin zu gehen bringt meist nichts, weil Wolken selten das tun, was man von ihnen erwartet. Wenn man sich auf den Weg zu einem Aussichtspunkt macht, kann es passieren, dass der Himmel dort blau und wolkenlos oder völlig bedeckt ist, und es gar nichts Interessantes zu sehen gibt. Deswegen muss man sich dort auf die Wolken einlassen, wo man gerade ist, seine Beobachtungen in den Alltag integrieren. Die Kunst besteht darin, innezuhalten und diesen Moment zu genießen.

ZEIT ONLINE: Als professioneller Wolkenbeobachter haben Sie sicher immer eine entsprechende Ausrüstung dabei?

Pretor-Pinney: Nur mein Mobiltelefon. Wenn ich ehrlich bin, habe ich heute, neun Jahre, nachdem ich die Vereinigung der Wolkenfreunde gegründet habe, kaum noch Zeit, um nach Wolken Ausschau zu halten. Jeden Tag erhalte ich zwischen 20 und 40 Fotos von fantastischen Wolkenformationen, die Wolkenfreunde irgendwo auf der Welt aufgenommen haben. Mittlerweile habe ich einen Mitarbeiter, der die eingereichten Bilder sichtet und veröffentlicht. Rund 8.500 solcher Bilder sind auf der Website der Vereinigung zu sehen. Wenn ich Sehnsucht nach einer beeindruckenden Pileus-Wolke habe oder eine dramatische Cumulonimbus sehen möchte, schaue ich ins Archiv.

ZEIT ONLINE: Seit Sie die Vereinigung gegründet haben, kommen die Wolken also zu Ihnen. Vermutlich ist das auch besser für Ihren Nacken.

Pretor-Pinney: Es ist eine Erleichterung. Wenn ich zufällig eine Wolke in Schweineform sehe, suche ich nicht mehr wild nach einer Kamera. Ich bleibe stehen, schaue sie mir an und lasse sie wieder ziehen. Das ist wie eine meteorologische Meditation, sehr Zen.

ZEIT ONLINE: Haben Ihre Lehrer Sie früher oft getadelt, weil Sie den Kopf in den Wolken hatten?

Gavin Pretor-Pinney

Der Oxford-Absolvent Gavin Pretor-Pinney ist Herausgeber des Nichtstuer-Magazins The Idler und Autor mehrerer Bestseller über Wolken und Wolkenformen. Seine Kleine Wellenkunde für Dilettanten erhielt den Royal Society Winton Prize for Science Books. Dieser Tage erscheint in Deutschland Wolken, die aussehen wie Dinge (Riva, 14,99 €). Zurzeit schreibt er an einem Werk über die Ukulele. Der 43-jährige lebt mit Frau und Kind in Somerset im Südwesten Englands.

Pretor-Pinney: Als Kind war ich oft in meiner eigenen Welt versunken, was auch daran lag, dass ich auf meinem rechten Ohr nur eingeschränkt hörte. Es ist schade, dass der Ausdruck "den Kopf in den Wolken haben" negativ besetzt ist. Ein wenig Abstand zum Alltag und dem, was uns tagtäglich beschäftigt, tut zuweilen gut.

ZEIT ONLINE: Gibt es Sprachen und Kulturen, in denen Wolken positivere Bedeutung haben?

Pretor-Pinney: In England stehen Wolken meist für etwas Dunkles oder Schlechtes, das auf einen zukommt. Aber der griechische Dichter Aristophanes beispielsweise macht die Wolken in seinem gleichnamigen Stück zur Schutzgöttin der "sternschnuppenbeguckenden Gaukler". In den Niederlanden nennt man ein properes, rundes Baby eine "Wolke von einem Kind". Und im arabischen Raum sagt man über jemanden, der Glück hat: Sein Himmel ist immer voller Wolken.

ZEIT ONLINE: Sind Länder mit wenig Regen den Wolken zugeneigter als solche, in denen es oft schüttet?

Um Fotos aus dem Buch von Gavin Pretor-Pinney zu sehen, klicken Sie bitte auf dieses Bild.

Um Fotos aus dem Buch von Gavin Pretor-Pinney zu sehen, klicken Sie bitte auf dieses Bild.   |  © Moragh McDonald

Pretor-Pinney: Nicht unbedingt. In Indien wird die Monsunzeit von Wolken angekündigt, die sich steil in den Himmel türmen: Cumulonimbus, Sturmwolken. Und obwohl die Inder wirklich genug von Überschwemmungen geplagt sind, verbinden sie mit diesen Wolken etwas Romantisches, denn mit ihnen beginnt das Wachstum und die Balzzeit der Pfauen. Der Poet Kalidasa hat sogar ein Gedicht in Sanskrit über einen Mann verfasst, der von seiner Liebsten getrennt ist und eine Wolke überredet, dieser eine Nachricht zu bringen. Es heißt Der Wolkenbote.

ZEIT ONLINE: In welchem Land gibt es denn die meisten eingetragenen Wolkenfreunde?

Pretor-Pinney: Die meisten unserer Mitglieder kommen aus England, USA und Australien. Die Deutschen sind aber auch sehr aktiv, genau wie die Italiener. Es hängt wohl davon ab, ob in dem jeweiligen Land der Humor unserer Website verstanden wird oder nicht.

Leserkommentare
  1. "Wenn du einen vollkommen nutzlosen Nachmittag auf vollkommen nutzlose Weise verbringen kannst, hast du gelernt, wie man leben soll."
    Lin Yutang

    • cmim
    • 13. Februar 2013 14:28 Uhr

    und wer zahlen will und gerade nicht googelt:
    Die Freunde der himmlisch zarten Gebilde sind mittlerweile auf 20480 [27. Februar 2010. Im Herbst 2009 waren es noch um die 18000 Mitglieder] angewachsen und gehen weltweit einer himmlisch kontemplativen "Sportart" nach. Während also die einen Englandreisenden vor der dampfenden Teekanne sitzen und köstliche Scones verdrücken, die zum High Tea gereicht werden, stapfen die anderen vielleicht gerade durch das übellaunige Nieselwetter. Ein kleines Grüppchen wetterfest verzurrter Mitglieder der 'Cloud Appreciation Society'.

    mittlerweile noch mehr cloud spotter:
    Januar 2013: 33369 Mitglieder
    in Deutschland: 670
    GB: 19365

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