Grönland: Soweit die Pfoten tragen
Vier Menschen, 21 Hunde, 48 Tage gemeinsam unterwegs – auf Gedeih und Verderb. Arved Fuchs und sein Team erkunden mit einer Hundeschlittentour Grönlands hohen Norden.
Gekürzte Fassung aus National Geographic Deutschland, Ausgabe April 2013, www.nationalgeographic.de
Es ist minus 30 Grad, und es weht ein leichter Nordwind. Es ist Ostern. Seit einer Woche leben wir in Zelten auf dem Eis. Die Häuser von Qaanaaq, einem 650-Seelen-Ort im äußersten Nordwesten Grönlands, sind verlockend nah. Aber wir müssen unseren Organismus an die Kälte gewöhnen – und das geht nur, wenn man draußen lebt.
Mit zwei Hundeschlitten wollen wir eine Expedition in eine Weltgegend machen, die so abgelegen ist, dass selbst die Grönländer sie als Avanersuaq bezeichnen – als das Land im entlegensten Norden. Die Region zwischen der Siedlung Qaanaaq und dem Washington Land im Norden ist eine Art Niemandsland. Durch das Inlandeis und das offene Wasser ist sie von jeder Ortschaft abgeschnitten. Der Klimawandel hat die Landschaft grundlegend verändert. So kann man etwa auf dem Meereis entlang der Küste nicht mehr sicher reisen. Bis Ende Mai wollen wir mit traditionellen Hundegespannen bis zum Washington Land und wieder zurück fahren – rund 800 Kilometer.
Erst vor wenigen Tagen haben wir die Hunde von ihren Besitzern übernommen. Wir Menschen bilden dabei gewissermaßen den Familienvorstand, aber noch haben die Tiere uns nicht akzeptiert. Sie müssen sich an unsere Stimmen gewöhnen, unsere Witterung aufnehmen, Vertrauen fassen – aber gleichzeitig auch Respekt entwickeln.
Am nächsten Tag geht es los. Es sind etwa 80 Kilometer bis Siorapaluk, der nördlichsten Siedlung Grönlands. Die Etappe ist für uns gewissermaßen die Generalprobe. Zum ersten Mal seit unserer Ankunft in Grönland erlauben wir uns den Komfort eines geheizten Hauses.
Am Abend öffnet sich die Haustür und ein lachender Mann tritt ein. Er klopft sich den Schnee von den Kamiks – den traditionellen Stiefeln – und setzt sich zu uns an den Tisch. Ikuo Oshima ist Japaner, lebt aber seit knapp 40 Jahren in Siorapaluk. Ich habe ihn im Sommer 2009 kennengelernt. Ein Jahr später rief ich ihn an und fragte ihn, ob er sich vorstellen könnte, uns auf einer Teilstrecke mit seinen Hunden und einem oder zwei weiteren Jägern zu begleiten. Ikuo antwortete sofort: "Ja – dazu hätte ich Lust." Ikuo und Qidlugtooq, die beiden Jäger, werden uns bis an die Küste des Smithsunds begleiten, an die Rensselaer-Bucht. Dort gibt es eine Hütte, von der aus sie jagen wollen.
Staunend beobachten wir, wie selbstverständlich sich die beiden Jäger in Schnee, Eis und Kälte bewegen. Als wir am Ende des Tages in unsere sturmerprobten Zelte kriechen, graben sie ein etwa ein Meter tiefes Loch in den Schnee und spannen eine Zeltplane darüber. Schlafsäcke haben sie nicht – sie tragen nur ihre Eisbärfellhosen und Parkas; nachts lassen sie die Primuskocher brennen. Die beiden haben auch nur wenig Lebensmittel, geschweige denn Hundefutter dabei.
An der Hütte angekommen, gehen die beiden jagen. Und erspähen Schneehasen, wo wir nichts sehen als weiße Landschaft. An anderer Stelle entdecken sie eine große Herde Moschusochsen. Sie schießen nur die alten Bullen, um den Bestand zu schützen. Die Hunde – auch unsere – erhalten eine doppelte Ration Frischfleisch. Wir teilen alles: Petroleum zum Kochen und Heizen, Kekse, Schokolade, Tee, Kaffee, frisches Wild, unsere gefriergetrockneten Trekkingmahlzeiten.
Es gibt kein Klo, keine Dusche. Um Wasser zu bekommen, müssen wir 500 Meter weit laufen, mit einer Axt Eis aus einem gestrandeten Eisberg hacken, es zur Hütte schleppen und schmelzen. Zum Waschen ist das Wasser viel zu kostbar. In der Hütte stinkt es nach feuchten Tierfellen, gekochtem Fleisch, alten Socken, Petroleum und Hund.
Die Hunde können morgens kaum erwarten, dass es weitergeht. Ein massiver Schneeanker hinter dem Schlitten hindert sie daran, mitsamt der Ausrüstung abzuhauen, bevor der letzte Gegenstand verstaut ist. Wenn schließlich das Kommando kommt – "Hak, Hak", "Lauf, lauf" –, gibt es nichts auf der Welt, das sie bremsen könnte. Erst nach etwa 20 Minuten verfallen sie in eine Art Wolfstrab, den sie stundenlang durchhalten können. Jeder der Hunde braucht täglich ein Kilogramm hochwertiges Futter – etwa 5.000 Kalorien. Wir benötigen etwa 4.500 Kalorien pro Person und Tag. Morgens gibt es eine Müslimischung mit einem Nahrungsergänzungsmittel. Tagsüber einige Energieriegel. Abends wird dann gekocht: Zunächst eine heiße Instantbrühe, angereichert mit Pemmikan, einer sehr nahrhaften Fleischpaste. Dazu gibt es in Fett gebackene Biskuits. Danach das Hauptgericht: Chili con Carne, im Wechsel mit Beef Stroganoff, Ungarischem Reistopf oder Huhn in Curry – alles gefriergetrocknet.
22 Tage sind wir seit dem Aufbruch von Qaanaaq unterwegs. Unsere Gesichter sind von Frost und Sonne verbrannt. Alles ist anstrengend und großartig zugleich.
Weitere Informationen zu diesem Thema finden Sie unter nationalgeographic.de/arved-fuchs











Klasse!
Arved Fuchs erzählt von seinen Expeditionen wortreich und -gewandt. Schon früh als Jugendlicher war er mit Kajak in den nördlichen Breiten unterwegs.
Seit langen Jahren befährt er mit der Dagma Aeen die Polarregionen. Das ist nicht etwa seine Frau, nein, so heißt sein eistauglicher Fischkutter!
Hierzu eine kleine Geschichte....
http://hettichsblog.wordpress.com/2010/06/29/gesichter-des-erfolgs-ohne-„sie“-kommt-polarforscher-arved-fuchs-keine-seemeile-voran/
Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren