Guillermo Martin hat einen der ungewöhnlichsten Arbeitsplätze der Welt. In einem blauen Felsengewölbe rund 180 Meter unter der Erde steht der katholische Geistliche in einem alten Salzbergwerk in den Anden. Hinter ihm im Kirchenschiff ist ein mächtiges Kreuz in die 120 Meter hohe Felswand geschlagen. 16 Meter hoch und zehn Meter breit ist es. Die Menschen vor dem Kreuz wirken winzig in diesem Raum. Jeden Sonntag predigt Martin in der unterirdischen Salzkathedrale im kolumbianischen Zipaquirá, eine Autostunde von der kolumbianischen Hauptstadt Bogotá entfernt. "Was mich immer wieder überrascht, ist die hohe Zahl von Touristen auch aus nicht christlich geprägten Ländern wie Japan oder Indien", sagt Pfarrer Martin.

Rund 70.000 gläubige Christen und neugierige Touristen besuchen allein in der Osterwoche die Catedral de Sal. Am Wochenende und an Feiertagen bringt eine historische Eisenbahn die Besucher aus der Hauptstadt Bogotá in die rund eine Autostunde entfernt gelegene Kleinstadt in die Anden. Den "Tren de la Sabana" nennen die Kolumbianer liebevoll den Zug, der von einer kleinen schwarzen Dampflok gezogen wird. Der weiße Rauch kündigt ihre Ankunft schon von Weitem an.

Einzigartig wegen seiner Farben, seines Raumes und seines Klangs

Die Höhe der Anden, die ungewöhnlich hohe Luftfeuchtigkeit und die Enge einiger Gänge auf dem Weg zur Kathedrale sorgen bei den meisten Besuchern für Kurzatmigkeit. Wer den dunklen Weg hinab in den Salzstollen hinter sich gebracht hat, wird mit einem Spektakel belohnt: Monumentale Kreuze, zierliche Engel und Madonnenstatuen – allesamt aus Salzkristallen gemeißelt – sind die schweigenden Wegbegleiter. Für Pfarrer Martin, dessen Altar von Felswänden umgeben ist, besitzt der Ort eine besondere Ausstrahlung: "Dieser Platz ist einzigartig wegen seiner Dimension, seiner Farben, seiner Architektur, seines Raumes und seines Klangs." 

Es war der deutsche Wissenschaftspionier Alexander von Humboldt, der vor mehr als 200 Jahren den Salzreichtum der Berge rund um Zipaquirá erkannte und den Kolumbianern 1801 empfahl, Stollen in die Berghänge zu treiben. Als das Salz zu Beginn des vergangenen Jahrhunderts abgebaut war, kamen die Bergleute auf die Idee, den leergeräumten Stollen künftig anders zu nutzen und eine Kathedrale zu errichten. 

Mit Erfolg: Bereits die in den fünfziger Jahren geschaffene "alte" Kathedrale lockte viele Besucher nach Zipaquirá. Sie lag 60 Meter höher, wurde aber 1992 aus Sicherheitsgründen geschlossen. Verschiedene Untersuchungen hatten ergeben, dass dem Bau der Einsturz drohte. Etwa 250 Ingenieure, Arbeiter und Lastenträger waren drei Jahre lang mit dem Neubau beschäftigt, ehe der damalige Staatspräsident Ernesto Samper am 16. Dezember 1995 die eindrucksvolle, komplett aus Salz bestehende neue "Catedral de Sal" für die Öffentlichkeit freigeben konnte.