Machu PicchuAnden-Aufstieg mit Isherwood im Gepäck

Christopher Isherwood war ein begnadeter Essayist. In seinem Südamerika-Tagebuch beschrieb er den Aufstieg nach Machu Picchu. Einiges hat sich seitdem geändert. von Ulf Lippitz

Die Ruinen der Inka-Stadt Machu Picchu in Peru

Die Ruinen der Inka-Stadt Machu Picchu in Peru  |  © dpa/Marco Garro

So monumental der Ort, so hingeworfen wirkt der Eintrag: "Heute haben wir den Machu Picchu besucht." Es ist der 16. Januar 1948, der britische Schriftsteller Christopher Isherwood hat ihn verfasst, für sein Südamerika-Reisetagebuch Kondor und Kühe – das nun erstmals auf Deutsch erschienen ist. Aber dieser eine schnörkellose Hauptsatz ist nur der Beginn einer amüsanten Episode und zeigt nebenbei gut, welche Perspektive Isherwood (Goodbye to Berlin) vornehmlich in seinen Schriften einnimmt: die des neutralen Erzählers. "I am a camera", lautet sein berühmtes vielzitiertes Motto.

Isherwood war einer der wenigen Intellektuellen seiner Zeit, die nach Südamerika, ja nach Peru aufbrachen, und sich mehr als einen Monat dort umsahen. Damals war die Reise beschwerlich, keine Busunternehmen kutschierten Reisegruppen über die Anden, und die südamerikanischen Flugpiloten waren für ihren tollkühnen Mut, nicht für ihre Pünktlichkeit bekannt.

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Machu Picchu, Inka-Stadt, Sehnsuchtsort. Wie erlebt ein Reisender 65 Jahre später dieselbe Strecke von der Kolonialstadt Cuzco zur sagenumwobenen Ruinenwelt der Inkas? Vor allem beginnt es mit einer Parallele: mit Bedenken. Bei Isherwood waren es die Anekdoten von anderen Touristen, die er im Hotel von Cuzco aufschnappte. Hauptsächlich Amerikaner, die "eine der Hauptstationen auf dieser großen Via Dolorosa" bereits besucht hatten und die Strapazen des Aufstiegs schilderten. "Das würde ich nicht mal für 10.000 Dollar wiederholen!" – "Muriels Maultier war das gemeinste von allen. Es hat Gras gefressen, direkt am Abgrund, und wollte sich nicht rühren!" – "Als meines anfing zu schliddern, hab ich nur die Augen zugemacht. Ich dachte, oh Gott, das ist das Ende!"

Wie das Ende, so fühlt sich für viele moderne Touristen die Ankunft auf dem Hochplateau an – auf dem Flughafen in Cuzco. Er liegt in rund 3.400 Metern Höhe, jeder deutsche Berg ist kleiner, und hier wachsen noch rundherum Gipfel in den Himmel. Sofort fühlt man sich winzig, es ist jedoch nicht der Größenwahn der Landschaft, der einen in die Knie zwingt, es ist die verdammte Höhenkrankheit. Auch Isherwood litt an ihr. Mit jedem Schritt ächzt noch heute die Lunge, der Mensch schnappt nach Luft, der Kreislauf kollabiert – ob es überhaupt nach Machu Picchu gehen kann, mit solchen Beschwerden?

Es kann, nach einem Tag im Bett. Von Cuzco nimmt man am besten die Bahn, die oben am Bahnhof von Poroy losfährt und gute drei Stunden braucht, um die 110 Kilometer Luftlinie zu bewältigen. Zu Isherwoods Zeiten gab es auf derselben Strecke nur einen Schienenbus – eine Art bessere Straßenbahn, wie es mancher von der Sylter Inselbahn kennt. Christopher Isherwood schreibt: "(Er) fährt in Serpentinen über die Berge nördlich von Cuzco, überquert die landwirtschaftlichen Gebiete des Anta-Tals, steigt hinunter in den brüllenden Dschungelschlund des Urabamba."

Damit ist die Fahrt ziemlich genau umschrieben. Der Unterschied heute: Viele Straßenbaustellen säumen die Gleise in der ersten Hälfte. Vermutlich will das aufstrebende Peru die Infrastruktur aufmöbeln, gerade in diesem abgeschnittenen Teil des Landes, in das nur Bahnschienen und Fußwege führen. Der bekannteste ist der Inka-Trail, ein uralter Wanderweg, der am Ufer des Urabamba beginnt. Touristen dürfen ihn nur mit Führern entlanggehen, 500 Starts pro Tag sind erlaubt. Damit schützt das Land die teils jahrhundertealten Pflaster auf einigen Abschnitten.

Christopher Isherwood (links) steht vor einer China-Reise mit W. H. Auden am Bahnhof in London.

Christopher Isherwood (links) steht vor einer China-Reise mit W. H. Auden am Bahnhof in London.   |  © John F Stephenson/Getty Images

Die Zugfahrt ist im 21. Jahrhundert um einiges luxuriöser als zu Isherwoods Zeiten. Die meisten Reisenden nehmen den Vistadome-Zug, er verfügt über Panoramafenster, gut gepolsterte Ledersitze und einen Snackservice an Bord. Deutlich teurer ist der Luxuszug Hiram Bingham, benannt nach dem amerikanischen Archäologen, der die Ruinenstadt vor über 100 Jahren untersuchte. Der Zug ist ein fahrendes Restaurant mit Musikkapelle und Gratisdrinks. Bereits in der Wartehalle in Poroy – wohlgemerkt zur Frühstückszeit – schenken Kellner so viel Sekt nach, als wäre es der letzte Abend vor der Einweisung in die Betty-Ford-Klinik.

Drei Stunden später die Ankunft im Tal von Agua Calientes. Wenn man den Kopf weit in den Nacken legt, sieht man etwas von dem berühmten Zackenberg-Panorama, tiefdunkles Grün zieht sich die pyramidenförmig aufsteigenden Hänge hinauf. 1948 war der Blick derselbe, nur gab es keine Busse für die Reisenden: "Maultiere warteten darauf, uns den gewundenen Pfad hinauf zum Gipfel zu bringen. ‚Ihres ist das beste’, sagte der Führer, ‚aber Sie müssen es im Auge behalten’. Ich grinste schwach und erinnerte mich an die beunruhigenden Geschichten aus dem Tourist Hotel."

Leserkommentare
  1. ... aber ich würde mir wünschen, dass verstärkt auf die Gefahren hingewiesen wird, die der Stadt durch diesen modernen Massentourismus drohen - bis dahin, dass ohne extreme Vorsicht der ganze Berg unter ihr wegzubrechen droht, wie ich es vor Jahren mal in der Vorbereitung zu einer Präsentation recherchiert habe.

    Eine Leserempfehlung
    • JoeN
    • 10. März 2013 13:27 Uhr

    Es ist ein schöner mystischer Ort, allerdings bietet die Andenregion eine Vielzahl schöner historischer Ruinen, man könnte also den Tourismus geschickter verteilen. Als ich selbst dort gewesen bin und die Tourismus-Massen gesehen habe (Teil davon war) sind mir die einsamen Tage zuvor auf einem TrekkingPfad als der schönere Teil in Erinnerung.

    Der Fluss heißt übrigens Urubamba.

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  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Berg | Peru | Anden | Südamerika
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