Türkisfarben leuchtet die Außenfassade des alten Lissabonner Hauptbahnhofs Santa Apolónia in der Sonne. Er steht am Ufer des Tejo Flusses, kurz bevor er sich mit dem Atlantik vereint. An dieser Stelle beginnen und enden die Fahrten des Raimund Gregorius, der Hauptfigur aus Nachtzug nach Lissabon. Ein Lehrer, der, getrieben von dem Wunsch sein Leben noch mal leben zu können, nach Lissabon reist. 

Auf der Flucht vor seinem langweiligen Alltag in Bern macht sich Gregorius in Lissabon auf die Suche nach Bekannten des verstorbenen Schriftstellers Amadeu de Prado. Die Biografie des Widerstandskämpfers gegen die Salazar-Diktatur dient ihm als Wegweiser durch die Stadt. Amadeu de Prado hat es nie gegeben, Salazar hingegen schon.

Nach Jahren chaotischer Regierungen war António Oliveira de Salazar im Jahr 1932 portugiesischer Ministerpräsident geworden. Anschließend baute er – inspiriert vom faschistischen Italien unter Mussolini – das Land zu einer Diktatur um und nannte sie "Estado Novo" (portugiesisch für "Neuen Staat"). Seine Macht stützte er durch das Verbot aller politischen Parteien außer der Einheitspartei União Nacional, die Einschränkung der Bürgerrechte, Pressezensur, Bespitzelung und Folter.

Wiederholt regte sich Widerstand gegen Salazar: 1927, 1928 und 1931 zettelte das Militär Revolten an. Erfolglos. Auch ein Bombenattentat im Jahr 1937 schlug fehl. Die nächste ernsthafte Gefährdung des Regimes gab es erst wieder 1945, als viele Portugiesen erwarteten, dass die Alliierten Salazar, ähnlich wie Franco in Spanien, unter Druck setzen würden. Doch Salazar unternahm einige Korrekturen an seinem Kurs, die die Alliierten duldeten. Immerhin brauchten sie ihn als antikommunistischen Staatschef im Kalten Krieg. 

Salazar ließ vor Wahlen regelmäßig Oppositionsbewegungen zu und lockerte die Zensur. Saubere Abstimmungen waren dennoch nie sichergestellt, allein schon aufgrund des Wahlrechts. Die meisten Portugiesen durften nicht wählen, darunter alle Analphabeten und fast alle Frauen mit Ausnahme jener mit Studienabschluss und der weiblichen Familienoberhäupter. Trotzdem schaffte es der oppositionelle General Humberto Delgado bei den Präsidentschaftswahlen 1958, das Regime an den Rand einer Niederlage zu bringen. Aber er bezahlte mit seinem Leben dafür – der portugiesische Geheimdienst ermordete ihn.

Der Film zeichnet ein geschöntes Bild der damaligen Zeit. Die historischen Fakten stimmen, doch die Alltagsrealität war weitaus harscher. Die Schilderungen der oppositionellen Aktivitäten folgen eher filmischer Dramaturgie als verbürgten Wahrheiten. Nie hat das Salazar Regime so unter Druck gestanden, wie im Film dargestellt.  

Ganze 36 Jahre lang konnte sich Salazar an der Macht halten, vor allem weil er die verschiedenen politischen Interessen des Landes auszugleichen wusste. Unterstützt wurde er dabei durch die katholische Kirche, die von seinem ehemaligen Studienkollegen Kardinal Cerejeira geleitet wurde. Demonstrationen und Streiks unterdrückte die Republikanische Nationalgarde, die Guarda Nacional Republicana – GNR genannt. Als letzte Waffe konnte Salazar auf die mithilfe der deutschen Gestapo aufgebaute Geheimpolizei Polícia de Vigilância e de Defesa do Estado (PVDE) zurückgreifen.