Paris"So viel Chaos wegen so einem bisschen Schnee"

Wegen des Schneeeinbruchs endete für viele Passagiere ihre Reise in Paris. Hunderte mussten in Zügen übernachten. Ein Besuch auf dem Gare de Lyon von Robert Schmidt

Nichts geht mehr an den Pariser Bahnhöfen, wie hier am Gare du Nord

Nichts geht mehr an den Pariser Bahnhöfen, wie hier am Gare du Nord  |  © THOMAS SAMSON/AFP/Getty Images

Ein abendlicher Besuch auf dem Pariser Bahnhof Gare de Lyon, Frankreichs zentralem Nord-Süd-Knotenpunkt. Im Büro der französischen Bahn SNCF schneidet der Praktikant gerade Essensmarken für die "Gestrandeten" aus. So nennen die Bahnmitarbeiter alle Passagiere, die wegen des Wetters nicht weiterreisen können. Oder besser gesagt wegen des Wetters und des Krisen-Managements der SNCF.

Der knöcheltiefe Schnee hatte bereits Anfang der Woche den Verkehr in der Pariser Region völlig durcheinander gebracht. Sämtliche Vorort-Züge verspäteten sich, viele fielen komplett aus, ebenso jeder zweite Bus und zahlreiche Metros. Außerdem hat die SNCF sämtliche Nachtzüge gestrichen. 100 bis 200 Menschen werden allein auf dem Gare de Lyon die Nacht verbringen – in eigens bereit gestellten Schlafzügen. Das gäbe es öfter mal, erklärt der Einsatzleiter. Noch wissen die Fahrgäste nichts von ihrem Glück.

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"Nur die Alten dürfen ins Hotel"

Gegen 20 Uhr ist die das Informationszentrum voll mit "Gestrandeten". Eine gebrechliche Französin wartet schon seit fast einer Stunde auf eine Antwort. Sie wird in ein Hotel geschickt. Ein Mann, der wegen der Verspätungen seinen Zug nach Marseille verpasst hat, darf ebenso mit wie der Besitzer einer Bahncard100 und zwei japanische Touristen. "Alle kommen in den Schlafzug, nur die Alten dürfen ins Hotel", sagt Mikael Lannoy, Assistent des Bahnhofsdirektors und Krisenmanager. "Nach dieser 15-Stunden-Schicht möchte ich jetzt endlich ins Bett", sagt er zum Abschied. Er kann es immerhin.

Für ein junges deutsches Paar mit kleinem Kind, das gegen 21.30 Uhr den Schalter erreicht, stehen die Chancen für ein Hotelbett dagegen schlecht. Die beiden tragen schwere Rucksäcke, sie wollen mit ihrem Sohn "in Spanien den Frühling verbringen". Am Schalter hat sich inzwischen eine lange Schlange gebildet. Nein, sie hätten "keinen Platz mehr im Hotel", entgegnet die Beamtin und schaut die beiden mit zusammengekniffenen Augen an. Diesen Blick bringt sie allen Fahrgästen entgegen. Während der Vater mit dem Kinderwagen auf dem Bahnhof spazieren fährt, harrt die junge Mutter am Schalter aus, gelegentlich wiederholt sie ihr Anliegen. Eine Stunde später dürfen sie doch ins Hotel. 

Leserkommentare
    • zappp
    • 13. März 2013 10:48 Uhr

    Überlastete Klimaanlagen oder eingefrorene Türen beim deutschen ICE empfand ich durchaus als peinlich.

    Andererseits ist doch überzogen, von unseren Verkehrsmitteln eine Wetterunabhängigkeit zu verlangen, als sei das Land komplett überdacht oder untertunnelt. Oder Kapazitäten für jede beliebige Nachfragespitze bereitzuhalten, ob für Urlauber oder für Pendler. Oder Krisenmanagement auf Luxusniveau.

    3 Leserempfehlungen
  1. 2. Schade

    dass in dem Artikel nicht auf die Gründe eingegangen wird, wieso "so ein bisschen Schnee" die Bahn gänzlich zum Erliegen bringt. Waren die Weichen eingefroren?

    Wurde nicht in den Siebzigern in Deutschland mit dem Slogan "Alle reden vom Wetter - wir nicht", und einem Bild eines durch den Schnee pflügenden Intercitys, für die DB geworben?

    Ich habe ja zunehmend den Eindruck, dass ein bisschen Schnee auch bei uns zu Bahn-Problemen führt.

    8 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • Borian
    • 13. März 2013 12:32 Uhr

    ... wollte die DB auch noch nicht an die Börse.
    Im Zuge des Strebens nach Börsentauglichkeit wurde gespart das die Schwarte kracht, eben auch bei Weichenheizungen.

    Aber schön zu sehen, dass nicht nur die DB Probleme mit dem Winter hat...

    ...dass die Deutschen auch Autofahren bei ein paar Zentimetern Schnee verlernt haben, mit dem alten Käfer ist das nie passiert, aber heute hat man ja die modernen SUV und andere Schlitten mit elektronischem Firlefanz vollgestopft, ESM,ESP,ABS,ASR,AFP - und rutscht dennoch von der Bahn, sollen mal sehen, wie das Russen machen in Sibirien oder mit der Trassib - ohne Elektronik.

  2. ist es beruhigend zu wissen, dass nicht nur die Deutsche Bahn von den Ausläufern des Spätwinters heimgesucht wird. Die anderen haben also genauso zu kämpfen.

    Darüber hinaus teile ich auch die Ansicht, dass man sich nur bestmöglich auf das Wetter vorbereiten, es aber nicht ungeschehen machen kann.

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  3. Wann kommt endlich die Klage gegen die Firma Wetter wg. unzumutbarer Bedingungen und kurzfristigen Änderungen ohne Absprache? Es kann doch nicht sein, dass dieses Wetter unseren geregelten Alltag durcheinanderbringt.

    8 Leserempfehlungen
  4. Zumal die Situation oft auch übertrieben wird. Ich fahre jetzt seit Jahren fast täglich mit der Bahn und die Probleme über die Zeit waren - zumindest für mich - marginal. Somit kann man unterm Strich damit sicherlich zufrieden sein.

    Natürlich heißt das nicht, dass es auch in Deutschland nicht Verbesserungspotenzial gäbe, aber wenn man sich die Bahn in anderen Ländern und gerade wie beschrieben in Frankreich anschaut, dann wird man zu dem Schluss kommen, dass eigentlich alles soweit in Ordnung ist.

    Was den Slogan "Alle reden vom Wetter - wir nicht" angeht muss man vermutlich schauen, was man meint. Früher wollte man halt nicht möglichst ohne lange Umstiegszeiten "on time" in 5h einmal durch die Republik gefahren werden. Das Problem ist doch oft, dass Anschlusszüge aus Kulanz für die Kunden warten und sich Verspätungen dann halt durchziehen, bis irgendwo mal wieder ein längerer Halt im Bahnhof geplant ist (das gibt es ja kaum noch und dort murren dann auch wieder Leute, warum der Zug so lange steht... )

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  5. die Züge (ob FR oder DE) sind zu modern.
    Meine letzte fahrt von Danzig aus war 'spartanisch', habe aber das Ziel erreicht :D

  6. hat auch Probleme seit dem der kanadische Hersteller Bombardier die Züge liefert.

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  7. Naja, wenn man täglich die auf der Strecke Emmerich - Oberhausen unterwegs ist, ist man gerade im Winter einiges gewöhnt.
    Da kommt selten mal ein Zug pünktlich, im Winter gar nicht. Wäre auch nicht weiter schlimm, wenn man das kommunizieren würde. Tut die Bahn aber nicht.

    Dass in Frankreich keiner Englisch spricht, sollte hinreichend bekannt sein... auch außerhalb Europas ;) Rudimentärkenntnisse sind nicht ganz unpraktisch. Aber schon vor 30 Jahren erzählte die Familie, dass man sofort freundlicher behandelt wird, wenn man die Sprache spricht. Finde ich bescheuert, ist doch egal, ob einer Französisch kann oder nicht - kalt ist ihm trotzdem, wenn man ihn stundenlang am Bahnsteig warten lässt und da sollte man entsprechend freundlich sein...

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  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Alte | Bahn | Bahnhof | Französisch | Wetter | Kanada
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