TirolAprès Skilift

Schluss mit Pistengaudi: Der Skilift am Mieminger Plateau in Tirol wurde vor zwei Wintern abgebaut. Jetzt kommen die Wintersportler, denen Ruhe wichtiger ist. von 

Tirol Mieminger Plateau Skilift

Das ehemalige Häuschen des Liftwärters  |  © Sandra Rauch

Der schmale Einsitzer weckt Erinnerungen in den Kniekehlen. An Sitze mit harten Kanten, die aus Lifthäusern schossen und mit großem Schwung in die Beinrücken bissen, an Skitage als Kind. "Bei diesen Sitzen würden heute wahrscheinlich viele Mütter streiken", sagt Rene Föger und zieht den Sicherheitsbügel, eine dünne Metallstange, über die Oberschenkel. Föger, Dreitagebart und blauer Anorak, wippt auf dem ausgemusterten Sessel, der nun zwischen zwei Fichten auf dem Waldspielplatz in Weisland am Mieminger Plateau an einem kurzen Drahtseil hängt.

Das Sonnenplateau genannte Wintersportgebiet ist eine Hochfläche über dem Inntal, eingerahmt von schroffen Bergen, 60 Kilometer von Innsbruck entfernt. Längst ist die Sonne hinter grauen Wolken verschwunden, der Wind bläst Schneeflocken durch die Luft. "Als ich ein Kind war, war der Lift im Winter meine zweite Heimat", sagt Föger. Der Wirt des Hotels Stern in Obsteig, dem größten Ort des Plateaus, erinnert sich gern an diese Zeit. "Ich kam von der Schule, die Tasche flog in die Ecke und dann ging’s zum Grünberg, skifahren." Vor vierzehn Monaten ist Föger zum ersten Mal Vater geworden. Nur wenige Wochen vorher wurde der Skilift am Grünberg, dem einzigen Skigebiet am Mieminger Plateau, für immer abgebaut.

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Rene Föger sitzt in einem der ausgemusterten Liftsessel auf dem Waldspielplatz.

Rene Föger sitzt in einem der ausgemusterten Liftsessel auf dem Waldspielplatz.  |  © Sandra Rauch

Jahrelang ist gestritten worden über diesen Rückbau am Obsteiger Grünberg. Es ging um das Geld, das der kleine Skizirkus mit seiner einzigen Talabfahrt und dem Anfängerhügel jeden Winter verschlang. Ein Minus von 200.000 Euro belastete jede Saison die Kassen von Gemeinde und Tourismusverband. Immer weniger Skifahrer kamen, oft lag zu wenig Schnee und der Lift war so alt, dass er 2004 sogar als Kulisse für einen Film über die Crazy Canucks, eine Gruppe kanadischer Skihelden aus den siebziger Jahren, diente.

Vor allem ging es bei dieser Diskussion um die Ausrichtung der Region: Ist Wintertourismus in Tirol ohne Alpinski attraktiv genug? Das war für viele undenkbar, vor allem für jene, die den Skitourismus-Boom der achtziger Jahre als Gastgeber in Hotels und Pensionen erlebt hatten. Natürlich hätte man modernisieren müssen. Einen modernen Sessellift bauen, Beschneiungsanlagen installieren, dafür ein künstliches Wasserreservoir anlegen. Kostenpunkt: fünf Millionen Euro. Ein Batzen Geld, aber mit einer bereits zugesagten Förderung vom Land Tirol mittelfristig durchaus finanzierbar.

Am Ende setzten sich die Mutigen durch, die Hoteliers und Pensionsbesitzer der jüngeren Generation, die schon lange gemerkt hatten, dass man das Skifahren in der Region nicht mehr verkaufen kann. Im Herbst 2011 wurden die Liftstützen vom Berg abmontiert, einzig der Anfängerhügel mit Schlepplift blieb als Kinderland bestehen. Doch Rückbau allein wäre zu wenig gewesen. Die Gemeinde nahm das Fördergeld vom Land und begann, das Urlaub ohne Abfahrtsla zu vermarkten: Ein neues Loipengerät wurde angeschafft, Schneeschuh- und Skitourenrouten ausgearbeitet und ein Netz geräumter Winterwanderwege geschaffen. Man druckte Werbeprospekte mit Bildern unverbauter Bergpanoramen, bewarb die Ruhe und Ursprünglichkeit der Region.

Leserkommentare
  1. ... stimmendes erstes zartes Pflänzchen.

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  2. Eine selbstgespurte Route hat was. Nicht zu vergleichen mit dem üblichen Pistenrummel.

  3. ...nachdem mir heuer ein Besoffener die Schulter fast kaputtgefahren hat, den Pistenirrsinn mach´ ich nicht mehr mit.

    Eine Leserempfehlung
  4. Im Süden Tirols ist bekanntlich das genaue Gegenteil der Fall, da kann man niemals genuegend Leute stuendlich auf den zerstörten Berg hinauftransportieren; wobei ein Großteil der Einheimischen jenes Tingel-Tangel Spetakel meidet und Tourenski betreibt; abseits des BalaBala Massentourismus, zugeschnitten auf die niedrigen Instinkte und dem schnellen Abkassieren.

    Nordtirol koennte mit diesem Beispiel; weniger ist mehr und nachhaltiger; wo die Natur dann auch bewahrt wird und nicht von Planierraupen und Skipisten auf jeden Berg, wie in Südtirol zerschnitten und zerlegt zu werden; damit die drei Dorfpatriarchen fett abkassieren können, auch für den südlichen Teil ein gutes Beispiel abgeben.

    Obwohl im Südtirol als eine Tourismusdiktatur eines unglaublich niedrigen Brutalitätsschlag, wo es nur und ausschließlich um das schnelle Abkassieren, so niveaulos wie möglich, kurzfristig den CashFlow maximieren, inmitten einer Eventkultur, eines aus der untersten Schublade entspringenden Apre-Ski; da wird man dann wohl nicht weit kommen; wenn die Dümmsten entscheiden; da hat man dann am Ende ein Südtirol wie heute; materiell reich und in allen anderen Bereichen völlig bankrott....kulturell, politisch, gesellschaftlich, menschlich....

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    ... Sie ha'm ja recht. [...]

    Gekürzt. Bitte äußern Sie sich sachlich und respektvoll. Die Redaktion/au

  5. ... Sie ha'm ja recht. [...]

    Gekürzt. Bitte äußern Sie sich sachlich und respektvoll. Die Redaktion/au

    Antwort auf "Im Süden Tirols"
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    Entfernt. Bitte verzichten Sie auf persönliche Anfeindungen. Nutzen Sie den Kommentarbereich bitte, um sich sachlich über den konkreten Artikelinhalt auszutauschen. Danke, die Redaktion/au

  6. 6. [....]

    Entfernt. Bitte verzichten Sie auf persönliche Anfeindungen. Nutzen Sie den Kommentarbereich bitte, um sich sachlich über den konkreten Artikelinhalt auszutauschen. Danke, die Redaktion/au

    Antwort auf "Ja, ja, ja ..."
  7. Der im 20. Jahrhundert entstandene Massentourismus mit Bettenburgen, Gaudiburschen und Convenience-Apfelstrudel (der immer der gleiche ist, ob in Charmonix, Serfaus oder Kitzbühl) wird in den nächsten Jahren weiter zurück gehen. Die Zukunft gehört dem individuellen Nachhaltigkeitstourismus. Egal wie man das bewertet, es wird so kommen.

    Grund 1:
    Ökoligische Verträglichkeit ist ein neues Axiom, welches sich von der "grünen" Avantgarde mittlerweile bis in das bürgerliche Lager vorgearbeitet hat. In 20 Jahren wird es Allgemeingut sein. Ein Bettenburgentourismus ist damit nicht mehr vereinbar.

    Grund 2:
    Wer die Maslow´sche Bedürfnispyramide auf den Wintertourismus herunter bricht, erkennt, dass das Massenbedürfnis "Ski fahren" längst erschwinglich ist und große Teile der Bevölkerung sättigen kann. Ist das Grundbedürfnis erst einmal befriedigt, versucht der Mensch aus der konformen Masse auszubrechen und sich zu individualisieren, sprich sich selbst zu verwirklichen.

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    • deodat
    • 21. März 2013 9:26 Uhr

    Die "Urlaubs-Macher" südlich des Brenners versuchten und versuchen wohl meist den Mittelweg, es gibt Klasse, - aber diktiert wird das Angebot wohl von der Masse!
    Mit dem Angebot "erzieherisch" zu wirken gelingt nur zum kleineren Teil!
    Und so gilt "beim Urlaub machen" ebenfalls das sowohl-als-auch´, diese drei Worte durchziehen die Menschheitsgeschichte und wohl auch das Universum!

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  • Schlagworte Hotel | Tirol | Innsbruck
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