Vereinigte Arabische EmirateIn Sharjahs neuer Altstadt

Das Fürstentum Sharjah will am Reise-Boom des Nachbarn Dubai teilhaben – mit einem eigenen Tourismuskonzept: Anstatt auf Gigantomanie und Luxus setzt es auf Tradition und Kultur. von Olaf Tarmas

Das Emirat Sharjah baut. Es ist ein gewaltiges Projekt, angelegt auf über zwanzig Jahre. Der Emir pumpt enorme Summen in das Vorhaben. So weit, so vertraut: Ein durch Öl zu Reichtum gekommenes Fürstentum am Persischen Golf bastelt an seiner Zukunft als touristischer Destination. Doch was in der Innenstadt von Sharjah, zwanzig SUV-Minuten von Dubai entfernt, entsteht, sieht ein wenig anders aus, als man es vom benachbarten Super-Emirat gewohnt ist. Kein Beton, kein Stahl, kein Glas. Und nein, auch keine künstlichen Inseln in Form von Palmen oder Weltkarten. Stattdessen wird Stein auf Stein gebaut, mit historischem Material: Unter einer schattenspendenden Plane auf dem Gelände des Projekts "Heart of Sharjah" sitzen Arbeiter und klopfen weiße Steine zurecht, aus denen in mühsamer Kleinarbeit die umliegenden Gebäude restauriert oder wiederaufgebaut werden. Die Steine sind uralt, sie bestehen aus Korallen – dem traditionellen Baumaterial für die Häuser der reichen Perlenfischer und Stammesfürsten der Region. Heute darf das Gestein nicht mehr abgebaut werden, und so wird das historische Zentrum von Sharjah aus alter Bausubstanz rekonstruiert.

Villen und ein kleines Fort aus blendend weißem Korallengestein, Hütten aus Palmfasern, weder Elektrizität noch fließend Wasser – so sah es noch bis vor einigen Jahrzehnten aus in Sharjah. Dr. Ali Khalaf, Zoologe und Fremdenführer, ist selbst noch als Sohn eines Fischers in einer solchen Hütte aufgewachsen. "Unser ganzes Leben spielte sich innerhalb der Stadtmauern ab, die bei Einbruch der Dunkelheit zum Schutz vor Überfällen geschlossen wurden", erzählt er. "Es war eine sehr kleine, einfache Welt." Ali Khalafs Vater war Fischer, Analphabet wie neunzig Prozent der Bevölkerung, und nicht besonders wohlhabend. "Wasser war damals noch ein Luxus", erinnert sich Ali Khalaf, "es kam aus einem Brunnen und musste immer erst eine Weile stehen, damit der Sand sich absetzen konnte."

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Windtürme und Korallenmauern: Das "Herz von Sharjah" ersteht wieder auf

Lange Zeit wurde das historische Viertel Sharjahs vernachlässigt, im Laufe der Jahre verfielen die Gebäude, das Viertel wurde von der unansehnlichen Betonmoderne der 1970er und 1980er Jahre überwuchert. Bis 2025 soll nun der historische Stadtkern als "Heart of Sharjah" wiederauferstehen. Doch bereits heute kann man bei einem Besuch des Areals eine Ahnung davon bekommen, wie das Leben hier früher ausgesehen haben mag.

Der Fremdenführer Ali Khalaf zeigt das Haus, in dem er aufwuchs.

Der Fremdenführer Ali Khalaf zeigt das Haus, in dem er aufwuchs.   |  © Olaf Tarmas

In der Bait Al Naboodah etwa, der Korallenstein-Villa eines reichen Perlenhändlers, steht noch der rostige Tresor des Kaufmanns. Liebevoll ist die Einrichtung rekonstruiert, ein kurioser Mix aus Palmmatten, orientalischen Sitzkissen und europäischen Himmelbetten. An der Wand ein Regal mit den Statussymbolen: die allgegenwärtigen, großschnabeligen Kaffeekannen, ein Gewehr, ein Radio. "Bis 1930 lief das Geschäft mit den Naturperlen aus dem Arabischen Golf blendend", sagt Ali Khalaf. "Als die Japaner dann Zuchtperlen einführten, brach der Markt zusammen." In der Küche des Hauses wird Ali Khalaf dann ganz nostalgisch: "Solche großen Kessel über der Feuerstelle kenne ich auch noch aus meiner Kindheit."

Emirat Sharjah: Anreise

Täglich Flüge von deutschen Flughäfen mit Emirates nach Dubai. Von dort aus sind es mit dem Taxi 20-30 Minuten bis ins Nachbar-Emirat Sharjah.
 

Übernachtung

Kleine, interessante Boutique-Hotels - in Sharjah Fehlanzeige. Das Emirat setzt auf (zumeist russische) Gäste mit schmalem Geldbeutel, die verlässlich Sonne tanken wollen. (Alkohol kann man hier hingegen nicht tanken, ist im gesamten Emirat verboten). Z.B. im Coral Beach Resort, mit eigenem Strand. Shuttleservice nach Dubai. Pauschalangebote inkl. Flug um die 600 € pro Woche.
 

Kulturelle Einblicke

Al Noor-Moschee

Jeden Montagvormittag um 10 Uhr kostenlose Führung durch die Moschee & Einführung in die islamische Religion und Kultur in Sharjah. Fotos erlaubt, kniefreier Dress nicht. Buchung privater Führungen unter info@shjculture.com, 06-5482211, www.shjculture.com

"Meet the Locals"

"Kulturelle Präsentation" zu Themen wie Verschleierung, arrangierte Ehen etc. Emirate Handicraft Centre in der Heritage Area, Gruppen ab sechs Personen, Kontakt: experiences@sharjahtourism.ae, Tel + 971 6 519 0918
 

Museen

Bait al Naboodah

Altes Perlenhändlerhaus von 1845 mit Original-Einrichtung im kleinen Altstadt-Distrikt "Heart of Sharjah" gelegen. Öffnungszeiten: Sa-Do 8-20 Uhr, Fr 16-20 Uhr

Sharjah Heritage Museum

Kleine, aber feine Ausstellung zu den lokalen Traditionen vor dem Öl-Zeitalter. Ebenfalls im Heritage-Distrikt gelegen. Öffnungszeiten: Sa-Do 8-20 Uhr, Fr 16-20 Uhr, www.sharjahtourism.ae/de
 

Klimatisiert wurden die Räume durch Windtürme, die die Häuser durch das "Einfangen" des Windes und die damit verursachte Luftzirkulation kühlten. Sie bilden bis heute das markante Gesicht der Altstadt. Fertig renoviert sind auch die Gänge des Al Arsah-Souks. Sie wirken noch etwas unbelebt, als müssten sie erst aus ihrem jahrzehntelangen Schattendasein erwachen. Unter den Ventilatoren des Al Arsah Public Café jedoch lebt die alte Zeit noch fort: Hier treffen sich Ladenbesitzer und Händler aus Iran oder Somalia auf einen Kaffee oder zum Mittagessen. Nur ein paar Schritte entfernt reihen sich die duftenden Gewürzgeschäfte der iranischen Händler. Ihre Ware beziehen sie noch immer wie in alter Zeit – persische Dhaus, bunte, dschunkenartige Holzschiffe, pendeln zwischen Sharjah und Häfen an der iranischen Küste. Das Treiben an den Kais und auf den altertümlich wirkenden Booten gegenüber der Altstadt mutet an wie aus der Zeit gefallen.

Leserkommentare
  1. Durch die wiedererstehende Altstadt von Sharjah bin ich schon vor 10 Jahren gelaufen.

    Vor 10 Jahren bin ich auch noch in einer knappen halben Stunde von Dubai nach Sharjah gefahren. Inzwischen kann diese Zeit nur noch nachts - so zwischen 02.00 und 04.00 Uhr erreicht werden.

    Sharjah ist kein sonderlich reiches Emirat. Das meiste Geld dürfte aus den Nachbaremiraten Dubai und/oder Abu Dhabi kommen. Eine Qasimi-Tochter ist m. W. mit einem der dort Regierenden verheiratet; habe vergessen, mit welchem.

    Es sollte auch noch mal sehr deutlich gesagt werden: Sharjah ist offiziell trocken, den nächsten Stoff gibt's in Dubai oder beim "hole in the wall" in Ajman. Offiziell ...

    Was ich vermisse, ist ein Hinweis darauf, ob diese Reise von irgendeiner einschlägigen Institution gesponsert wurde. Danke.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • Suryo
    • 15. April 2013 12:09 Uhr

    "...Es sollte auch noch mal sehr deutlich gesagt werden: Sharjah ist offiziell trocken..."

    Ja, das ist natürlich eine essentielle Information. Wer hält schon einen "Alt"stadtbummel ohne Schnaps durch.

  2. Ich bestreite, dass der Autor jemals länger in Sharjah war. Sharjah ist vor allem ein Synonym für Billigtourismus aus Russland und der Ukraine. Seit Jahren schon locken dort Hotels mit Discount-Angeboten osteuropäische Touristen an.

    Mir ist es ein Graus, wenn ich in Dubai am Strand liege und die Touristenscharren aus Sharjah kommen. Das hat mit einem Hauch von Orient nicht mehr viel zu tun, sondern erinnert an Massenabfertigung. Vor allem auch darum, weil diese Gäste primär ein Interesse am Strand und an Baden haben und Kultur wenn überhaupt nur in einem kurzen Wüstentrip stattfindet.

    Eine Leserempfehlung
  3. Wenn das Projekt der Restauration der Altstadt von Sharjah abgeschlossen ist (oder schon vorher), möchte ich mir diese Sehenswürdigkeit gerne ansehen. Für mich persönlich klingt die Idee von Sharjah interessanter als die Allerweltsbauten von Dubai. Ich würde es gut finden, wenn man überall auf der Welt versucht in der Architektur neben der zeitgemäßen Modernisierung auch die lokalen Traditionen und Baustile beizubehalten.

    Eine Leserempfehlung
    • Suryo
    • 15. April 2013 12:09 Uhr

    "...Es sollte auch noch mal sehr deutlich gesagt werden: Sharjah ist offiziell trocken..."

    Ja, das ist natürlich eine essentielle Information. Wer hält schon einen "Alt"stadtbummel ohne Schnaps durch.

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  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Dubai | Golf | Somalia | Iran | Abu Dhabi | Burka
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