West-Irland42 Kilometer grüne Stille für Radfahrer

Guinness, Seegras-Suppe und Piraten: Der Great Western Greenway führt Wanderer und Radler entlang einer stillgelegten Bahntrasse durch den äußersten Westen Irlands. von Kristin Oeing

Der Radweg führt durch die Grafschaft Mayo

Der Radweg führt durch die Grafschaft Mayo  |  © Sascha Montag

Graue Wolken wabern um den Croagh Patrick, den heiligen Berg der Iren, schmiegen sich an seine Flanken, verschlucken nach und nach die wenigen Wanderer, die sich auf den Weg zur Kapelle machen, die auf dem Berggipfel thront. Regen zieht in langen Schnüren vom Himmel, graue Dunstschwaden trüben den Blick auf die Clew Bay mit ihren 365 Inseln. Immerhin ist es windstill. Im Schatten des Croagh Patricks beginnt die Reise auf dem Great Western Greenway, ein 2011 fertiggestellter Rad- und Wanderweg in der Grafschaft Mayo, dem äußersten Westen der Republik. Es ist der längste Freizeitweg abseits irischer Straßen, 42 Kilometer grüne Stille.

Die erste Etappe führt von Westport nach Newport, zwölf Kilometer entlang der alten Eisenbahntrasse, die dem Greenway seinen Namen gibt. Bis ins Jahr 1937 schlängelten sich die Schienen der Western Midlands Railway durch das Hinterland der Küstenregion, die einzige Verbindung zwischen dem rauen Westen und dem Rest des Landes. Fischer und Landwirte transportierten ihre Waren von der Achill Island nach Westport, dann weiter nach Dublin. Nach der Stilllegung wuchs 70 Jahre lang Gras über die alte Trasse, weideten Schafe zwischen den Schienen. Dann, vor fünf Jahren, stimmten die gut 40 Landbesitzer der neuen Nutzung der Strecke zu, öffneten ihr Land für den Weg. Nur einer lehnte ab. Heute markiert schwarzer Kies die Strecke für Wanderer und Radfahrer. Die Beschilderung ist gut, die Iren, wenn man denn welche trifft, offen für einen Plausch.

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So auch der Austernfischer Padraic Gannon. Seine mehr als 100 Jahre alte Farm erreicht man über einen Küstenweg kurz vor der Ortseinfahrt in Newport. Der Atlantik schmiegt sich um die Anhöhe mit den Farmgebäuden, die Wellen schwappen sacht an sie heran, ein schmaler Pfad bleibt trocken. "Wenn die Flut hoch ist, wird unsere Farm vom Land abgeschnitten", sagt Padraic Gannon, "dann leben wir auf einer Insel." Angst habe er keine, schließlich besitzt er zwei Boote. Um die Austern an Land zu holen, braucht er die Boote nicht, die Eisennetze mit den Austern legt das Meer bei Ebbe frei. So wie heute. Knietief watet er durch das Wasser, hebt die mehrere Kilo schweren Netze schnaufend vom Meeresboden und hievt sie auf den Anhänger seines rostigen Traktors. Bis zu 30 Tonnen verkauft er jedes Jahr. "Die Preise sind gut und steigen seit drei Jahren an", sagt Padraic Gannon und sticht mit einem spitzen Messer in den Schlitz der Auster, die knackend aufspringt. Ein kurzes Schlürfen. Meerwasser läuft ihm am Mundwinkel herunter, das er mit dem Hemdärmel wegwischt. "Die Preise sind gut für mich, aber schlecht für meine irischen Kunden. Viele können sich Austern im Zuge der Wirtschaftskrise nicht mehr leisten."

Der Austernfischer Padraic Gannon

Der Austernfischer Padraic Gannon  |  © Sascha Montag

Geld für ein Guinness haben viele noch übrig. Am Abend ist der Gráinne Uaile Pub im kleinen Hafenort Newport gut gefüllt. Das historische Seven Arches Viadukt, die alte Eisenbahnbrücke, liegt in Sichtweite. In dem Pub, benannt nach der einstigen Piratenkönigin Grace O`Malley, die die Gewässer der Westküste mit ihrer Kriegsflotte kontrollierte, hat Saileen Drumm, die Schwester des Besitzers, die Hoheit über den Zapfhahn. Die hoch gewachsene Frau erinnert mit ihrem blonden langen Haar und ihrer durchdringenden Stimme unwillkürlich an die Piratenkönigin. "Die Gäste nennen mich gerne Gráinne", sagt sie und lacht laut auf. Seit der Eröffnung des Greenways kämen reichlich Gäste, in der Hochsaison bis zu einem Viertel mehr als früher. Darunter auch prominente Besucher, wie der U2-Sänger Bono oder Fürst Albert von Monaco. Das Essen im Pub kommt aus der Region: gebackene Meeresforelle, Lammrücken auf Kartoffelpüree. Es gibt sogar glutenfreie und vegane Gerichte. Und seit letztem Jahr: den "Greenway Platter", mit geräuchertem Bio-Lachs und Humus.

Am nächsten Morgen geht es bei blauem Himmel mit dem Fahrrad von Newport nach Mulranny. Der Fahrradverleih Electric Escapes bietet neben normalen auch elektrische Fahrräder an. Das Treten der Pedale bleibt zwar nicht aus, doch bergauf geht es mit laufendem Motor deutlich leichter. An der Hauptstraße, nur 50 Meter vom Fahrradverleih entfernt, liegt Kelly's Fleischerei, die seit Neuestem Greenway Pudding verkauft, gebackenes Schweineblut mit Hafermehl. "Jeder Besucher des Greenways muss an meiner Tür vorbei", freut sich Fleischer Seán Kelly. 30 neue Jobs seien in der Region seit der Öffnung der Strecke bereits entstanden. "Unsere Umsätze steigen deutlich an." Auch Seán Kellys Söhne arbeiten im väterlichen Betrieb, eine Seltenheit im Westen Irlands. Viele junge Menschen zieht es nach dem Schulabschluss nach Dublin oder Übersee.

Leserkommentare
    • zackhh
    • 03. Mai 2013 16:16 Uhr

    danke für den artikel. über eine bildergalerie hätte ich mich jedoch sehr gefreut :)

    Eine Leserempfehlung

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