Berberfrauen zerkleinern die Nüsse der Arganie. ©Abdelhak Senna /AFP/Getty Images

Das ist unangenehm, peinlich, wie konnte das passieren. Schnell auf leisen Sohlen verschwinden... Geht aber nicht, denn 30 weibliche Augenpaare starren mich an, verschreckt, irritiert, verärgert.

Ich war neugierig dem fröhlichen Lärm gefolgt, der aus dem Inneren des Hauses der Cooperative Agricole Feminine Taitmatine drang. Bis zu jenem Raum, in dem mehr als 20 Frauen auf dem Boden sitzen und unter heiteren Gesprächen Argannüsse knacken.

Jetzt werden hastig Schleier über die Gesichter gezogen. Die angeregte Unterhaltung verstummt. "Die Sitten in Marokko sind streng, besonders hier auf dem Land", erklärt Fadma Hankar, die junge Direktorin der Kooperative, die plötzlich aufgetaucht ist. Ein fremder Mann dürfe das Gesicht einer Frau nicht anschauen.

Das Arganöl, das die Frauen hier herstellen, hat die Kosmetikindustrie für die Hautpflege ohne chemische Zusatzstoffe entdeckt, als Mittel gegen Faltenbildung oder gegen Neurodermitis. Das zu 80 Prozent aus ungesättigten Fettsäuren bestehende Öl hilft außerdem, den Cholesterinspiegel senken – kein Wunder, dass es auch von Gourmetköchen verwendet wird, etwa zur Verfeinerung von Gemüse oder Salaten.

Inzwischen haben die Frauen ihre Beschäftigung wieder aufgenommen. Versunken in Polstern und Tüchern, brechen sie die Argannüsse auf, die eine ähnlich hellbraun glänzende Schale wie Eicheln haben, aber in der Form eher Oliven gleichen. Hier wird gearbeitet wie vor Jahrhunderten, ohne Maschinen, nur mit Körperkraft und simpeler Technik. Die Frauen klopfen mit einem Stein in ihrer Rechten rhythmisch auf die Nüsse, ein speckiger steinerner Brocken, wie ein Fußschemel vor ihnen abgestellt, dient als Amboss.  

Die Nüsse der Arganie ©Helmut Luther

Die Nüsse sind etwa 15 Mal härter als Haselnüsse. Ihre flachen, milchig gelben Samen in Form und Größe eines Fingernagels, genannt Mandeln, werden in einem Körbchen gesammelt. Die übrig gebliebenen Schalen sowie die trockenen wurstartigen Reste des Pressvorganges dienen als Viehfutter.   

Im Saal schwebt ein zartes Nussaroma. Einige Arbeiterinnen haben sich Pflaster um Daumen und Zeigefinger gewickelt; ein unkonzentrierter Moment, und nicht die Nuss ist aufgeschlagen, sondern der Finger hat einen weiteren blauen Flecken.

Tempo und perfektes Timing sind wichtig bei dieser Tätigkeit. Die Mitglieder der Kooperative verdienen nach Leistung: je mehr Nüsse sie schaffen, desto mehr Geld wird ausgezahlt. Im Schnitt bedeutet das etwa ein Kilo fertiger Mandeln pro Arbeitstag, wofür die Frauen etwa 4,5 Euro erhalten. Acht Kilo Mandeln sind nötig, um daraus einen Liter Arganöl zu gewinnen. Das entspricht der durchschnittlichen Erntemenge eines Arganbaumes. Expertenschätzungen zufolge werden jährlich etwa 10 Millionen Liter Arganöl hergestellt – gemessen an 2,4 Milliarden Litern Olivenöl pro Jahr eine bescheidene Menge.

Das erklärt auch die stolzen Preise: Sechs Euro kostet ein 30-Milliliter-Fläschchen Schönheitsserum aus ungerösteten Mandeln in der Kooperative. Für die Frauen, die zur Hälfte am Gewinn beteiligt sind, bedeutet das gutes Geld. "Viele Männer auf dem Land sind arbeitslos. Das eigene Einkommen macht die Frauen selbstbewusst", erklärt Fadma Hankar.