MarokkoMit Schönheitsöl zur Selbstständigkeit

Baum des Lebens wird die Arganie im Süden Marokkos genannt. Das Öl ihrer Früchte macht glatte Haut, und es gibt Marokkanerinnen finanzielle Unabhängigkeit. von 

Berberfrauen zerkleinern die Nüsse der Arganie.

Berberfrauen zerkleinern die Nüsse der Arganie.  |  ©Abdelhak Senna /AFP/Getty Images

Das ist unangenehm, peinlich, wie konnte das passieren. Schnell auf leisen Sohlen verschwinden... Geht aber nicht, denn 30 weibliche Augenpaare starren mich an, verschreckt, irritiert, verärgert.

Ich war neugierig dem fröhlichen Lärm gefolgt, der aus dem Inneren des Hauses der Cooperative Agricole Feminine Taitmatine drang. Bis zu jenem Raum, in dem mehr als 20 Frauen auf dem Boden sitzen und unter heiteren Gesprächen Argannüsse knacken.

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Jetzt werden hastig Schleier über die Gesichter gezogen. Die angeregte Unterhaltung verstummt. "Die Sitten in Marokko sind streng, besonders hier auf dem Land", erklärt Fadma Hankar, die junge Direktorin der Kooperative, die plötzlich aufgetaucht ist. Ein fremder Mann dürfe das Gesicht einer Frau nicht anschauen.

Das Arganöl, das die Frauen hier herstellen, hat die Kosmetikindustrie für die Hautpflege ohne chemische Zusatzstoffe entdeckt, als Mittel gegen Faltenbildung oder gegen Neurodermitis. Das zu 80 Prozent aus ungesättigten Fettsäuren bestehende Öl hilft außerdem, den Cholesterinspiegel senken – kein Wunder, dass es auch von Gourmetköchen verwendet wird, etwa zur Verfeinerung von Gemüse oder Salaten.

Inzwischen haben die Frauen ihre Beschäftigung wieder aufgenommen. Versunken in Polstern und Tüchern, brechen sie die Argannüsse auf, die eine ähnlich hellbraun glänzende Schale wie Eicheln haben, aber in der Form eher Oliven gleichen. Hier wird gearbeitet wie vor Jahrhunderten, ohne Maschinen, nur mit Körperkraft und simpeler Technik. Die Frauen klopfen mit einem Stein in ihrer Rechten rhythmisch auf die Nüsse, ein speckiger steinerner Brocken, wie ein Fußschemel vor ihnen abgestellt, dient als Amboss.  

Arganie Nuss
Die Nüsse der Arganie

Die Nüsse der Arganie  |  ©Helmut Luther

Die Nüsse sind etwa 15 Mal härter als Haselnüsse. Ihre flachen, milchig gelben Samen in Form und Größe eines Fingernagels, genannt Mandeln, werden in einem Körbchen gesammelt. Die übrig gebliebenen Schalen sowie die trockenen wurstartigen Reste des Pressvorganges dienen als Viehfutter.   

Im Saal schwebt ein zartes Nussaroma. Einige Arbeiterinnen haben sich Pflaster um Daumen und Zeigefinger gewickelt; ein unkonzentrierter Moment, und nicht die Nuss ist aufgeschlagen, sondern der Finger hat einen weiteren blauen Flecken.

Tempo und perfektes Timing sind wichtig bei dieser Tätigkeit. Die Mitglieder der Kooperative verdienen nach Leistung: je mehr Nüsse sie schaffen, desto mehr Geld wird ausgezahlt. Im Schnitt bedeutet das etwa ein Kilo fertiger Mandeln pro Arbeitstag, wofür die Frauen etwa 4,5 Euro erhalten. Acht Kilo Mandeln sind nötig, um daraus einen Liter Arganöl zu gewinnen. Das entspricht der durchschnittlichen Erntemenge eines Arganbaumes. Expertenschätzungen zufolge werden jährlich etwa 10 Millionen Liter Arganöl hergestellt – gemessen an 2,4 Milliarden Litern Olivenöl pro Jahr eine bescheidene Menge.

Das erklärt auch die stolzen Preise: Sechs Euro kostet ein 30-Milliliter-Fläschchen Schönheitsserum aus ungerösteten Mandeln in der Kooperative. Für die Frauen, die zur Hälfte am Gewinn beteiligt sind, bedeutet das gutes Geld. "Viele Männer auf dem Land sind arbeitslos. Das eigene Einkommen macht die Frauen selbstbewusst", erklärt Fadma Hankar.

Leserkommentare
  1. "Die Nüsse sind etwa 15 Mal härter als Haselnüsse. ... dienen als Viehfutter."

    Wie soll denn das funktioneiren ?

    Nicht einmal Haselnüsse fressen die Viecher, hierzulande.

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    • dacapo
    • 09. Juni 2013 22:34 Uhr

    ........ als Viehfutter dienen, sondern die Fruchtschale, die um die Nussschalen sich befinden, wie bei einer Walnuss. Früher ließ man Ziegen auf die Bäume klettern, die dann die Fruchtschalen gegessen haben, die geschlossenen Nüsse dann beim Koten ausscheiden. Diese Nüsse konnten/können dann noch verarbeitet werden. Heutzutage ist es nicht mehr erlaubt, die Ziegen auf die Bäume zu lassen, weil die Äste zerstört werden usw. Vereinzelte Bäume an den Reisestrecken der Touristen sind ausgesucht für die Ziegen, die dann von den Touristen fotografiert werden können, weil es aus den früheren Zeiten bekannt war, die "kletternden Ziegen".

    Eine Leserempfehlung
    • dacapo
    • 09. Juni 2013 22:42 Uhr

    ....... dass die Gesichter der Frauen von fremden Männern nicht angeschaut werden dürfen, stimmt so nicht. Was stimmt, dass sich ab den 80-ern die Kopftücher ein bisschen sorgfältiger den Kopf verdecken sollen. Diejenigen Frauen, die nicht zulassen wollen, oder deren Männer, dass ein Mann das Gesicht nicht sehen soll, haben die nichtmarokkanische Vollschleierverkleidung eingeführt. Die würden aber ohnehin in einem solch "öffentlichen" Raum einer Kooperative nicht arbeiten (dürfen), weil es dort zum Geschäft hört, dass auch fremde Männer die Herstellung sehen wollen oder sich ansehen sollen

  2. der allerdings nicht alle nötigen Infos über Arganöl enthält. Meine Recherche im Internet führte mich zu dieser Seite: http://www.arganoel360.net, wo ich Einiges mehr an Informationen gefunden habe, für die, die sich näher mit Arganöl befassen wollen.

    2 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    "Frauenkooperativen in Marokko" über Schrot und Korn. - Es ist wirklich schade, daß der Artikel nicht umfangreicher informiert. -

  3. Ich komme gerade zurück von einer Reise in die Arganeraie bei der wir die Produzentinnen unseres handgepressten Arganöls besuchten. Erneut konnten wir die großen Veränderungen der Stellung der Frauen in den Dorfgemeinschaften und in den Familien feststellen. Durch das regelmäßige Einkommen und die Ausbildung im Rahmen des Argand’Or Projektes wurde nicht nur die Armut gemindert sondern ist auch das Selbstbewusstsein der Frauen und ihre soziale Stellung in der Gesellschaft deutlich gestiegen.

    In dem 2005 gegründeten sozialen und nachhaltigen Argand’Or-Projekt arbeiten mittlerweile rund 1.300 Frauen, die rund 6.000 Personen ernähren. Mehr über das Argand’Or Projekt, die Kooperation mit der deutschen GIZ und die unterschiedlichen ökonomischen und ökologischen Auswirkungen bei der Herstellung von handgepresstem und maschinell/industriell hergestelltem Arganöl findet man hier: http://www.argandor.de

  4. "Frauenkooperativen in Marokko" über Schrot und Korn. - Es ist wirklich schade, daß der Artikel nicht umfangreicher informiert. -

  5. ...ist leider etwas wenig gesagt worden:

    Ich habe mal etwas weiter recherchiert und diese Aussage gefunden:

    "Die marokkanische Professorin Z. Charrouf hat anlässlich eines Vortrags in Quebec/Kanada über ihre eigene Analyse des Arganöls gesprochen. Sie hat dabei die doppelte Menge (620 Milligramm/Liter) Vitamin E (Tocopherole) nachgewiesen, wie sie in hochwertigem Olivenöl normalerweise vorkommt sowie antibakterielle und pilzhemmende Substanzen."

    "Mehrere unterschiedliche Studien haben bereits darauf hingewiesen, dass das Öl der Arganie zur Vorbeugung bei gewissen Krankheiten eine enorm wichtige Rolle spielen kann" (Quelle: http://www.arganoel-24.de)

    Aber auch das Immunsystem soll dadurch sehr gestärkt werden. Ich finde sowieso, dass wir viel zu selten auf die natürlichen Ressourcen zurückgreifen.

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  • Schlagworte Marokko | Unesco | Nordafrika | MIT | Agadir
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