PhilippinenStrafanstalt mit Gästebett

Wer auf der Sablayan Gefängnisfarm übernachtet, darf keine Angst vor Verbrechern haben. Um den Betrieb aufrecht zu erhalten, nimmt die Anstalt zahlende Gäste auf. von Nicolai Spieß

Ein Insasse rudert über den See auf dem Gelände der Gefängnisfarm.

Ein Insasse rudert über den See auf dem Gelände der Gefängnisfarm.   |  ©Benny Cracker

Ein idyllischeres Plätzchen hätte man sich für ein Gefängnis kaum aussuchen können. Die Sablayan Gefängnisfarm liegt in der Nähe der Küstenstadt Sablayan in einer weiten Ebene, an einem Fluss, dessen Ufer Mungo- und Maisstauden rahmen. Im bergigen Hinterland wuchert einer der letzten unberührten Urwälder der Philippinen. Auf der Farm gibt es weder Schranken noch Sicherheitskontrollen. Raúl Gallego, ein verurteilter Mörder, händigt den Gästen, die eine Übernachtung im Gästehaus des Gefängnisses gebucht haben, ihre Zimmerschlüssel aus. Er trägt eine Machete und ein schüchternes Lächeln. Wen er denn ermordet hat? Statt Gallego antwortet der diensthabende Wachmann Jesse Utreira: "Das war vor 20 Jahren. Raúl ist nun ein guter Mann".

Es gibt keine Einführung für die Übernachtungsgäste, kein Faltblatt, keine Regeln. Nur eine freundliche Begrüßung und ein don’t worry. Sieben Gefängnisfarmen gibt es auf den Philippinen, doch nur die bei Sablayan kann man besuchen. Das Gefängnis ist für Touristen geöffnet, weil diese Einnahmen bringen, und eine Strafanstalt viel Geld kostet. Touristen gibt es viele auf der Insel Mindoro. Die meisten kommen, um die Natur zu genießen. Bei Ornithologen ist besonders das Inselinnere beliebt. Sie übernachten gerne im Gästehaus, denn das Gelände der Farm grenzt an einen der letzten Urwälder Mindoros und an einen idyllischen See.

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Die Führungen durch den umliegenden Siburan Regenwald, in dem der vom Aussterben bedrohte Tamarau sowie unzählige Affenstämme und Vogelarten heimisch sind, leiten die Gefangenen selbst. Archie Gutierrez ist einer von ihnen. Überwacht wird er bei seinen Waldexkursionen nicht. Das Vertrauen der Wärter hat er sich bereits erworben. Drei Arten von Gefangenen gibt es: Einige tragen orangefarbene T-Shirts, sie haben noch mehr als acht Jahre Haft vor sich. Die mit den blauen Shirts verbringen noch mindestens vier Jahre im Gefängnis. Einige tragen Shorts, T-Shirts und Flip-Flops. Sie werden bald entlassen.

Gutierrez gehört zu denen, die ihre Strafe nahezu abgesessen haben. Heute führt er eine Gruppe von Ornithologen zu den Futterplätzen des auf Mindoro endemischen Tariktik-Hornvogels, der an seinem langen Schnabel erkennbar ist. Ein Mindorokuckuck macht durch seinen krächzenden, langgezogenen Gesang auf sich aufmerksam, flattert in seinem schwarzen Gefieder durch das Geäst. Im Hintergrund gurrt die ebenfalls endemische Platentaube. Die Kameras knipsen, die Rekorder laufen, die Ornithologen sind glücklich. Das gibt gutes Trinkgeld für Gutierrez, der mit diesen Führungen seine Familie ernährt. "Wenn Du hier Geld hast, bist Du ein V.I.P", sagt er. "Ohne Geld ist es schwer. Wir bekommen nicht viel zum Essen hier."

Archie Gutierrez
Archie Gutierrez

Archie Gutierrez   |  ©Nicolai Spieß

Gutierrez war einst Taxifahrer in Manilas Stadtteil Quezon City. 17 Jahre ist das her. Mit Drogenschmuggel und Dokumentenfälschung besserte er sein Gehalt auf. Eine Straßenkontrolle erwischte ihn mit 100 Gramm Amphetaminen – er wurde zu zwanzig Jahren Haft verurteilt. Doch im kommenden Jahr wird er wohl dank guter Führung entlassen werden. Der Gefangene genießt ein besonderes Vertrauen der Wärter und damit einige Privilegien. Seit ein paar Jahren darf er mit seiner Frau und seinen vier Kindern in einer Bambushütte auf dem Gelände wohnen. Eine Ausnahme, obwohl auch die Frauen anderer Insassen für einige Tage bei ihren Männern bleiben dürfen. Manchmal sieht man die Frauen mit ausgeworfenen Angeln am See: Sie fangen das Abendessen für ihre Ehemänner.

Die Gefangenen helfen auf dem Feld

"Dank den Überschüssen aus der Landwirtschaft kommen wir mit einem Budget von 200.000 Euro pro Monat aus", sagt Francisco Abuñales, der Gefängnisleiter. Das ist nicht viel, und so sorgen die Gefangenen für ihre eigene Ernährung. Die jüngeren Insassen arbeiten sieben Stunden täglich auf den Feldern, pflanzen Gummibäume und Reis, Mungo-Bohnen und Mais an. Straffällige aus ländlichen Regionen werden in Anbaumethoden und der Schweine- und Hühnerzucht geschult, um die Reintegration nach der Haft zu erleichtern.

Die Feldarbeit wird nicht ständig überwacht. Nur sechs Kameras sind auf dem weitläufigen Gelände mit seinen vier Gebäuden installiert. Es gibt 117 Angestellte und fast 2.500 Gefangene. Da wundert es nicht, dass vertrauenswürdige Insassen selbst zu Aufsehern befördert werden. Oder zu Rinderhirten, Verkäufern oder Touristenführern. Manche der Gefangenen arbeiten auch für die Wärter, von denen einige auf dem Gelände kleine Läden führen, um sich zu ihrem Monatseinkommen von umgerechnet 300 Euro etwas hinzu zu verdienen.

Leserkommentare
  1. 1. [...]

    Entfernt. Bitte verzichten Sie auf pauschalisierende Polemik. Danke, die Redaktion/sam

  2. Dass nur zehn Prozent der Fluchtversuche gelingen, muss sehr beruhigend für die nicht einsitzende Bevölkerung sein.

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  • Schlagworte Urwald | Philippinen | Mallorca
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