Die Taxifahrt in den nächtlichen Dschungel dauert eine halbe Stunde. Hier, in einem Stück Regenwald abseits der Metropole, ist Anand Kumars zweites Zuhause. Hätte er sich früher selbst nicht träumen lassen, eigentlich wollte er mal Tontechniker werden. Doch vor acht Jahren fing er als Tierpfleger im Nachtzoo von Singapur an: Gehege ausmisten, Futter verteilen, kranke Tiere versorgen – das volle Programm. Und er ist geblieben. "Das ist kein Job wie jeder andere, das hier ist Leidenschaft", sagt Kumar und wirft dem Löwen gegenüber ein paar Fleischstücke ins Gehege.

Das mächtige Raubtier hätte sich bei der Essenszuteilung wohl mehr Leidenschaft gewünscht, doch die Miniration hat Methode. "Sie dürfen sich nicht gleich am Anfang satt fressen", sagt Kumar. "Wenn die Besucher hier später vorbeikommen, sollen sie die Tiere in Aktion sehen. Dann gibt’s mehr." Weiter geht es im Elektrobuggy zum Freigehege von Nici und Helga, zwei Lippenbären, die vor drei Jahren aus dem Frankfurter Zoo nach Singapur kamen. Kaum haben die Schwestern den Pfleger erspäht, stürmen sie auch schon vor an den Rand des Sicherheitsgrabens.

Jeder Tierwärter im Nachtzoo von Singapur hat seine Favoriten. Für Kumar sind es Lippenbären, zottelige Wesen mit dichtem, schwarzem Fell und heller Schnauze, die sich am liebsten über Termitenhügel hermachen. Eines dieser Tiere hatte er gleich zu Beginn seiner Laufbahn ins Herz geschlossen – Muthu. "Er war unheimlich schlau", sagt Kumar. "Es machte Riesenspaß, mit ihm zu arbeiten." Doch dann, vor sechs Jahren, musste Muthu wegen einer unheilbaren Lebererkrankung eingeschläfert werden. Den Tag hat Kumar nicht vergessen. "Jeder hier muss lernen, mit so etwas umzugehen", sagt der 33-Jährige, "aber es ist hart".

Pyromanen im Lendenschurz

Während Kumar zur nächsten Station fährt, lassen am Eingang zur Night Safari gerade gut gebaute Feuerschlucker die Luft brennen. Es ist der Auftakt zu einem Zoobesuch der besonderen Art. Nach den Pyromanen im Lendenschurz warten im Amphitheater nebenan die Creatures of the Night, eine Zirkusshow mit nachtaktiven Tieren wie Otter, Marderbär und Tüpfelhyäne. "Ein Tierpark muss Entertainment und Attraktionen bieten, sonst bleiben die Leute weg", sagt Zoodirektor Kumar Pillai. Und der Erfolg gibt ihm recht: An Wochentagen gehen 2.000 bis 3.000 Besucher auf Nachtsafari, am Wochenende sind es täglich bis zu 4.500. Ganze 80 Prozent davon sind Touristen. Die lassen sich auch von den 35 Singapur-Dollar (22 Euro) Eintrittspreis nicht abschrecken. Geld, für das einiges geboten wird.

Der Tierpfleger Anand Kumar © Frank Stern

Die Fahrt in der offenen Safaribahn zum Beispiel, die in 40 Minuten durch sieben geografische Zonen führt. Nahezu lautlos zuckelt der Zug von Afrika über die Ausläufer des Himalajas bis ins burmesische Hinterland. Vorbei an den üblichen Verdächtigen wie Löwe, Tiger und Elefant, aber auch an Tieren, von denen die meisten Besucher noch nie etwas gehört haben. Das Himalaja-Tahr zum Beispiel, irgendwas zwischen Ziege, Schaf und Gämse, oder das Babirusa, ein Wildschwein, bei dem die Hauer fies durch den Oberkiefer brechen.

Während die Zooinsassen, die dem Menschen gefährlich werden könnten, durch Gräben auf Abstand gehalten werden, sind die gemütlicheren Vertreter so nah, dass man nur aussteigen müsste, um sie zu berühren. Bei den Malaiischen Tapiren wäre das an diesem Abend jedenfalls ziemlich einfach. Sie liegen am Rand der Fahrbahn, als habe sie jemand umgekippt. Von wegen nachtaktiv.

Der Zoodirektor Kumar Pillai © Frank Stern

Gelegentlich, wenn nach etlichen Ermahnungen durch die Safariführerin auch der letzte Zugpassagier den Blitz seiner Kamera ausgeschaltet hat und alle nörgelnden Kinder in tiefen Schlaf gesunken sind, kann man etwas erleben, das man in Singapur kaum für möglich hält: Waldesruh. Der Fahrtwind kühlt die feuchte Stirn, die Stimmen der Nacht gaukeln tiefste Wildnis vor, und unter künstlichem Mondschein zieht eine Tierwelt vorbei, wie sie in freier Natur kaum noch anzutreffen ist. Mehr als ein Drittel der über 130 im Nachtzoo präsentierten Arten sind vom Aussterben bedroht.