Simon Tzuangani steht auf der staubigen roten Erde und zeigt mit einem kleinen Stock auf einen riesigen Baum. Mit ein bisschen Fantasie könnten Stamm und Äste auch die Tentakel eines sich aus der Erde reckenden Monsters sein. Das Wesen wächst in alle Richtungen, die Rinde erinnert an wulstige Haut. "Ich heiße Sie am größten Baobab-Baum der Welt willkommen", sagt Tzuangani stolz und lächelt. "Wir nennen ihn Muri Kunguluwa". In Tzuanganis Sprache, der Sprache der Vavenda, bedeutet das "der Baum, der brüllt", weil es so laut ist, wenn der Wind die Blätter des Baobab zum Rascheln bringt.

Die Vavenda sind einer der rund ein Dutzend Stämme in Limpopo, Südafrikas nordöstlichster Provinz. Sie leben in einer Grenzregion nahe Simbabwe, Mosambik und Botswana. Durch ihr Gebiet führt die sogenannte African Ivory Route. Früher war die Elfenbeinroute eine Strecke für Händler auf der Jagd nach Afrikas weißem Gold. Heute ist sie eine alternative Reiseroute für Touristen. Zehn sehr einfache Camps warten entlang der Strecke auf Besucher. Meist sind es Rundhütten ohne Strom und ohne fließendes Wasser.

Die Camps sollen möglichst geringe Spuren in der Natur hinterlassen. Regenwasser wird gesammelt und in großen Tanks gespeichert, gekocht wird über Lagerfeuern oder auf Gasherden. Die Flaschen dafür bringen die Einheimischen, die sich um die Touristen kümmern, mit ins Camp. Es wird darum gebeten, biologisch abbaubare Seife zu benutzen. Die Hütten sind so konstruiert, wie sie die Einheimischen schon seit Jahrhunderten bauen. Hätten die Camps keine Hinweisschilder, würde man sie für ein weiteres Dorf am Straßenrand halten.

Nicht weit vom Tshivhase Camp, an der alten Handelsroute, steht der große Baobab. Die Bäume sind riesige Wasserspeicher und somit wahre Schätze in einer Region, in der Wasser das teuerste Gut ist. Wie Kakteen ist der Baum eine Sukkulente. Drei Viertel seiner Masse sind mit Flüssigkeit vollgesogen.

Die Kultur der Vavenda ist dem Zyklus von Regen und Trockenheit, dem Wasserholen und Bewahren unterworfen. Immer wenn der Regen ausbleibt, bringen sie in einem rituelle Akt Essen für die Ahnen an den Fundudzi See, ihrem heiligsten Ort. Er liegt keine zwei Autostunden von dem großen Baobab entfernt. Der Wassermangel hat die Vavenda einst an diesen See geführt.

Tzuanganis Ahnen kommen ursprünglich aus dem Westen des Landes, aus Mapungubwe. Mapungubwe gilt als erste Hochkultur Afrikas. Von der Stadt mit ihren Königsgräbern ist heute außer Hügeln aus roter Erde nichts mehr übrig. Doch darunter verborgen liegen unzählige Artefakte. Seit hier 1933 zum ersten Mal gegraben wurde, ist die Stätte ein Paradies für Archäologen: Man fand Porzellan, Gold, Kupfer, Elfenbein, Töpfereien und Perlen. Gegenstände und Materialien, die auf einen regen Austausch mit Ägypten, Indien und China schließen lassen. Von Mapungubwe aus fanden die Schätze ihren Weg ins Land, entlang der alten Handelsrouten, auf denen heute die Touristen reisen.

Der Handel florierte, weil die Schiffe auf dem Limpopo bis nach Mapungubwe segeln konnten. Heute ist der Fluss kaum mehr als ein sandiges Bett, doch damals führte er das ganze Jahr über Wasser. Als er versiegte, weil das Klima sich änderte, zogen die Stämme weiter, in alle Himmelsrichtungen. Die Vavenda schlugen ihr Lager am Fundudzi-See auf.